Die Jugend von morgen

(c) HBO

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Hannah, 24, hat ihren Job verloren und sitzt mit ihren Eltern beim Abendessen, als diese ihr mitteilen, sie ab sofort finanziell nicht mehr zu unterstützen. Was in der Erfolgsserie „Girls“ des US-Senders HBO durchexerziert wird, ist für viele junge Menschen Alltag: Schlecht oder nicht bezahlte Jobs trotz guter Ausbildung, von prekärer, also instabiler, Beschäftigung sind Uni-Bedienstete ebenso betroffen wie Kulturschaffende oder Leiharbeiter. Sie alle versuchen, ihr eigenes Leben zwischen Karriere, Konsum und Selbstoptimierung zu meistern. „Heute ist jeder so mit sich selbst beschäftigt, dass er nicht mehr an andere denkt“: Dieser Ansicht stimmen fast 70 Prozent der unter 30-Jährigen zu.

Interessante Befunde von Bernhard Heinzlmaier und Philipp Ikrath in „Generation Ego: Die Werte der Jugend im 21. Jahrhundert“ Eine Besprechung, erschienen in de „Wiener Zeitung“ am 30.10.2013. Der Originalartikel hier.

Die „Jugend von heute“, wie sie sprichwörtlich von Kulturpessimisten genannt wird, ist aber nicht so protestfaul, wie ihr nachgesagt wird. Arabischer Frühling oder Studentenproteste in Wien, die nach Deutschland überschwappten: Die „Generation Ego“ macht mobil – aber nur um Anliegen zu vertreten, die sie selbst betreffen, wie die Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier und Philipp Ikrath in ihrem gleichnamigen Buch skizzieren. Ein gutes Leben sei zu erreichen, indem man sich an die Meinung der Mächtigen anpasst (auch wenn man diese nicht für richtig hält) und an seinen eigenen Vorteil denkt: Das glauben 50 beziehungsweise 45 Prozent der Jugendlichen, zeigt eine Umfrage unter 16- bis 19-jährigen Wienern.

Mitmacher statt Rebellen
„Galt bis in die 1980er Jahre der rebellische, kritische, zum Widerspruch neigende junge Mensch als Leitbild der Jugendkulturen, ist es heute der angepasste, adrette Mitmacher“, so Heinzlmaier und Ikrath und machen dafür aber nicht die Jugendlichen verantwortlich, denn sie seien nur Abbild der Gesellschaft.

Revolution bedarf Reflexion, postulierte auch der deutsche Regisseur Christoph Schlingensief – doch dafür scheint keine Zeit zu sein im dicht gedrängten Terminkalender: Mehr als die Hälfte der Jugendlichen unter 30 geben an, in der Schule oder im Studium starkem Druck ausgesetzt zu sein, davon besonders betroffen sind Berufseinsteiger unter 20 Jahren.

Das Prinzip der ständigen Arbeit an sich selbst ist für junge Menschen zum Zwang geworden, der auch in den privaten Bereich überschwappt, wie Begriffe wie „Beziehungsarbeit“ nahelegen. Jugend lag einst zwischen Kindheit und Erwachsenenleben, heute wird sie viel weiter gefasst: Manch 11-Jährige sieht sich selbst nicht mehr als Kind, und viele 20-Somethings fühlen sich nur halberwachsen. Indikatoren des Erwachsen-Seins wie finanzielle Selbständigkeit oder Familiengründung haben sich nach hinten verschoben: 1960 bekamen Frauen ihr erstes Kind im Schnitt mit 21 Jahren, heute sind sie 29 Jahre alt – wenn sie überhaupt Mütter werden. Denn Kinderkriegen ist wie Heiraten nicht mehr zwingend Teil der Normalbiografie. Längst zur Norm geworden ist der Jugend-Fetisch. Das tatsächliche Alter spielt eine weniger große Rolle – Hauptsache, man wirkt jung. Kein Wunder also, dass über 50-Jährige mit Umhängetaschen und in Sneakers von Event zu Event ziehen.

Heute fühlen sich viel mehr Jugendliche einer Jugendkultur zugehörig als früher: Zu den größten gehört die Fitness-, Computer- und die Alternativszene; Letztere ist in Österreich sehr stark. Anders als die damaligen Punks, Mods oder Hippies rückt der gesellschaftskritische Aspekt immer weiter in den Hintergrund: Heute stilisieren sich Punks oft eher durch Mode und Musik als mit politischem Aufbegehren.

Jugendliche sind von fast allen Debatten betroffen, werden aber selten explizit angesprochen. „Was politische Maßnahmen für den Einzelnen bedeuten, wird immer nur für große Wählergruppen wie Pensionisten heruntergebrochen“, so Ikrath.

