Ganztagsschule, peu à peu

Ganztägiger Unterricht als Chance für Kinder aus bildungsfernen Familien.

Abwechselnd wird gelernt, gespielt, musiziert und gesportelt: Dieses Idealbild der „verschränkten“ Ganztagsschule, in der sich Unterricht und Freizeit abwechseln, beschränkt sich in Österreich bislang auf Einzelphänomene.

Dieser Artikel ist am 22.11.2012 in der „Wiener Zeitung“ erschienen und im Original hier zu lesen.

Die politische Diskussion kreist derzeit darum, wer bei der Entscheidung für den Ganztagsunterricht an einem Schulstandort mitbestimmen darf – Lehrer und Eltern wie bisher oder, wie von Bildungsmininisterin Claudia Schmied gewünscht, nur die Eltern. Während inzwischen alle Parteien für die Ganztagsschule sind, ist unklar, in welcher Form: „Verschränkt“ oder als reine Nachmittagsbetreuung.

Die Bildungspsychologin Christiane Spiel bemängelt fehlende Studien zu dem Thema. Es gebe derzeit nicht einmal aussagekräftige Zahlen, wie viele Schüler in Österreich in der offenen oder verschränkten Form betreut werden. Sie betont: Alle internationalen Studien würden für einen Ausbau der verschränkten Form sprechen und zeigen, dass Ganztagsschulen aufgrund der dann fehlenden Belastung durch Hausaufgaben und Lernen mehr Zeit für die Familie bringen.

Mit den vorhandenen Mitteln könne man nur ein Betreuungsproblem beheben, kritisiert Stefan Hopmann, Bildungsforscher an der Uni Wien im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“. Denn, um Schüler mit ganztägigem Unterricht zu fördern, bräuchte es ein Drittel mehr Pädagogen – und das sei nicht finanzierbar.

„Der ganze Tag wird anders“
Der Bildungsexperte plädiert dafür, Ganztagsschulen dort einzuführen, wo sie am notwendigsten gebraucht werden. Anders sieht das Ilse Schrittesser, Professorin für Lehr- und Lernforschung an der Uni Innsbruck: Die Stundenanzahl würde sich durch Ganztagsunterricht – in der Regel beginne dieser zwischen 8 und 9 Uhr und ende um 15.30 Uhr – nicht erhöhen, stattdessen werde „der ganze Tag anders gestaltet“.

Für Schrittesser macht die Ganztagsschule vor allem aus pädagogischer Sicht Sinn: In der gemeinsamen Mittagspause werde nicht nur neue Energie getankt, sondern auch die Beziehung zwischen Schülern und Lehrern gefestigt. Die Kinder dürften jedoch nicht „im engen Klassenzimmer aufbewahrt“ werden, die Räume sollten als „dritter Pädagoge“ fungieren.

„Ich verstehe, wenn Menschen sagen: ‚In diesen Schulen sollen unsere Kindern nicht den ganzen Tag sitzen‘“, sagt Urusla Spannberger. Die Architektin realisiert Schulumbauprojekte und sagt: „Es ist verrückt zu sagen, die Schulen seien zu klein“ – oft bedürfe es nur geringfügiger Veränderungen, um die Räume ganztägig nutzbar zu machen. Gemeinsam mit Schülern, Lehrern, Eltern, aber auch Politikern, dem Landesschulrat und der Gemeinde geht sie auf die Bedürfnisse des jeweiligen Standorts ein.

„Die richtigeren Lehrer“
Schrittesser spricht sich dafür aus, dass Lehrer mitentscheiden, ob ihr Standort ganztägigen Unterricht anbieten soll, denn „ohne Akzeptanz werden sie ihre Arbeit nicht gut machen“. Werden sie zum Nachmittagsunterricht zwangsverpflichtet, müsse man damit rechnen, viele von ihnen zu verlieren, warnt Hopmann: Die Arbeitszeit sei für viele eine Motivation, den Lehrberuf zu ergreifen, sie wollen sich am Nachmittag die Zeit selbst einteilen.

Auch als skandinavische Länder auf Ganztagsschulen umstellten, gingen viele Lehrer – unter ihnen viele Frauen, da der Beruf mit Familie gut vereinbar ist – abhanden. Für Österreich, wo derzeit sowieso Lehrermangel herrscht, würde dies Versorgungsprobleme mit sich bringen, glaubt er. „Vielleicht würden dann aber „die richtigeren Personen Lehrer werden“, meint dazu Schrittesser.

Dass es angesichts des fehlenden Willens der Lehrer und Mängel in der Infrastruktur zu früh für die Einführung der Ganztagsschule sei, glaubt Schrittesser jedoch nicht, denn: „Irgendwann muss man damit beginnen.“ Wichtig sei, systematisch vorzugehen: Bedarfserhebung, Überzeugungsarbeit, Einführung von Pilotschulen in allen Schultypen, dann erst der Ausbau.

Für sie ist es auch ein gesellschaftspolitisches Problem, wenn Kinder einen Vorsprung haben, die mit ihren Eltern zu Hause lernen. Denn während gleiche Chancen und Voraussetzungen wohl immer eine Utopie bleiben werden, zeigen Länder mit ganztägigem Unterricht: Kinder aus bildungsfernen Schichten schneiden in Ganztagsschulen besser ab.