Schlagwort-Archiv: Interview

Kein Heilmittel gegen Politikverdruss

(c) David Außerhofer

Demokratieforscher Wolfgang Merkel (c) David Außerhofer

Hoffnungen auf mehr Demokratie durch das Internet haben sich nur zum Teil erfüllt – Parteien bleiben Reformen nicht erspart.

Keine Frage: Das Internet hat den Zugang zu Informationen erleichtert. Doch das führt nicht automatisch zu größerer politischer Kompetenz oder stärkerer Partizipation. Das zeigt eine aktuelle Studie der Otto Brenner Stifung. „Das Internet bringt keine Wähler zurück“, lautet das ernüchternde Fazit von Studienautor und Demokratieforscher Wolfgang Merkel. Er hat untersucht, inwiefern Referenden, digitale Demokratie und deliberative Verfahren die repräsentative Demokratie stärken kann.

Dieses Interview ist am 12.6.2015 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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„Schöne neue, brüchige Arbeitswelt“

Ein Interview mit Erziehungswissenschafterin Ulla Klingovsky über selektive Schulsysteme, prekäre Jobs und gefährliches Expertentum.

Während in der Bildungspolitik derzeit sehr oft vom lebenslangen Lernen die Rede ist, kritisieren Sie diesen Ansatz. Wieso?

Ulla Klingovsky: Weil die Gefahr besteht, dass sich der Staat und die Gesellschaft damit zusehends aus der Verantwortung ziehen und das Geschehen dem Markt überlassen. Ob der Einzelne am Arbeitsmarkt scheitert oder Erfolg hat: Dafür wird er allein verantwortlich gemacht.

Aber ist denn der Staat verantwortlich? Was ist mit der Verantwortung des Einzelnen?

Die Geschichte der Erwachsenenbildung ist eine politische. Menschen haben sich aus der Unmündigkeit befreit und der Vernunft bedient. Doch dieser Gestaltungsspielraum ist aufgrund der gesellschaftlichen Transformationsprozesse der vergangenen Dekaden aus dem Blick geraten. Es ist völlig verloren gegangen, dass es eine gesellschaftliche Verantwortung für unser Miteinander gibt. Es ist die Aufgabe des Staates, die strukturellen Bedingungen für Bildung zu schaffen, zu stärken und gesetzlich zu verankern, dass jeder Mensch ein Recht auf Weiterbildung hat – das ist ganz etwas anderes, als zur Pflicht der Weiterbildung aufzurufen.

Das Interview ist am 26.12.2014 in der Wiener Zeitung erschienen.

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„Layouter des Todes“

Das Selfie ist mehr als nur narzisstisch motiviert, sagt Medientheoretiker Rámon Reichert. Im Interview beschreibt er, wie sich IS-Kämpfer trotz Bilderverbots dieses neue Medium zunutze machen. Seine Lehrveranstaltung „Selfies. Eine Kultur- und Mediengeschichte der Selbstdarstellung“ findet im Wintersemester 2014 an der Uni Wien statt.

Das Interview ist am 12.11.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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„Es wird eine moralische Agenda verfolgt“

(c) Stanislav Jenis

(c) Stanislav Jenis

Der Sexarbeitsmarkt wird nicht von Menschenhandel dominiert, sagt Soziologin Julia O’Connell Davidson.

Bei Sexarbeit wird oft unterstellt, dass Menschenhandel im Spiel ist. Junge Frauen, die in Osteuropa gekidnappt werden und in Westeuropa zur Prostitution gezwungen werden: Passiert das oft oder sind das Einzelfälle?

Julia O’Connell Davidson: Ich sehe das oft in den Medien, aber nicht in der Realität. Natürlich gibt es furchtbare Missbrauchsfälle, aber die gibt es überall, auch im Bereich häuslicher Gewalt.

Dieser Artikel ist am 10.10.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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„Verdrängung gibt Bordellbetreibern viel mehr Macht“

Soziologin Helga Amesberger erklärt, wie das Verbot des Straßenstrichs im Wohngebiet die Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen verschlechtert hat

Mit dem jetzigen Gesetz scheint kaum jemand zufrieden zu sein. Was muss sich ändern?

Helga Amesberger: Der Gesetzgeber hat vernachlässigt, autonomes Arbeiten von Frauen zu ermöglichen. Hausbesuche wurden zwar legalisiert, aber Wohnungsprostitution ist nach wie vor nicht erlaubt. Wir müssen die Rechte der Sexarbeiterinnen stärken. Mit dem neuen Prostitutionsgesetz in Wien ist das nicht geschehen, bis auf ganz wenige Ausnahmen, wie etwa die Möglichkeit zur Erstberatung und Registrierungsbegleitung durch NGOs. Man wollte die Arbeitsbedingungen verbessern, indem Bordelle mehr Auflagen betreffend Hygiene und Bautechnik erfüllen müssen, aber ich weiß nicht, ob das greift. Jedenfalls wurden dadurch weniger Bordelle bewilligt, wodurch sich die Anzahl der legalen Arbeitsplätze verringert hat. Die Verdrängung des Straßenstrichs an den Stadtrand hat ebenfalls zur Reduktion legaler Arbeitsplätze beigetragen.

