„Nichts tun zu dürfen, das ist wie geistige Folter“

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Interview mit Heinz Ratz: Der deutsche Musiker ist mit Asylwerbern auf Deutschland-Tour960 Kilometer laufen für Obdachlose, 850 Kilometer schwimmen für den Artenschutz, 7000 Kilometer Radfahren für Flüchtlinge: Der deutsche Musiker Heinz Ratz weiß, wie man Menschen ins Rampenlicht holt, die sonst im Abseits stehen. Als er vor zwei Jahren beim „moralischen Triathlon“ 80 Flüchtlingsheime mit seinem Rad besuchte, fand er auf desaströse Lebensbedingungen – und musikalisches Talent. Mit 30 Asylwebern nahm seine Band „Strom & Wasser“ eine abwechslungsreiche CD auf: Reggae von der Elfenbeinküste, Balladen aus Somalia und Gambia, afghanischer Rap. 50 Mal standen die Refugees heuer auf der Bühne, bis Jahresende wollen sie noch einmal so viele Konzerte geben. Begleitet hat sie ein Kamerateam, im Herbst kommt die Dokumentation „Can’t Be Silent“ ins Kino.

Warum wollen Sie dieses Thema mit Musik an die Öffentlichkeit bringen?

Heinz Ratz: Musik überwindet Sprachbarrieren und vermittelt ernsthafte Botschaften sanfter. Das Publikum geht mit einem guten Gefühl aus dem Konzert, nimmt aber die schrecklichen politischen Hintergrundinfos mit.

Wie geht man auf Tour, wenn die Flüchtlinge sich nicht aus einem Landkreis bewegen dürfen?

Das ist ein Problem, aber das große Medienecho hilft – würden uns die Behörden Reisen nicht bewilligen, würden die Medien Druck auf die Behörden machen.

Sie gehen mit der Asylpolitik der deutschen Regierung hart ins Gericht – doch diese hat Ihnen die „Integrationsmedaille“ verliehen.

Für diesen komischen Alibi-Preis haben mich die Grünen vorgeschlagen, und die Regierung hat zugestimmt. Manche CSU-Politiker haben ja selbst eine Flüchtlingsvergangenheit, vielleicht haben sie sich daran erinnert.

Ein Argument gegen lockere Asylbestimmungen ist, dass nicht jeder bleiben kann.

Darum geht es mir nicht, sondern um die Art, wie man Menschen während des Asylprozesses behandelt. Die Heime sind überfüllt, verschimmelt, es gibt keine Rückzugsräume. Keiner von uns würde nur eine Nacht da bleiben wollen. Es muss ja kein Luxus sein, aber auch keine Strafe, sie haben nichts verbrochen. Viele können nicht zurück in ihre Heimat, weil sie keine Pässe haben, und bleiben jahrzehntelang, ohne etwas tun zu dürfen. Sie sind arbeitswillig und werden vom Arbeitsmarkt abgehalten, obwohl man sie in der Pflege bräuchte. Das ist wie geistige Folter.

Können Sie uns Bandmitglieder beschreiben?

Hossain aus Afghanistan ist 18, mit 15 Jahren kam er über den Iran mit dem Boot in die Türkei. Er war einer der Wenigen, die die Überfahrt nach Griechenland überlebten, auch Kinder starben. In Griechenland kam er zuerst wie alle Flüchtlinge ins Gefängnis. Nach der Freilassung wurde er Straßenmusiker und kam nach Deutschland. Revelino von der Elfenbeinküste ist Pazifist, er war im politischen Widerstand aktiv und wurde verfolgt. Er harrte in einem Containerschiff bei Minusgraden vier Tage ohne Wasser aus. Als er in Deutschland ankam, war er halb verdurstet.

Wie ist es um den Asylstatus der Bandmitglieder bestellt?

Alle sind von Abschiebung bedroht. Es ist fraglich, was passiert, wenn unser Projekt Ende 2013 zu Ende ist. Aber ich glaube, die Öffentlichkeit ist ein Schutz.

In Österreich gibt es seit einem halben Jahr Flüchtlingsproteste, das Medienecho flaute aber ab. Wie stark sind Medien?

Sie sind die einzige politische Macht, die man ernst nehmen darf. Aber für Medien ist es sehr schwierig, Zugang in Flüchtlingsheime zu bekommen.

Wieso sind an Ihrem Projekt keine Frauen beteiligt?

Frauen haben oft noch Schlimmeres durchgemacht, Vergewaltigung oder Prostitution, es bräuchte mehr Zeit, um Vertrauen herzustellen.

Wollen Sie in Österreich auftreten?

Gerne, aber wir brauchen eine Einladung und die Zusage, dass die Wiedereinreise nach Deutschland für die Flüchtlinge gewährleistet ist.

 Dieser Artikel ist am 30.5.2013 in der Wiener Zeitung erschinen und ist hier nachzulesen.