„Hierzubleiben wäre blöd“

Kaum Förderungen und Perspektiven für wissenschaftlichen Nachwuchs in Österreich.

„Wer die Chance hat wegzugehen und es nicht tut, ist blöd.“ Es mag provokant klingen, doch für viele junge österreichische Wissenschafter ist der Weg ins Ausland nur logisch. Er kenne „jede Menge Leute“, die bereits weg sind, sagt Thomas Schmidinger, Politikwissenschafter an der Universität Wien, zur „Wiener Zeitung“. In Stockholm etwa locken unbefristete Stellen mit Kinderbetreuung: „Ein Traum“, so Schmidinger. Dass die Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft prekär sind, ist zwar kein rein österreichisches Phänomen – dass es kaum Nachwuchsförderung gibt, jedoch schon, so der Politologe.

Der Artikel ist am 27.09.2012 in der Wiener Zeitung erschienen.

Jene, die am besten ausgebildet sind, gehen ins Ausland („Brain Drain“) oder steigen nach einigen zermürbenden Jahren ganz aus dem wissenschaftlichen Betrieb aus. Und für Wissenschafter aus dem Ausland ist es wenig attraktiv, sich hier niederzulassen (dies würde man als „Brain Gain“ bezeichnen). Doch wie ist es um die Arbeitsbedingungen junger Wissenschafter hierzulande tatsächlich bestellt?

„Patchwork-Einkommen“
Schmidinger hat ein „Patchwork-Einkommen“: Er ist Lektor an der Uni Wien und der Fachhochschule Vorarlberg, er hat eine 40-Stunden-Woche und verdient „sehr wenig“. Er ist jüngst von einem Forschungsaufenthalt in Prishtina zurückgekehrt, der ihm durch das MOEL-Förderprogramm der Österreichischen Forschungsgesellschaft ermöglicht wurde – dem MOEL wurde im Übrigen gerade der Geldhahn abgedreht. Den 37-Jährigen stören die hohen Anforderungen an Mobilität in seinem Job nicht, er sagt aber auch: „Mit 50 möchte ich das nicht mehr machen.“

Für jene, die Österreich nicht verlassen wollen, wird es schwierig mit der wissenschaftlichen Karriere. Nach der Promotion hat sie erst einmal einige Monate in der Privatwirtschaft gejobbt, erzählt eine 30-jährige Geisteswissenschafterin, die namentlich nicht genannt werden will. Denn qualifizierte Stellen sind rar, von 150 Bewerbungen war nur eine einzige erfolgreich. Sie hat auch das Lehramt studiert – „eine Notlösung“, denn: „Ich habe nicht zwölf Jahre meines Lebens investiert, um Lehrerin zu werden.“ Das Ziel war die Wissenschaft, doch auch ihre jetzige Assistenzstelle an einem geisteswissenschaftlichen Institut ist befristet.

Prekäre werden mehr
Trotz schlechter Bezahlung und unbefristeten Verträgen wächst das wissenschaftliche Personal an den Unis. Das ist vor allem dem Zuwachs der unter 24-Jährigen zu verdanken. Doch ihre Gehälter werden nur zum Teil aus dem Globalbudget der Universitäten bezahlt, immer mehr werden über Drittmittel – etwa vom Wissenschaftsfonds FWF – finanziert. Das ist für Schmidinger, einst Präsident der IG Externe Lektoren und Wissenschafter, per se nicht problematisch, etwa wenn Gelder vom FWF kommen, bei dem es eine klare Vergabepraxis gibt. Kritische Forschung sieht er jedoch gefährdet, wenn Saudi Arabien die Forschung zu Menschenrechten am Institut für Orientalistik mitfinanziert.

Vor 30 Jahren wurden erstmals Posten für externe Lehrbeauftragte geschaffen. Man holte Menschen aus der Praxis an die Unis, um fernab staubiger Theorie zu unterrichten. Man ging davon aus, dass diese sowieso einen gut bezahlten Job hätten und für ihren Uni-Job ein Taschengeld ausreichen würde. Später wurden auch qualifizierte Wissenschafter, für die es gerade keine Stellen gab, mit Lehraufträgen auf Zeit gelockt.