Dieses Interview ist am 27.9.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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„Die ideale Schule wäre eine Katastrophe“

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann warnt vor Experimenten im Bildungsbereich und plädiert für mehr Ehrlichkeit darüber, was Bildung leisten kann

Unbezahlte Praktika trotz Uni-Abschluss und junge Menschen in Jobs, für die sie überqualifiziert sind. Ist in Zeiten der prekären Arbeitsverhältnisse ein Hochschulstudium überhaupt noch erstrebenswert?

Konrad Paul Liessmann: Ich plädiere für mehr Ehrlichkeit, was tertiäre Ausbildungen leisten können. Meine Utopie wäre, dass es keine Berufe mehr gibt, die dehumanisiert und geistlos sind. Aber das bedeutet nicht, dass alle Akademiker sein müssen. Das wäre auch das alte Ideal Humboldts, der nie den einen Bildungsweg für wenige gesehen hat, sondern die humanistische Bildung immer als zusätzliche Option sehen wollte, egal in welchem Beruf ein Mensch tätig ist. In einer Welt, in der sich die Berufswirklichkeit schnell ändert, ist es umso wichtiger, über Wissen und Reflexionsfähigkeit zu verfügen. Der mündige Staatsbürger war immer schon eine Forderung der Sozialdemokratie. Tertiäre Bildung ist heute ein wildes Feld voller Orientierungslosigkeit. Viele Bachelor-Studien sind nicht akademisch im eigentlichen Sinn, also wissenschafts- und forschungsorientiert. Das sind oft  berufliche Ausbildungen ohne Berufschancen, und das ist das Schlimmste, was man einem jungen Menschen antun kann.

Dieses Interview ist am 9.10.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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„Auch Frauen können Faschistinnen sein“

Queer-FeminisInnen unter sich: Tiina Rosenberg und Martin J. Gössl.  © Luiza Puiu

Queer-FeminisInnen unter sich: Tiina Rosenberg und Martin J. Gössl. © Luiza Puiu

Tiina Rosenberg, Gründerin der feministischen Partei in Schweden, will sich nicht mit Frauen wie Marine Le Pen solidarisieren. Gemeinsam mit Martin J. Gössl spricht sie im Interview über Queer-Feminismus und Bubenarbeit, Arbeiterkinder und das diskriminierende Schulsystem in Österreich sowie über Studiengebühren im Zeitalter des Postkolonialismus.

Was fehlt Ihnen bisher an den Diskussionen beim Europäischen Forum Alpbach?

Tiina Rosenberg: Bis jetzt hat niemand über Arbeiterkinder gesprochen. Ich bin immer erstaunt, wenn Menschen sagen, es gäbe keine gesellschaftliche Klassen mehr. Doch sehen wir uns das Schulsystem in Deutschland oder Österreich an: Dass man sich im Alter von zehn Jahren zwischen Hauptschule (oder Neuer Mittelschule, Anm.) und Gymnasium entscheiden muss, ist diskriminierend. An ersterem werden Jugendliche für den Alltag ausgebildet, an akademischen Gymnasien wird ihnen Allgemeinbildung vermittelt. Sie wissen, wo sie nachsehen, wenn sie etwas nicht wissen.

Das Interview ist am 22.8.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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„Die Gesellschaft liebt Eliten“

(c) Luiza Puiu

(c) Luiza Puiu

Der britische Hochschulexperte John Daniel über Eliteuniversitäten, den neuen Trend der Online-Kurse und warum er sich für Studiengebühren ausspricht

Am Mittwoch hatte Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner überraschend die Studiengebühren wieder in die politische Diskussion gebracht. Unterstützung bekommt er vom britischen Hochschulexperten John Daniel: Er argumentiert, die Universitäten würden durch die Gebühren weniger elitär.

Dieses Interview ist am 21.8.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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„Mehr als Brustkrebsforschung“

Tim Lawrence ist Kommandant beim Air Force Research Laboratory und leitet das dort ansässige Europäische Büro zu Luft- und Raumfahrtforschung, kurz EOARD.© US Air Force

Tim Lawrence ist Kommandant beim Air Force Research Laboratory (c) US Air Force

„Die Ergebnisse können viele Anwendungen haben“, sagt der Leiter des Büros zu Luft- und Raumfahrtforschung der Air Force. Warum ist Forschung in Österreich für das US-Militär interessant? Und handelt es sich tatsächlich nur um Grundlagenforschung, oder ist diese auch militärisch anwendbar? Ein Gespräch mit Tim Lawrence, Direktor des Europäischen Büros zu Luft- und Raumfahrtforschung mit Sitz in London. Das Interview ist am 30.7.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

Den Großteil der Pentagon-Gelder hat in Österreich Josef Penninger für seine Brustkrebsforschung bekommen (5,4 Millionen, Anm.) Warum?

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„Das ist absolut nichts Unanständiges“

(c) Luiza Puiu

(c) Luiza Puiu

Das Pentagon hat seit 2009 Forschung in Österreich in Millionenhöhe finanziert, den Großteil davon (5,4 Millionen Euro) das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der öffentlichen Akademie der Wissenschaften erhalten, genauer: der Genetiker Josef Penninger für seine Brustkrebsforschung. Wie es dazu kam, warum es viel mehr Drittmittel bräuchte und weshalb er als Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums ungeeignet wäre, erzählt der Forscher im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“. Diese Fotos von Luiza Puiu geben Einblick in die Brustkrebsforschung, das Interview ist am 18.7.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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