„Weil es so lustig klingt“

In einer Volksschule im 20. Bezirk sprechen die Schüler die Sprachen ihrer Mitschüler. Volksschüler lernen ein Jahr lang eine von 16 Sprachen – neben Deutsch, Englisch und der Muttersprache

Erschienen am 05.11.2011   in der „Wiener Zeitung“

Wien. Zwei Achtjährige mit Zahnlücken flitzen durch das Stiegenhaus der Volksschule Vorgartenstraße. Mit Federpennalen bewaffnet fragen sie aufgeregt: „Wo ist Ungarisch?“

Kurz zuvor war Direktorin Ilse Henner zu hören, die via Lautsprecher den Beginn der „Sprachenkarussell“-Stunde ankündigte. Dieser Sprachunterricht findet heuer jeden Dienstag in der dritten Stunde statt, das Projekt gibt es zum dritten Mal in Folge. Alle 190 Kinder der dritten und vierten Klassen steuern einen von 16 Sprachkursen an: Arabisch, Chinesisch und Persisch stehen für die Acht- bis Zehnjährigen einmal pro Woche am Stundenplan – zusätzlich zu Deutsch, Englisch und ihrer Muttersprache.

Die Schule befindet sich unweit des Friedrich-Engels-Platzes im 20. Bezirk. 80 Prozent der Schüler haben eine andere Muttersprache als Deutsch, viele sprechen zu Hause bosnisch, kroatisch oder türkisch. In der im „Problembezirk“ Brigittenau gelegenen Volksschule ist Vielsprachigkeit keine Not, sondern eine Tugend, sie wurde dafür mehrfach ausgezeichnet; unter anderem erhielt sie für das Projekt den Dekadenpreis der Österreichischen Unesco-Kommission für Bildung.

Sprachassistentinnen aus aller Welt

„Bei Seminaren sagen Kollegen immer wieder, sie hätten eine ,problematische Klasse‘, weil sie so und so viele Ausländer haben“, erzählt Lehrerin Gabi Lener kopfschüttelnd. Sie hat das „Sprachenkarussell“ mitorganisiert, stößt sich am Begriff „Ausländer“ und erklärt: Die Schüler seien Wiener, für die Wien „selbstverständlich“ eine mehrsprachige Stadt ist. Schließlich werden in der Schule 30 verschiedene Sprachen gesprochen, von den Schülern, aber auch vom Lehrpersonal. Als die Kinder fragten, ob sie die Sprachen der anderen lernen könnten, war die Idee zum „Sprachenkarussell“ geboren.

Sprache steht in der Europaschule schon lange auf der Agenda: Es unterrichten Sprachassistentinnen aus aller Welt, manche Klassen haben Italienisch als Zweitsprache, und seit 2009 lernen die Schüler eben noch eine Sprache zusätzlich kennen. Einzige Bedingung: Es darf nicht die Muttersprache sein und soll nicht zum selben Sprachstamm wie diese gehören – denn muttersprachlichen Unterricht in Bosnisch und Serbokroatisch, Romani, Polnisch und Türkisch gibt es ja ohnehin.

Die Lehrerin ist eine tolle Sängerin

Daniel sitzt auf dem himmelblauen Laminatboden der Schulbibliothek und schreibt „Lacho tosara“ in sein Vokabelheft, „Guten Morgen“ auf Romani. Warum er sich für die Sprache der Roma und Sinti entschieden hat? „Weil die Lehrerin eine tolle Sängerin ist“, erklärt der Bub mit den dunklen Augen und dem Flinserl im Ohr. Seine Mitschüler liegen auf dem Bauch, auf ihre gelben Papierhefte haben sie Räder gemalt, das Symbol der Roma. Der kulturelle Hintergrund spielt im Sprachunterricht eine große Rolle. Die Kinder können die Sprache nach einem Jahr zwar nicht perfekt, doch es gehe darum, „ein Gefühl für Sprache“ zu entwickeln, so Lener.

Der Umgang mit Sprache ist spielerisch, zeigt auch der Norwegischunterricht: Die Native-Speakerin Verena Bertram setzt den Kindern eine Wikinger-Kappe auf und stellt ihnen Fragen. „Sie begrüßen einander und sagen, wie sie heißen“, übersetzt Bojan. Der Bub spricht zu Hause serbisch und deutsch. Norwegisch findet er spannend, weil er es „ein bisschen versteht“ und es „so lustig klingt“.

Zwei Räume weiter sitzt Gina, ein schüchternes, blondes Mädchen, in der letzten Reihe. Die Lehrerin Alicia Bella Carreño, ebenfalls Native-Speakerin, erklärt den Kindern gerade die spanischen Höflichkeitsfloskeln „por favor“ (bitte) und „de nada“ (gerne). Gina hat sich für Spanisch entschieden, weil sie es schon oft gehört hat und ihr der Klang gefällt.

Das „Sprachenkarussell“ wird als Teil des Förderunterrichts angeboten, ist für die Schüler der zweiten Klassen freiwillig und für die dritten und vierten Klassen verpflichtend. Zusätzliches Lehrpersonal wurde dafür nicht angestellt, viele der Lehrer sind ohnehin Native-Speaker oder sprechen Fremdsprachen.

Eltern sollen merken, dass ihre Sprache geschätzt wird

Englisch wird beim Karussell nicht angeboten, weil es sowieso ab der ersten Klasse unterrichtet wird. Außerdem will man den Status der Sprachen mit weniger Prestige heben: „Die Barrieren des Elternhauses gegenüber der Schule sinken, wenn sie merken, dass ihre Sprache geschätzt wird“, sagt Gabi Lener und fügt hinzu: „Es ist keine Schande, türkisch zu sprechen.“

Dieser Ansicht ist auch Zeynep Bayizitlioglu. Sie ist keine Lehrerin, sondern hilft als Muttersprachlerin im Türkischunterricht mit. Ihre Tochter hat die Europaschule besucht und ist nun in einer weiterführenden Schule. „Türkisch gehört zu den wichtigen Sprachen und ist nicht so schwer zu lernen“, sagt sie. Ihre Tochter war in einer deutsch-italienischen Klasse und konnte nach einem Jahr „Sprachenkarussell“ ein wenig Polnisch – davon war die ganze Familie fasziniert, erzählt Bayizitlioglu. Heute spricht ihre Tochter fünf Sprachen: Italienisch, Englisch, Türkisch, Deutsch und Polnisch.

Nicht nur die Eltern, auch die Kinder sind stolz auf ihre Mehrsprachigkeit. Nebenan werden die Unterschiede zwischen französischen Artikeln erklärt: „le“ und „la“ – das klinge wie Schaukel auf Serbisch, wirft ein Schüler ein.