Pisa – ein Test in Schieflage

Die Ergebnisse des bekanntesten aller Bildungstests werden am Dienstag zum fünften Mal veröffentlicht. Österreich soll sich beim Pisa-Test verbessert haben – aber wen kümmert’s?

Zittern, Anspannung und nationale Versagensangst: Wenn am Dienstag in vielen Hauptstädten weltweit die Ergebnisse der internationalen Pisa-Tests bekanntgegeben werden, kommt das auch einer Art Notenverleihung für die Schulsysteme von Berlin bis Mexico City gleich. Seit 15 Jahren werden alle drei Jahre Pisa-Ergebnisse veröffentlicht, für Österreich waren das bisher stets Hiobsbotschaften. Das dürfte heuer anders sein. Die getesteten Schüler dürften sich beim Lesen, dem nationalen Problemfeld, leicht gesteigert haben. Auch mit den Naturwissenschaften soll es hierzulande bergauf gehen, dasselbe gilt für Mathematik, den heurigen Pisa-Schwerpunkt.

Dieser Text ist Anfang Dezember 2013 in der „Wiener Zeitung“ erschienen und hier nachzulesen,

Das OECD- Programm for International Student Assessment (Pisa) testet 15- bis 16-Jährige in den Teilbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. 2012 wurde zusätzlich Problemlösekompetenz erhoben, prinzipiell wird eher Wert auf praxisnahe Aufgaben gelegt als auf Faktenwissen. Weltweit nehmen an Pisa 66 Länder teil. Es werden nicht alle Schüler eines Jahrgangs, sondern eine Stichprobe getestet. In Österreich umfasste sie 2012 rund 5000 Schüler des Jahrgangs 1996. Pro Schule wurden maximal 35 Schüler per Zufall ausgewählt. Nicht erfasst werden Jugendliche, die zum Testzeitpunkt keine Schule mehr besuchen – in Österreich knapp fünf Prozent der Jugendlichen, im OECD-Vergleich ist diese Zahl recht hoch.

Dort erreichten die österreichischen 15- bis 16-Jährigen dem Vernehmen nach 506 Punkte, ein Plus von zehn Punkten und Platz elf unter 34 OECD-Staaten. Damit liegt Österreich hier signifikant über dem Durchschnitt. Zwölf Punkte mehr als 2009 erreichten die Schüler in den Naturwissenschaften (506, Platz 16). Sogar 20 Punkte mehr gab es beim Lesen. Mit 490 Punkten liegt Österreich aber immer noch deutlich unter dem OECD-Schnitt.

Doch wen kümmert’s? Bei Lehrern löst das Stichwort „Pisa“ ohnehin längst kollektives Augenverdrehen aus. Was sagt es über ein Schulsystem aus, wenn Lesen, Rechnen, Schreiben geprüft wird, demokratie- oder gesellschaftspolitische Fragen aber nicht? „Über die Qualität nationaler Bildungssysteme kann man anhand von Pisa nichts sagen“, betont Stefan Hopmann, Bildungswissenschafter an der Uni Wien. Denn was bei dem bekanntesten aller Bildungstests abgefragt wird, ist nicht Teil des Lehrplans, sondern dient lediglich dem internationalen Ländervergleich. Zwar gibt es Staaten, die mit ihren Schülern Aufgaben üben, wie sie bei Pisa abgefragt werden – doch damit verkommt Pisa endgültig zum Selbstzweck. Nationale Tests hätten viel mehr Aussagekraft, da sie das testen, was die Schüler lernen, sagt Hopmann.

Solche Testungen gibt es in Österreich auch seit einem Jahr, die sogenannten Bildungsstandards, die unter Bildungsministerin Claudia Schmied eingeführt wurden. Sie legen fest, über welche Grundkompetenzen Schüler in der vierten und achten Schulstufe verfügen sollten und geben vor, was Schüler bis zum Ende der Volksschule oder Sekundarstufe I können sollen. Gutes Abschneiden bei Pisa könne jedenfalls nicht auf bildungspolitische Maßnahmen zurückgeführt werden, so Hopmann.

