Tanz den Suizid

(c) Janine Schranz

(c) Janine Schranz

Tanzunterricht bei Ko Murobushi, einem der großen Meister der japanischen Tanzform Butoh. Ein Selbstversuch. Ko Murobushi klatscht in die Hände und ich kippe, einen Todesschrei ausstoßend, steif wie ein Brett nach vorne. Meine Handflächen schnalzen auf den harten Boden und ich lande in der Liegestützposition. Wer hätte gedacht, dass ich mich bei meinem Freitod so lebendig fühle. Ob der Suizid „schön und grotesk“ anzusehen war, wie es der Butoh-Meister angeordnet hatte, weiß ich nicht, und es bleibt auch keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen: „Look from your grave“, sagt Murobushi in japanisch gefärbtem Englisch. Mein Blick trifft den einer Kursteilnehmerin ein Grab weiter. Mehr Fotos von den ImPulsTanz-Workshops 2014 (c) Janine Schranz.

Dieser Artikel ist am 29.7.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

Ich befinde mich in einem Kurs des Impulstanz-Festivals, Ko Murobushi – einer der wichtigsten Butoh-Künstler unserer Zeit – unterrichtet höchstpersönlich. Todesmotive sind fixer Bestandteil der japanischen Tanzform, die in den 1950er Jahren von Tatsumi Hijkata und Kazuro Ono ins Leben gerufen wurde. Seine Entstehung geht auf den Avantgardismus in Europa, und dabei vor allem auf den deutschen Expressionismus der 1930er Jahre zurück, war immer auch politisch und gegen die Amerikanisierung der japanischen Kultur und gegen die Atombombe gerichtet. Heute sagt Murobushi, der einzige noch lebende Schüler Hijikatas, die Bedeutung von Butoh habe sich verändert, und er will Neues schaffen: „Ich will mit Butoh aufhören. Es ist nicht mehr notwendig, der Tradition zu folgen.“

Transformation ist auch das Thema, das sich wie ein roter Faden durch den fünftägigen Workshop zieht. Wir erstarren zu Eis, schmelzen und werden zu Wasser; uns wachsen Krallen, wir verwandeln uns in Flügel schwingende Adler. Der Körper passt sich schnell an: anfängliches Schwindelgefühl verschwindet, um die eigene Achse kreisend wiegen wir uns in Trance. Weitere Konstanten: langsame, präzise ausgeführte Bewegungen, die, einmal einstudiert, im High-Speed durchgeführt werden.

Erst kippt der Nacken zur Seite, das rechte Knie beugt sich, bis der Handrücken den Boden berührt, der Unterarm folgt. Die Hüfte bleibt in der Luft, im nächsten Moment liegen wir wie Käfer auf dem Rücken, die Arme weit auseinandergestreckt. Auf Murobushis Kommando – er klatscht in die Hände und ruft: „Kakerlake!“ – springen wir in einem Satz in den aufrechten Stand, durch den Hals eingesogene Luft klingt wie ein „Ha“ und erfüllt den ganzen Raum. Arme und Beine sind unter Hochspannung, Murobushi begutachtet die vor Schock erstarrten Gesichter und versteinerten Posen und kichert.

„Festivals sind mir egal“
Ganz in Schwarz gekleidet wirkt er wie ein gutmütiger Ninja mit der Anmut eines Mönchs. Dem Ruf des strengen Meisters, der schwierig im Umgang ist, wird er nicht gerecht. Als einer der wenigen Lehrer bei Impulstanz unterrichtet er und inszeniert zwei Premieren, bei der One-Man-Show „Faux Pas“ steht er selbst auf der Bühne. Das sei aber nicht stressig, sondern „aufregend“. Auf die Frage hin, was er an Impulstanz schätzt, sagt der 62-Jährige: „Festivals sind mir egal“, er sei hier, weil er schon lange mit dem Intendanten Karl Regensburger befreundet ist, und weil er Wien mag.

Seine Klasse ist für alle Levels offen, und so tanze ich als blutige Anfängerin neben einer Kanadierin mit philippinischen Wurzeln, die am Konservatorium Wien zeitgenössischen Tanz unterrichtet. Ich treffe auch auf einen Bildhauer aus Dresden, einen Unternehmensberater aus Wien und Murobushi-Jünger aus Kolumbien und Brasilien.

„Danse Butoh“ ist einer von rund 245 Workshops des Impulstanz-Festivals, ein Rekord in seiner 31-jährigen Geschichte. „Wir wollen nicht mehr wachsen“, sagt Workshop-Leiter Rio Rutzinger, da er das Arsenal, wo sich die Workshops seit 14 Jahren befinden, nicht verlassen will. Vier Wochen im Jahr verwandeln sich die Hallen, die von den Bundestheatern genutzt werden, in ein Tanz-Mekka.

Rutziger meint, dass hier das ganze Jahr über Kunst geschaffen wird („die Bundestheater hauen jede Woche ein Bühnenbild raus“) und dass „alles auf einem Haufen ist“: Zeitgenössisch trifft auf Modern, Ballerinas auf Rollstuhlfahrer. Die Kinder- und „Golden Age“-Schiene für Menschen ab 55 Jahren sind die einzigen Bereiche, die nicht  völligausgelastet sind.

Dass Tanz politisch sein kann, beweist der aktionistische Grundeinkommenstanz, extravagant wird es heuer bei den Kursen Seil-Yoga oder Pole-Dance, der den Sprung aus den Nachtklubs geschafft hat. Zuschauen ist erlaubt, in unserem Fall dürfte das durchaus unterhaltsam sein: Beim Aufwärmen laufen wir bellend im Kreis, das Alltags-Ich mit all seinen Schamgefühlen wird zu Beginn der Stunde wie an einer Türmatte abgestreift. Erleichtert wird das durch konzentrierte Atmosphäre – der Einzige, der bei unserem Anblick lacht, ist Murobushi.

Ein schöner Leich-Tanz
Die Schüler sollen mehr über ihren Körper erfahren, so Murobushi über das Ziel des einwöchigen Kurses, und verspricht nicht zu viel: Schon am ersten Abend fühle ich mich kräftiger und geschmeidiger, habe Muskelkater an mir bisher unvertrauten Körperregionen wie dem Kehlkopf, der Todestanz entpuppt sich als vergnügliches Training. Und auch dem charismatischen Butoh-Meister macht die Interpretation „einer schönen Leich“ sichtlich Spaß. Wo würde der „Tanz der Finsternis“ auch besser hinpassen als ins morbide Wien?