Stay as you wish

Es duftet nach Kardamom, junge Menschen versuchen einen Sitzplatz zu erspähen. Ein Stockwerk tiefer werden Sessel über Köpfe gehievt und Tische zusammengeschoben. Es ist 12 Uhr, der Wiener Deewan – das pakistanische Restaurant unweit der Haupt-Uni – wird von hungrigen Studenten regelrecht gestürmt.

Dieser Artikel ist am 9.12.2012 im „Wiener Journal“ erschienen und im Original hier zu lesen.

Mit ihren Tellern drängen sie sich um dampfende Currys, von denen die Gäste selbst am Buffet schöpfen. Das Lokal in Wien-Alsergrund ist fixer Bestandteil im Alltag vieler Studenten, sogar Sponsionen werden hier gefeiert: „Meine Großmutter sollte erfahren, wer mich all die Jahre durchgefüttert hat“, erklärt der Absolvent. Doch auch Geschäftsleute und Bettler stillen hier ihren Hunger – etliche von ihnen täglich.

Denn die Preispolitik des Deewan – „pay as you wish“ oder „zahl was es dir wert ist“ – ist einzigartig. Im Schnitt geben die Gäste fünf Euro, manchmal auch weniger – wenn sie es sich trauen. Denn offensichtliches Ausnutzen duldet Geschäftsführerin Natalie Deewan nicht: „Wenn jemand an der Kassa erst seine Elektrogeräte auspackt und dann einen Euro hergibt, erlaube ich mir schon, etwas zu sagen“, erklärt die agile 33-Jährige.

„Mit den Fingern schmeckt es besser“
Der 29-jährige Tajammul Husein isst mit den Fingern und sagt: „So schmeckt es besser.“ Der Doktorand kommt ursprünglich aus Baltistan, einer Region im pakistanisch verwalteten Teil des Kaschmirgebietes – sein Dorf liegt am Fuße des K2 – und lobt das Essen im Deewan für seine Authentizität. Regelmäßig nimmt er dafür die lange Anfahrt von seiner Wohnung in Hütteldorf am äußersten Rande Wiens in Kauf.

Mit seinem Lob für die Currys ist er nicht alleine: Bereits bei der Gründung des Lokals 2005 hat eine Wiener Wochenzeitung diese als „abartig gut“ beschrieben. Die Gewürze reibt Co-Geschäftsführer Alzaal Deewan von Hand, er verwendet die Rezepte seiner Mutter. Mango-Chutney oder Milchreis mit Mangos: Freunde dieser exotischen Frucht kommen voll auf ihre Kosten; pikanter geht es bei gut gewürztem Lammspinat, Paprikahuhn oder Kürbisgemüse zur Sache.

Rund 450 Menschen essen täglich im Deewan, zu Semesterbeginn fallen ganze Erstsemestrigentutorien hier ein, 50 Kilogramm Hühnerfleisch und 60 Kilogramm Kartoffeln werden pro Tag vertilgt. Getränke – wie das wunderbar cremige Mango-Lassi – sind extra zu berappen, doch die meisten Gäste bleiben beim Wasser.

Wie geht sich das aus? Veröffentlicht wird das bis ins Detail im Internet – darüber war die Steuerberaterin erst sehr verwundert, berichtet Natalie und lacht, doch ihr sei Transparenz ein Anliegen. Auf deewan.at ist nachzulesen, dass trotz Umsatzsteigerungen der Gewinn gleichbleibend ist. Okra vom indischen Großhändler, Gemüse vom Kartoffelbauern Hertl aus dem Weinviertel und – für die muslimischen Gäste wichtig – Halal-Fleisch vom Hannoveraner Markt: Bio geht sich bei der Preispolitik nicht aus, wenngleich sie sich zu Beginn vergeblich nach Bio-Halal-Fleisch umgeschaut hat, berichtet Natalie.
Sie ist es auch, die für die Gestaltung des Lokals verantwortlich ist: Die Wände sind bunt bemalt und mit einer eigens kreierten Schriftart verziert, an dem kein Buchstabe dem anderen gleicht. Natalie liebt es, mit Sprache zu spielen. In der Küche steht Natalies Ehemann Afzaal, gebürtiger Pakistani und eigentlich Cricketspieler. Gemeinsam haben sie das ehemalige Steakhaus vor sieben Jahren übernommen.

Doch das junge Paar mit dem unkonventionellen Businessplan sah sich bald mit ganz anderen Problemen konfrontiert: 2006 trat ein neues Fremdenrechtspaket in Kraft, Übergangsfristen waren keine vorgesehen. Damit stand Afzaal – trotz seiner Ehe mit einer Österreicherin – plötzlich ohne legalen Aufenthaltsstatus da. Zusätzlich zu seinen 15-Stunden-Arbeitstagen musste er Deutschkurse besuchen, und der Antrag auf Niederlassung muss seit 2006 vom Herkunftsland aus erfolgen – Afzaal hätte also sein Lokal schließen und nach Pakistan zurückkehren müssen.

Die Deewans – die 2006 noch vom Wirtschaftsministerium als Jungunternehmer prämiert wurden – schlossen sich „Ehe ohne Grenzen“ an und protestierten zwei Jahre lang wöchentlich vor dem Innenministerium gegen die Auswirkungen des Fremdenrechts.

Der Ausweg aus der Pattstellung: die Ausrufung des Ausnahmezustands in Pakistan 2007, der Antrag konnte aus humanitären Gründen von Österreich aus gestellt werden. Seither hat Afzaal einen Aufenthaltstitel, der erst jährlich, nun für drei Jahre verlängert wurde. Will er jedoch etwa eine Gemeindewohnung beantragen, muss er weiterhin Deutsch-Tests absolvieren (inzwischen wird B1-Niveau verlangt). Aus Protest spricht er fast ausschließlich Englisch und sagt: „Wir müssen nicht alle Deutsch auf Uni-Niveau sprechen.“

Der Wiener Deewan – Essen für alle
Liechtensteinstraße 10, 1090 Wien
Montag bis Samstag 11 bis 23 Uhr,
Sonntag und Feiertag geschlossen
http://deewan.at