„Was ist los in diesem Land?“

Der Paschtune Khan Adalat ist seit sieben Monaten in Österreich.

(c) Stanislav Jenis

Der Paschtune Khan Adalat floh vor acht Jahren aus dem pakistanischen Swat-Tal vor den Taliban.
Khan Adalat ist 47 Jahre alt und sagt: „Mein Leben ist vorbei.“ Seit exakt einem Monat campiert er mit etwa 30 weiteren Flüchtlingen vor der Votivkirche. Unter ihnen sind viele Afghanen, die Mehrheit stellen aber Pakistani, auch Adalat stammt aus dem Swat-Tal im Norden Pakistans. Der Mann mit den tiefen Furchen im Gesicht betont, er sei kein Pakistani, sondern Paschtune. Er kommt aus dem Wüstengebiet zwischen Afghanistan und Pakistan – just jenem Gebiet, in dem die islamistische Taliban gegründet wurden.

Dieser Artikel ist am 24.12.2012 in der „Wiener Zeitung“ erschienen und hier im Original zu lesen.

Als ihn die „Wiener Zeitung“ in einem Café neben dem Votivpark zum Gespräch trifft, sprudelt es aus ihm heraus: Seit dem Nato-Einsatz 2001 werde in seiner Heimat gekämpft, die Drohnen-Angriffe und Attacken der Amerikaner richten sich nicht nur gegen die Taliban. Da er politisch aktiv war, habe er Morddrohungen erhalten: Er zeigt einen handgeschriebenen Drohbrief und fischt die Todesanzeige seines Cousins aus seiner Tasche: Dieser wurde von den Taliban erschossen, nachdem er nach zehn Jahren in den USA zurückgekehrt war.

Um diesem Schicksal zu entrinnen, sei er vor acht Jahren geflüchtet, seither habe er seine Familie nicht mehr gesehen, an die Gesichter seiner fünf Kinder könne er sich kaum erinnern. Seine ältesten Söhne, die an der Universität studieren, werden nach wie vor verfolgt, weshalb sie oftmals den Wohnsitz wechseln und noch öfter ihr Äußeres: „Einmal tragen sie einen langen Bart, einmal sind sie rasiert“, so Adalat.
Vor der Votivkirche zelten seit November rund 30 Flüchtlinge.

Wenn er von seiner Familie spricht, senkt sich seine Stimme. Seine jüngste Tochter ist 14 Jahre alt, gleich alt wie die Friedensaktivistin Malala Yousufzai. Als dieser im Swat-Tal im Oktober 2012 von den Taliban am Weg in die Schule in den Kopf geschossen wurde, fragte Adalats Tochter in einem Telefonat: „Warum darf ich jetzt nicht mehr in die Schule gehen?“

Adalat: „Die Asylheime waren wie Gefängnisse“
Seit sieben Monaten ist Adalat in Österreich: Die ersten vier Wochen war er in der Erstaufnahmestelle Traiskirchen, danach fünf Monate in einem Asylheim in Hoheneich im Waldviertel nahe der tschechischen Grenze. „Das war ein Gefängnis“, sagt er und berichtet von Einöde, unzumutbaren hygienischen Zuständen und Isolation. Er hatte eine einzige Deutschstunde in fünf Monaten. Brachte ein Freund Essen vorbei, wurde es heimlich im Badezimmer heruntergeschlungen, selbst kochen war nicht erlaubt. 40 Euro Grundversorgung monatlich, keine Bewegungsfreiheit. Daher borgte sich Adalat von Freunden Geld und mietete sich in eine Wohngemeinschaft in Hafnerbach nahe St. Pölten ein. Seither stehen ihm monatlich 290 Euro zur Verfügung doch allein die Miete beträgt 180 Euro.

Dürfte er, würde der Unternehmer „alles tun“
In seiner Heimat besaß der 47-Jährige eine Ziegelei, ein Familienbetrieb. In Österreich würde er alles tun – „ich putze Fenster, Autos oder reinige die Straße“ -, wenn man ihn nur ließe. Seit 2004 ist der Zugang zum Arbeitsmarkt für Flüchtlinge sehr restriktiv: Einzig Saisonarbeit oder Selbständigkeit wird geduldet. Deshalb hat die Asylkoordination im November Vorschläge vorgelegt, die den Flüchtlingen mehr Möglichkeiten zum selbstbestimmten Leben eröffnen sollen. Die Unterbringung in Asylheimen soll sich auf die Ankunftsphase beschränken. Denn die wenigsten sind wie Adalat privat untergebracht, die meisten würden jahrelang in Asylheimen „hospitalisiert“, sagt Anny Knapp, Obfrau der Asylkoordination Österreich.

Vor acht Jahren floh Adalat von Pakistan nach Europa, den Weg legte er zu einem guten Teil zu Fuß zurück. In Summe dauerte es etwa drei Monate, bis er über den Iran und die Türkei nach Griechenland gelangte, in der Türkei marschierte er tagelang ohne Essen durch den Wald. In Griechenland harrte er sieben Jahre aus, doch die dortigen Zustände seien „fast so schlimm wie in Pakistan“ gewesen: Drohbriefe, Attacken von Unterstützern der rechtsextremen Partei Goldene Morgenröte auf das Asylheim. „Sie wollen Beweise? Ich bin selbst der Beweis“, sagt Adalat, und deutet auf sein vernarbtes Gesicht.

Untermauert werden seine Aussagen von einem Bericht, den Amnesty International vergangene Woche veröffentlichte: Die Behandlung der Asylsuchenden durch die griechische Polizei gefährde Menschenleben, die Bedingungen in den Haftzentren seien „unmenschlich“ und „erniedrigend“, heißt es darin.

Von Griechenland aus gelangte Adalat mit einem Schlepper nach Österreich, dem er dafür 3000 Euro zahlte. Er beantragte Asyl, die erste Anhörung war negativ. Die Entscheidung nach der zweiten Anhörung steht noch aus, doch es sieht nicht gut aus: 2012 stellten rund 1700 Pakistani Asylanträge, nur 14 wurden bewilligt. Eine Forderung der Protestcamper lautet, bei nicht bewilligtem Asyl solle man Fingerabdrücke löschen, damit sie weiterziehen können.

Wie begegnen ihm die Österreicher? „Sie sind hilfsbereit und ehrlich. Besonders die junge Generation hilft uns“, sagt Adalat. Ganz andere Töne schlägt er an, kommt er auf die Politik zu sprechen: „Sie übernehmen für nichts Verantwortung und haben uns nicht einmal gefragt, wie es uns geht.“ Und auch die Reaktion des Pfarrers, als sie in die Votivkirche Zuflucht suchten, hat ihn getroffen: „Er fragte uns, warum wir nicht in die Moschee gehen!“

Hungerstreik und Selbstmordgedanken
Seit November schläft Adalat im Camp, um für die Verbesserung der Flüchtlingssituation in Österreich einzutreten. Der Pfarrgemeinderat der Votivkirche sicherte zwar den Flüchtlingen jegliche Unterstützung zu, forderte aber den Abzug der politischen Aktivisten: Diese hätten die Menschen, die in der Kirche Schutz suchten, instrumentalisiert. „Das ist nicht mein persönlicher Krieg“, sagt dazu Adalat. „Es ist das 21. Jahrhundert. Was ist los in diesem Land, das zu den reichsten Europas gehört? Wir wollen ein normales Leben. Wir sind auch Menschen“, sagt er. Er ist wie 20 weitere des Camps in Hungerstreik, und auch Selbstmord schließt er nicht aus. „Ich habe kein Leben. Ich habe keine Zukunft.“