Wenig Schall, viel Rauch

Lokalverkleinerung und Denkmalschutz: Geschickt umgehen Wiener Wirte das Nichtraucherschutzgesetz

Erschienen im Falter 42/10 am 20.10.2010

Auf den ersten Blick ist im Frame, einem kleinen Beisl im 20. Bezirk, alles wie immer: Alle Tische sind besetzt, Zigarettenqualm umschmiegt kleine Scheinwerfer, Wirtin Margit Helmuth überblickt das Geschehen von der Schank aus. Doch das Lokal wirkt kleiner als zuvor. Ist es geschrumpft? „Ja“, sagt Margit Helmuth und lacht. Sie und ihr Mann Stefan wollten sich das Rauchverbot nicht auferlegen lassen.

Unmittelbar vor Inkrafttreten des Nichtrauchergesetzes am 1. Juli 2010 zimmerten sie im hinteren Raum ihres Lokals Wände aus Sperrholz und dezimierten so die Grundfläche des Frame von ursprünglich 62 Quadratmetern auf 48 Quadratmeter. Denn in Lokalen unter 50 Quadratmeter darf weiterhin geraucht werden, und somit herrscht im Frame dicke Luft wie eh und je.

Die Frame-Wirte sind mit ihrer Lösung zufrieden. Einziger Wermutstropfen: Es gibt keinen Platz mehr für Jazzkonzerte – weniger Schall, dafür viel Rauch. Warum dann das Ganze? Schließlich verzichtet man ja auch auf sechs Sitzplätze und damit Einnahmen? „Ich mach mich nicht selbstständig, um in meinem eigenen Lokal nicht mehr rauchen zu können“, sagt Stefan Helmut. Er will nicht für ein Lokal Miete zahlen, in dem er nicht rauchen darf. „Das ist ja schon fast Zwangsenteignung.“

Neben der Selbstbestimmung hegt er auch pragmatische Gedanken: 95 Prozent seiner Gäste sind Raucher, eine räumliche Trennung wäre teurer gewesen als die Konstruktion. Und falls das allgemeine Rauchverbot doch noch kommen sollte, könne er die Holzfassade in drei Stunden wieder abbauen.

Helmuth sitzt auf einer der quietschroten Sitzgarnituren aus Plastik. Seine Frau und er kauften und renovierten das Lokal vor acht Jahren – ursprünglich war es in den 50er-Jahren ein Kaffeehaus. Sie wollten ein Lokal im 20. Bezirk, in dem Frauen „nicht blöd angeredet“ werden, auch wenn sie alleine hier sind. Am Wallensteinplatz gelegen, zieht es vor allem Studierende an, fast alle rauchen. Beschweren sich manche Gäste, weil es verraucht ist? Der Besitzer sagt: „Ich zwinge niemanden, hierherzukommen“, und zündet sich eine an. Jonny ohne Filter.

Im boomenden Karmeliterviertel befindet sich das Gasthaus Schöne Perle: Seit mehr als einem Jahr gibt es hier 45 Sitzplätze für Raucher – diese sind durch eine elektrische Schiebetür vom doppelt so großen Nichtraucherbereich getrennt. Dort tollen viele Kleinkinder herum, doch auch Gäste ohne Nachwuchs naschen an ihren Topfen- und Schokotorten. Drei Kellner wuseln geschäftig zwischen den Tischen und den beiden Räumen umher. Stört das Auf- und Zugehen der Türe nicht beim Servieren? „Die is‘ so sensibel eingestellt, die geht sogar auf, wenn die Fliege kommt“, antwortet der Kellner. Und die Gäste, regen die sich auf? „Manche, die in der Nähe sitzen. Aber besser, als sie bleibt zu und ich renn dagegen.“

Das Kaffeehaus Weidinger am Lerchenfelder Gürtel hat die Idee mit der Schiebetür von der Perle abgekupfert. Doch im über 100 Jahre alten, auf sympathische Weise heruntergekommenen Grindcafé wirkt die Schiebetür mit dem hellen Holzrahmen etwas deplatziert. Schrullig sind die Vogelsilhouetten, die auf den Glaswänden kleben. Diese schottet den blauen Dunst vom hinteren, etwas verwaisten Nichtraucherraum ab. Vorne spielen die Stammgäste Karten, trinken Bier, und paffen – die Vorhänge in vergilbten Ocker- und Brauntönen demonstrieren, dass das immer schon so war. Der Kellner im Weidinger trauert der Zeit ohne Trennung nach, denn diese nehme „viel von der Gemütlichkeit“. Früher habe sich der Rauch besser verteilt, jetzt konzentriere er sich im vorderen Teil des Kaffeehauses und „schadet schließlich allen“. Er seufzt und schlendert mit einem Teller Frankfurter zu einem der Tische.

Im ersten Bezirk hat sich das Traditionskaffeehaus Hawelka für eine ganz andere Gangart entschieden: Die Hawelka-Enkel beantragten Denkmalschutz, um weiterhin ein Raucherlokal bleiben zu können. Ihr Antrag wird gerade von den Behörden geprüft – doch siehe da; das Rauchverbot kommt bei den Gästen gut an, der Umsatz ist gleich geblieben. „Ich habe mir das nicht vorstellen können“, sagt Günter Hawelka, der 70-jährige Sohn des Gründerpaares. Im Hawelka wurde geraucht, seitdem er denken kann. Doch jetzt ist er froh darüber und sagt: „Wenn das Rauchverbot wieder aufgehoben wird, würde ich demonstrieren gehen!“ Früher war das Hawelka ein Intellektuellentreff, heute sind 70 Prozent der Gäste Touristen, Stammgäste werden immer weniger. Wohl auch ein Grund dafür, dass das Rauchverbot auf geringen Widerstand stößt.

In anderen Städten klagen viele Neo-Nichtraucherlokale über üblen Schweiß- und Alkoholgeruch, der zuvor vom Nikotin überdeckt wurde. In Bayern, wo das derzeit schärfste Rauchverbot Deutschlands herrscht, ging man beim heurigen Oktoberfest gegen den Gestank sogar mit Bakterien vor. Im Hawelka kennt man dieses Problem nicht – das Einzige, wonach es hier riecht, ist süßer Biskuitteig.