Von den 68ern blieb nicht viel

StŸützlehrerin Hermine Wittmann

StŸützlehrerin Hermine Wittmann (c) Slanislav Jenis

50 Sonderpädagogen arbeiten in Wien als Stützlehrer – fraglich, wie lange noch. Auch 30 Jahre nach ihrer Einführung bleiben die Stützlehrer kritisch: „Verkrustetes Schulsystem ist lebensabtötend“

Wien. Man könnte meinen, ihnen wäre zum Feiern zumute, doch 30 Jahre nach ihrer Gründung geben sie sich enttäuscht, wütend und desillusioniert. In den 80ern sind die Stützlehrer – ihres Zeichens Kinder der 68er-Bewegung – angetreten, um das Schulsystem zu verändern: Lernschwache Schüler sollten nicht mehr in Sonderschulen abgeschoben, die Klassenräume offener werden.

Dieser Artikel ist am 08.06.2012 in der „Wiener Zeitung“ erschienen

Seitdem das Wiener Spezifikum Schule machte, ist viel geschehen: Heute werden Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen oder Konzentrationsschwierigkeiten nicht mehr in die Sonderschule gesteckt, sondern in den Volksschulen zusätzlich von Stützlehrern betreut, die meist als Sonderpädagogen ausgebildet sind. Sie nehmen lernschwache Kinder für Einzelstunden aus der Klasse heraus und unterrichten sie alleine oder in Kleinstgruppen von bis zu drei Kindern, unterstützen aber auch in den Klassen.

Vom ursprünglichen Ziel, die Sonderschulen ganz abzuschaffen – was ja auch die OECD empfiehlt –, ist man jedoch bis heute weit entfernt. „Wir sind als subversives Unternehmen angetreten“, erklärt Hermine Wittmann, die gemeinsam mit Gabi Eichholzer und Regina Tonitz die 50 Stützlehrer in Wien koordiniert, der „Wiener Zeitung“.

Der Integration stehen administrative Hindernisse und die Sonderschul-Direktoren im Weg, die um ihr Fortbestehen kämpfen. Durch den integrativeren Unterricht der vergangenen drei Jahrzehnte ist das Niveau in der Sonderschule, aber auch jenes der Wiener Hauptschulen gesunken, so die Koordinatorinnen: „Wer früher in der Sonderschule war, ist heute in der Hauptschule.“

„Neue Mittelschule erzeugt böses Blut“

Für Eichholzer ist die Neue Mittelschule (NMS) ein neuer Name für Hauptschulen, lediglich ein Prozent gehe anschließend an eine AHS. Und dass die NMS mit mehr Mittel und Personal ausgestattet sind, gehe auf Kosten der anderen Schulen, so Wittmann: „Es ist klar, dass das böses Blut erzeugt.“

Dass die Glanzzeiten der Stützlehrer vorbei sind, geht nicht nur aus ihrer geschrumpften Zahl (von 91 auf 50) hervor: Einst gab es auch an einigen Hauptschulen Stützlehrer – was die Koordinatorinnen sich auch heute wünschen würden. Und früher konnten sie selbst bestimmen, wo ihr Einsatz Sinn macht. Heute werden Stützlehrer je nach Kinderanzahl pro Bezirk zugeteilt, was dem Koordinations-Trio ein Dorn im Auge ist: „Der 15., 16. oder 17. Bezirk sind kleine Bezirke mit wenig Kindern, aber viele von ihnen haben Migrationshintergrund. Da würde man viel mehr Stützlehrer brauchen, als durch diese komische Rechnung möglich ist.“

Während früher präventive Arbeit im Vordergrund stand – lernschwache Kinder sollten so unterstützt werden, dass sie nicht nach dem Sonderschullehrplan unterrichtet werden müssen –, betreut heute jede Stützlehrerin bis zu acht Kinder, die bereits als Sonderschüler eingestuft werden: Voll bepackt mit Lernmaterial pendeln sie zwischen vier bis fünf Schulen, kennen die Lehrerkollegen kaum und händigen aufgrund von Zeitmangel den Schülern Arbeitsblätter aus – das Gegenteil von dem, was sie tun wollen. Neben den Lehrern geraten auch die Volksschüler unter Druck: Standardisierte Tests sind zwar international üblich, für Wittmann aber noch lange kein Argument, diese auch in Österreich durchzuführen. „Auch wenn es alle machen, kann man hinterfragen, ob es sinnvoll ist“, sagt sie. „Dass wir uns mit anderen Ländern messen müssen, funkt in pädagogische Belange ein“, so Kollegin Tonitz, die fast seit Anbeginn dabei ist.

Mehr Einmischung wünschen sie sich hingegen von den Eltern, die derzeit nicht sichtbar seien. Und das von Hannes Androsch initiierte Bildungsvolksbegehren haben sie unterschrieben, aber „halbherzig“, so Wittmann: „Das wurde von jenen älteren Herren ins Leben gerufen, gegen die wir vor 20 Jahren rebelliert haben. Und jetzt stellen sie Forderungen, die wir schon lange haben.“

Bald keine Stützlehrer mehr?

Doch der Fortbestand der Stützlehrer ist gefährdet, da ihr Chef Gerhard Tuschel, Landesschulinspektor der Sonderschulen, mit Sommer in Pension geht. Zwar müssen die teilweise pragmatisierten Stützlehrer nicht um ihren Posten fürchten, doch ihr Einsatz als Stützlehrer steht und fällt mit der Entscheidung von oben. Seitens des Stadtschulrates geht man davon aus, dass der Posten nachbesetzt wird. Und auch Schmied will – im Gegensatz zu den Bezirksschulräten – die Inspektoren nicht zurückfahren.

Doch ob Tuschels Nachfolger weiter Stützlehrer entsendet, ist unklar. Wäre der Posten nicht auch für die Vollblutpädagogin Wittmann interessant? „In so einem verkrusteten System will ich keine Karriere machen, das ist lebensabtötend“, sagt sie. Und Tonitz: „Das Bildungssystem müsste man komplett neu aufsetzen.“
Bild: Lernschwache Schüler nicht in Sonderschulen abschieben und das
Schulsystem verändern: Das war das Ziel der Stützlehrer – im
Bild Hermine Wittmann – in den 80ern. Stanislav Jenis