Auch die Stelle von Julia Hoffmann, Universitätsassistentin am Institut für Soziologie der Uni Wien, ist auf sieben Monate begrenzt. „Das österreichische Wissenschaftssystem schreckt mich ab“, sagt die 25-Jährige, denn es gehe nur um Selbstdarstellung, und nicht um Inhalte. Sie ist gerade von einer Summer School in Deutschland zurückgekehrt und hat den Eindruck, dort werde Wissenschaft mehr Wichtigkeit beigemessen. Werden in Österreich Stipendien vornehmlich vom Wissenschaftsfonds, der zentralen Einrichtung zur Förderung von Grundlagenforschung, und der Akademie der Wissenschaften vergeben, stecken in Deutschland auch Stiftungen – auch auf Parteibasis – Geld in Forschung.

„Nicht ohne Forschung“
Doch auch hier werden die Mitarbeiter vor allem auf Projektbasis beschäftigt, und an den deutschen Universitäten werden immer mehr Seniore-Lecture-Stellen geschaffen – von diesen gibt es auch immer mehr in Österreich. Doch bei der Lehrtätigkeit kommt die Forschung oft zu kurz – sie findet, wenn überhaupt, in den Sommerferien statt. „Wenn Lehre und Forschung voneinander getrennt sind, zerstört das die Kernaufgabe der Universitäten“, sagt Schmidinger.

Publizieren, Tagungen, Vernetzung: Für die promovierte Paläontologin Petra Miklas, wurde der Druck zu groß, vor einigen Jahren hat sich die 41-Jährige von der Wissenschaft verabschiedet. Sie sagt: „Man wird nur an der Menge der Publikationen gemessen.“ Und: „Die moderne Marktwirtschaft hat in der Wissenschaft Einzug gehalten, das ist nicht vereinbar.“ Ein Jahrzehnt hat sie sich von Projekt zu Projekt gehangelt. Auf eigene Kosten fuhr sie auf internationale Tagungen, und auch als ihr drittes Kind zur Welt kam, publizierte sie weiter. Nach der Baby-Pause und 300 erfolglosen Bewerbungen landete sie schließlich im Journalismus.

„Die Vertragsregelungen mit wenigen Jahren Laufzeit und der Trend in Richtung Projektforschungsförderung mit nur wenigen Jahren Laufzeit verunsichern selbst jene, die eine Stelle haben“, berichtet Gloria Bottaro vom Dissertanten-Netzwerk Disko. Die Gruppe hat sich ursprünglich formiert, um eine Dissertanten-Konferenz zu veranstalten. Heute besteht sie aus etwa zehn aktiven Mitgliedern, welche die Vernetzung von Dissertanten steuern. Ihre Probleme sind mannigfaltig: mangelnde Betreuungsverhältnisse, zu wenige Stellen oder plötzlich abreißende Karrierepfade.

Dissertanten gegen Elite
Die Kritik von Disko richtet sich gegen die knappen Ressourcen, aber auch gegen das „Exzellenzdenken“. Denn während die Wissenschaftselite nach Exzellenzprogrammen ruft (siehe unten), stehen die jungen Wissenschafter von Disko diesen kritisch gegenüber: Diese würden dazu verwendet, um Eliten heranzubilden und würden Ausschlussmechanismen erzeugen. Dennoch: „Eine wissenschaftliche Karriere ist erstrebenswert“, sagt Bottaro. „Wir forschen leidenschaftlich, wir nehmen die aktuellen Schwierigkeiten und Hindernisse nicht hin; und wir wollen die Freude am Wissen, die die jungen Leute zum Studium bewegt hat, nicht zusammen mit der Hoffnung auf eine Unianstellung den Bach runtergehen lassen.“ Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Der Originalartikel ist hier zu finden.