„Man darf Angriffe nicht persönlich nehmen“

Erschienen in der „Wiener Zeitung“ am 01.09.2011

Top-Managerin Marianne Heiß über Disziplin bei der Karriereplanung, warum sie gegen Frauenquoten ist und Kinder kein Hindernis am Weg nach oben sind.

Bettina Figl: Zwei Prozent der Vorstände sind Frauen. Was machen wir falsch?

Marianne Heiß: Frauen trauen sich einen Job nicht zu, obwohl sie 95 Prozent der Qualifikationen mitbringen. Männer nehmen den Job an, auch wenn sie nur 50 Prozent der Anforderungen entsprechen. Frauen müssen sich mehr zutrauen und besser vernetzen.

Was spielt noch mit?

Es gibt immer noch eine gläserne Decke. Eine Studie zeigt, dass Frauen Barrieren auf dem Weg nach oben in den Weg gelegt werden.

Sie hatten mit 21 Jahren die erste Führungsposition, wie haben Sie es geschafft?

Durch Disziplin. Ich habe mir immer sehr viel zugetraut, mich für Positionen beworben, auch wenn ich noch nicht alle Anforderungen erfüllt hatte. Wenn ich dann den Job bekam, war ich bereit, die Verantwortung zu übernehmen und mit viel Disziplin mit einzusetzen. Dadurch habe ich ein starkes Selbstbewusstsein entwickelt und mir immer Aufgaben mit großer Verantwortung und großem Druck zugetraut. Auf meinem Weg unterstützt haben mich dabei Mentoren.

Wie wichtig ist Planung?

Man sollte seine Ziele kennen und nicht auf einer Position verharren. Das ist bei Frauen oft der Fall. Weil sie in ihrer operativen Aufgabe sehr pflichtbewusst und loyal sind, machen sie sich unverzichtbar und man kommt gar nicht auf die Idee, sie zu befördern.

Was muss sich ändern?

Die Politik muss eine langfristige und nachhaltige Strategie entwickeln und die Kinderbetreuungsmöglichkeiten ausbauen, denn der demografische Wandel ist keine Konstante und die Wirtschaft wird mit einer abnehmenden Bevölkerungs- und Erwerbstätigenzahl nicht wachsen können.

Kinder sind kein Hindernis?

Ich glaube nicht. Ich selbst habe keine Kinder, aber in Deutschland sind vier der acht weiblichen DAX-Vorstände Mütter. Zwei von ihnen leben ein umgekehrtes Rollenbild: Die Männer sind zu Hause und kümmern sich um die Kinder.

Manche Frauen sagen, sie wollen die Zeit bei den Kindern nicht missen. Wollen Sie manchmal tauschen?

Wenn ich von einer 60-, 70-Stunden-Wochen nach Hause komme, in denen man nichts erlebt außer schwierigen Meetings, verstehe ich Frauen, die sagen: Ich gehe bis hierhin, möchte aber nicht den Druck und die Verantwortung einer Top-Management-Position.

Tut es weh, in die Schublade der harten Karrierefrau gesteckt zu werden?

Ich war stark genug, Barrieren oder persönliche Angriffe nicht persönlich zu nehmen. Im Top-Management ist Schwäche nicht angebracht, sie führt dazu, dass der Wert des Unternehmens geschwächt wird und die Aktien fallen. Es hilft, wenn man seinen Job nur als Rolle sieht.

Sie schreiben, wenn es mehr Frauen in der hohen Managementebene gäbe, wäre es nicht zur Wirtschaftskrise gekommen . . .

Ich habe es als Frage formuliert. Gemischte Teams führen zu den besten Ergebnissen. Das habe ich persönlich erlebt, und Studien von McKinsey oder der London Business School zeigen: Rendite, Gewinn, Aktienkurse sind höher, wenn Unternehmen von gemischten Management-Teams und nicht nur von Männern geführt werden.

Sie warnen: Wenn sich nichts ändert, kommt die Quote. Warum sind Sie gegen Frauenquoten?

Die beste Qualifikation sollte die Grundlage für die Entscheidung einer Stellenbesetzung sein. In der Vergangenheit wurden oftmals männliche Kandidaten bevorzugt. In vier Jahren fehlen in Deutschland drei Millionen Erwerbstätige. Durch die Veränderung der Bevölkerungsstruktur können wir nur wachsen, wenn das qualitative immense Potenzial der Frauen genutzt wird. Wir sollten uns nicht von einer Quote abhängig machen und als „Opfer“ definieren lassen. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass sich die Politik nicht in die Unternehmensführung einmischen sollte. Ich verstehe aber den Druck der Politik.

Haben Frauen Männern voraus, dass sie Inhalte voran stellen?

Absolut. Wenn Frauen mit am Tisch sitzen, geht es effizienter zu. Die Motivation mitzugestalten, ist einer unserer USP (Unique Selling Position, Anm.). Frauen mit Familie sind sehr effizient. Macht und Status ist keine Motivation für eine Frau, sondern Wissenstransfer, Informationspolitik, Vorbildfunktion.

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