„Darf ich dir meine Plattensammlung zeigen?“

„Beatles oder Rolling Stones?“ lautet die wohl meistgestellte Frage unter Musikliebhabern. Aus den Live-Performances von „Love Me Do“ oder „I Can’t Get No“ nicht wegzudenken sind kreischende Frauen in der ersten Reihe. Das ist Jahrzehnte her, inzwischen verkaufen Popstars wie Lady Gaga am meisten Platten.

Diese Analyse ist am 16.06.2012 in der „Wiener Zeitung“ erschienen

Unverändert scheint hingegen die Vorherrschaft des männlichen Rockstars – das legt zumindest das Primavera Sound Festival nahe, das vergangenes Wochenende in Portugal über die Bühne ging. Dorthin war das Who-is-Who der internationalen Indie-Szene angereist, das gitarrophile Publikum hockte im Gras und lauschte namhaften Bands wie Suede und The Flaming Lips, bis es einem einschießt: Es stand noch keine einzige Frau auf der Bühne. Der Blick auf das mehr als 60 Acts umfassende Line-up zeigt: Keine Frauenbands, weibliche Beteiligung ist rar. Man könnte entgegnen, es gäbe Wichtigeres, als auch noch bei Musikfestivals auf die Quote zu achten. In Vorständen soll es sie geben, in der Politik sowieso, man muss es ja nicht übertreiben. Doch Gleichberechtigung kann nur gesamtgesellschaftlich erreicht werden.

Ob Bandleader oder Präsidentin: Es bringt nichts, wenn Frauen theoretisch alles werden können, ihnen aber praktisch der Zugang verweht wird. Auch im Musikbusiness wird dieser via Machtstrukturen abgesichert. Das beginnt beim männlichen Fachsimpeln und Belächeln von Frauen, die eine E-Gitarre in die Hand nehmen, und endet bei rigiden Bewertungsmustern, indem Musikerinnen „zugute“ gehalten wird, dass sie sich „bemühen“, ihre Instrumente aber nicht beherrschen. Und dem antiquierten Vorurteil, Frauen würde an Schlagzeug und Bass das Talent fehlen, wird durch die Highlights des Primavera – Yo La Tengo, Saint Etienne und The XX – der Wind aus den Segeln genommen.

Die Vorbilder werden also mehr, was nicht zuletzt der Riot-Girl-Bewegung der 90er Jahre zu verdanken ist: Frauen hatten es satt, den musikalischen Untergrund Bands wie Nirvana oder den Sex Pistols zu überlassen, und gründeten Bands. Hier setzen auch die internationalen Girls Rock Camps an, die junge Frauen fördern (auch in Österreich). Von männlichen Groupies und weiblichen Rockstars sind wir noch weit entfernt. Vielleicht wäre es aber ein Anfang, wenn Mädchen Jungs fragen: „Darf ich dir meine Plattensammlung zeigen?“