Wenig Vertrauen in Politik
Das Bild vom unpolitischen Jugendlichen, der nur Spaß und Freizeit im Kopf hat, stimmt so aber nicht: 2011 gaben 55 Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 24 Jahren an, sich für Politik zu interessieren (1990 waren es 47 Prozent), damit liegen sie mit Erwachsenen gleichauf. Die Mehrheit der Jugendlichen geht wählen, sechs von zehn 14- bis 29-Jährigen sehen sich links der Mitte, ein Viertel rechts, und 16 Prozent wollen oder können dazu keine Angaben machen. Was „links“ und „rechts“ für sie bedeuten, darüber sagt diese Umfrage nichts aus. Die Autoren gehen davon aus, dass Jugendliche mit diesen Kategorien nicht mehr viel anfangen können. Vielmehr zeigt sich, dass Politiker ein massives Glaubwürdigkeitsproblem haben: Über 80 Prozent haben kein Vertrauen in die politischen Parteien, der Regierung und dem Parlament vertrauen noch zwei Drittel. „Jugendlichen ist klar, das politische Versprechen, durch Bildung bessere Aufstiegschancen zu haben, ist eine leere Worthülse“, heißt es in „Generation Ego“. Dass die Bildung des Einzelnen wenig wert ist, zeigt sich spätestens, wenn junge Akademiker erfolglose eine Bewerbung nach der anderen abschicken. Doch es wird nicht das System verantwortlich gemacht, sondern die Jugendlichen selbst werden mit dem Gefühl, versagt zu haben, zurückgelassen.

Auch die Medien haben ein Glaubwürdigkeitsproblem: Viele Jugendliche zweifeln an der Objektivität der Berichte, wobei Zeitungen, Fernsehen und Radio noch besser abschneiden – doch sie spielen im Leben junger Menschen kaum noch eine Rolle: Mehr als die Hälfte von ihnen holt sich Informationen aus dem Internet, nur 18 Prozent der deutschen Jugendlichen lesen Zeitungen. Heinzlmaier und Ikrath fordern in ihrem Buch Moral als der Politik übergeordnetes Prinzip ein, denn auch die Politik könne nicht verhindern, dass „der Bürger als Souverän toll gewordene Rechtspopulisten an die Macht bringt, die die Todesstrafe einführen, Flüchtlinge abschieben, die Frau zurück an den Herd beordern und ‚die g’sunde Watschen‘ wieder als Erziehungsmittel legalisieren wollen.“ Hierfür brauche es mündige Bürger, „zwei bis drei Stunden Reflektieren würde Jugendlichen mehr bringen als die tägliche Turnstunde“, so Ikrath.

Immer wieder ist vom Revival der Kleinfamilie die Rede, da Jugendliche in Umfragen der Familie einen hohen Stellenwert zusprechen. Damit ist jedoch nicht der Rückzug in das Reihenhaus am Land gemeint. Jugendliche haben ein sehr heterogenes Bild von Familie, weiß Ikrath: „Wenn wir ihnen sagen, sie sollen sich ein Familienfoto vorstellen und uns beschreiben, was sie sehen, reicht das von Zweier-Konstellationen bis zur Großfamilie, manchmal werden auch Haustiere oder Freunde miteinbezogen. Interessanterweise werden Partner oft nicht dazugezählt“, was für ihn zeigt, dass junge Menschen Partnerschaften nicht mehr lebenslang eingehen.

Trennungen als Katastrophe
Geht eine Liebesbeziehung in die Brüche, sind junge Menschen jedoch oft verzweifelt, es komme einer „sozialen Katastrophe“ gleich. Trennungen hätten „mehr als früher Potenzial für emotionale Katastrophen bis hin zum psychischen Zusammenbruch“, so die Autoren. Familie und Beziehung werden „als kleine heile Welt idealisiert, als sicherer Rückzugs- und Fluchtraum, als arkadische Insel der Harmonie, die aus der rauen Wirklichkeit der Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft aufragt.“

Im Arbeitsleben sind ihnen Selbstverwirklichung, nette Kollegen und Freiheit wichtig: 39 Prozent geben an, sie wären gerne selbständig tätig. Mit großer Selbstverständlichkeit haben sich Jugendliche an das rasante Tempo und den Konkurrenzdruck der Wettbewerbsgesellschaft angepasst und nehmen es als ihre Lebensaufgabe wahr, mit Entwicklungen Schritt zu halten. Zwar nehmen Zwänge von außen ab und der Bildungsweg wird aus freien Stücken eingeschlagen. Doch der Druck, jede Entscheidung auf ihre Verwertbarkeit zu überprüfen, ist stark wie nie zuvor.

Und was erwartet die Kinder der heute Jungen, die Jugend von morgen? Die Autoren prophezeien kein Ende der Individualisierung, sondern die unaufhaltsame Ökonomisierung und sehen die Flucht davor im Cyberspace.