Interesse an Pisa schwindet
Die offenbar leicht verbesserten Pisa-Ergebnisse taugen hingegen kaum als Erfolgsbilanz der Ära Schmied, da bildungspolitische Maßnahmen weit länger als nur drei Jahre benötigen. Allerdings sind die 2012 getesteten Schüler die ersten, die von Maßnahmen der SPÖ-ÖVP-Regierung wie der Senkung der Klassengrößen, muttersprachlichem Unterricht und Tagesbetreuung in der Schule profitierten.

Dass Pisa hierzulande für solchen medialen Aufruhr sorgt, beschreibt Hopmann als österreichisches Spezifikum. In den meisten Ländern löst Pisa längst keine große Debatten mehr aus – egal wie gut oder schlecht das Ergebnis ist: „Das erste Mal erschrickst du, aber irgendwann normalisiert sich das, wie bei allen Hiobsbotschaften“, sagt Hopmann und fügt amüsiert hinzu: „In Finnland wird selbst das hohe Lob nur noch zur Kenntnis genommen.“

Bildung als Koalitionsthema
Doch heuer platzt die Veröffentlichung der Pisa-Studie mitten in die Koalitionsverhandlungen hinein, bei denen zuletzt bildungspolitische Grabenkämpfe ausgebrochen sind: ÖVP-Chef Michael Spindelegger hatte zuletzt am Wochenende sein Beharren auf die AHS in ihrer jetzigen Form bekräftigt, nachdem Medien zuvor unter dem Titel „Gesamtschule light“ von einer Einigung auf eine zweijährige „Orientierungsphase“ nach der Volksschule berichtet hatten. Die langjährige SPÖ-Forderung nach der Gesamtschule ist vermutlich vom Tisch. Egal, wie die Pisa-Studie letztlich ausfällt: Es ist anzunehmen, dass die Politik versuchen wird, sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Ob sie dafür wirklich taugen, darüber lässt sich streiten. Inzwischen hat sich vielerorts die Meinung durchgesetzt, dass die Aussagekraft von Pisa beschränkt ist: Die „Zeit“ bemängelt, Pisa würde zu wenig über die Ursachen des unterschiedlichen Abschneidens der Schüler in den deutschen Bundesländern aussagen, die „Süddeutsche Zeitung“ wettert, Pisa sei „moderner Aberglaube“ und habe sich längst von einem „deskriptiven zu einem normativen Projekt entwickelt, das dem Schulunterricht einen neuen Inhalt gibt und seinen Zweck verändert.“ Die „Süddeutsche“ übt auch Kritik an der OECD, die für die Studie verantwortlich ist, einer „politisch gewollten, durch staatliche Verträge gesicherten und institutionell weit überlegenen Agentur, die ihr Betriebssystem für sehr viel Geld verkauft“.

„Keine leichte Kost“
Dass die Leistung von Bildungssystemen gemessen werden soll, ist inzwischen Common Sense. Die Frage ist wie, und von wem. Hopman wünscht sich für Österreich eine qualitative, bildungswissenschaftliche Grundlagenforschung. Dass es solche Bildungsforschungsprogramme in Österreich nicht gibt, bezeichnet Hopmann als „großes Problem: Man versucht im Schatten dessen, was das Bifie ohnehin tut, etwas mitzuerheben“. Denn auch nationale Bildungsstandards würden über Unterrichtsqualität oder Fachdidaktik an den Schulstandorten kaum etwas aussagen. Deutschland habe in Grundlagenforschung „unglaublich viel Geld gesteckt“, das in Österreich fast durchwegs in die Auftragsforschung geflossen ist. Und das, obwohl es an allen Uni-Standorten hervorragende Forscher gebe, so Hopmann. Aber qualitative Forschung habe den „Nachteil, dass politisch nicht leicht verarbeitbare Kost geliefert werden kann“, sagt Hopmann.