SALON FIGL

Go Home, Onkel Sam!

Das Buch der Marshallplan-Experten Günter Bischof und Hans Petschar. © Brandstätter Verlag

Das Buch der Marshallplan-Experten Günter Bischof und Hans Petschar. © Brandstätter Verlag

Arbeitsethos in den USA unterscheidet sich stark von jenem der Österreicher. Wie sich selbst die Marshallplaner dem Sozialstaat unterordnen mussten. Bezahlte Auszeit, alle drei Jahre, bewilligt vom Arbeitgeber. Erzählt man US-Amerikanern von „Bildungskarenz“, kann es passieren, dass ihnen die Kinnlade herunter fällt. Dabei ist die Bildungskarenz nur eine von vielen Leistungen, die der österreichische Sozialstaat seinen Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht. Mutterschaftsurlaub, unbegrenzte Anzahl an Krankenstandtagen und mindestens fünf Wochen Urlaub. All das klingt für US-Amerikaner, die meist nicht mehr als zwei Wochen Urlaubsanspruch pro Jahr haben, utopisch.

Dieser Artikel ist am 3.10.2017 in der Wiener Zeitung erschienen.

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Fuck Work

Ich brauche keinen Urlaub, die Arbeit macht doch Spaß! Diese Art von Selbstausbeutung ist in Österreich seltener anzutreffen als etwa in den USA. Wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave. So die Auffassung von Friedrich Nietzsche. Der Vergleich mit einer tatsächlichen Leibeigenschaft ist problematisch, doch Nietzsche hat Recht. Dieser Artikel ist am 2.10.2017 in der Wiener Zeitung erschienen.

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„Mein Rat lautet: Keep cool!“

© Oliver Wolff http://www.oliwolff.com

© Oliver Wolff http://www.oliwolff.com

Seit Günther Krabbenhöft vor zwei Jahren von Touristen am U-Bahn-Steig in Berlin fotografiert wurde, hat sich sein Leben auf einen Schlag geändert. Heute jobbt der 72-Jährige, der fast sein ganzes Leben lang als Koch gearbeitet hat, als Model und Stilberater, und er ist ein Star in den sozialen Netzwerken. Dass die Fotos für dieses Interview am Berliner Tempelhofer Feld entstehen sollten, gefiel ihm nicht – er kann große Menschenansammlungen nicht leiden und kritisiert, dass an diesem Platz keine Sozialwohnungen entstehen. Doch als er dann im Abendlicht zwischen Sonnenblumen für die Kamera posiert, ist er wieder in seinem Element. Er kommt mit zwei 10-Jährigen in Fußball-Trikots ins Gespräch und erklärt ihnen, dass sich ein Gentleman stets höflich und respektvoll verhält.

Dieser Artikel ist am 23.9.2017 im Extra der Wiener Zeitung erschienen.

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„Ein paar zerbrochene Fensterscheiben gehören dazu“

Reinhard Kreissl leitet das Wiener Zentrum für sozialwissenschaftliche Sicherheitsforschung. © privat

Reinhard Kreissl leitet das Wiener Zentrum für sozialwissenschaftliche Sicherheitsforschung. © privat

Der Kriminalsoziologe Kreissl warnt vor Verschärfungen beim Versammlungsrecht. Österreichs Polizeistruktur und Führung im Ernstfall hält er für verbesserungswürdig. Weil in Hamburg beim G-20-Gipfel Autos angezündet und Fensterscheiben eingeschlagen wurden, sollen sich in Österreich die Gesetze ändern? Dafür sieht der Sozialkriminologe Reinhard Kreissl keine Notwendigkeit. Warum er gegen das Vermummungsverbot ist und wieso politischer Gipfeltreffen weiterhin in Großstädten ausgetragen werden sollen, erklärt er im Interview. Den ausführlichen Artikel zum Einsatz der österreichischen Polizei bei G-20 lesen Sie hier.

Ist es für Sie nachvollziehbar, dass Innenminister Sobotka den G-20-Protest zum Anlass nimmt, um das Versammlungsrecht anzupassen?

Das Interview ist am 5.8.2017 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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Im Einsatz, wenn es kracht

Für Österreichs Polizei war der G-20-Gipfel ein Belastungstest. Aber wieso wegen Hamburg das Gesetz ändern? Flaschen, Steine, Molotow-Cocktails: Autonome haben sich auf den Dächern verschanzt. Sie beschießen Wega-Beamte, die mit Wasserwerfern durch die Straßen Hamburgs ziehen. Es seien „bürgerkriegsähnliche Szenarien“ gewesen, berichtet Ernst Albrecht, Chef der Wiener Sondereinheit Wega.

Dieser Artikel ist am 5.8.2017 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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Ein Schreckgespenst namens Kommunismus

Kommunismus – das ist doch nichts für Kinder! Das Buch „Communism for Kids“ erzürnt die amerikanische Alt Right. Dieser Artikel ist am 11.7.2017 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

„In diesem Buch lernen Kinder, wie sie Gulags einrichten, Satan anbeten und die westliche Zivilisation zerstören können – und all das für nur 12 Dollar und 95 Cent!“ scherzt die „New York Times“ (NYT). Doch die NYT-Rezension liegt trotz satirischer Spitzen nahe an der Realität. Andere US-Medien, darunter das rechtsaußen-Medium „Breitbart“ oder das liberalere „The Daily Beast“, zerfleischen das Buch der Berliner Autorin Bini Adamczak regelrecht: „Die pure Existenz dieses Buches beweist, dass Marxisten noch nicht erkannt haben, dass ihre Ideologie zu nichts als Verderben führt“, schreibt ein „Breitbart“-Autor.

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„Der TU-Student ist nicht unbedingt der, der protestiert“

(c) Stanislav Jenis

(c) Stanislav Jenis

Studierende strömen aus dem TU-Gebäude am Getreidemarkt, vergleichen ihre Rechenergebnisse und ziehen weiter in den Innenhof. Es ist Tradition, dass sich TU-Studierende nach Prüfungen vor der Fachschaft treffen, auf ein Bier. Oder zwei. Oder zehn. „Es ist ein Frust-Besäufnis“, sagt Wolf Farber, und: „An der TU Wien zu studieren war der größte Fehler meines Lebens.“ Seit fünf Jahren studiert er Maschinenbau, seit fünf Jahren scheitert er an der Mechanik-Prüfung. Dieser Artikel ist am 22.6.2017 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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Schabbat-Dinner und Blockparty

In New York stellt jede Minderheit irgendwo auch die Mehrheit – ein Stadtspaziergang.

„Halleluja, Halleluja, Halleluja!“ Aus den Tiefen ihrer Lungen rufen sie den Namen Gottes, hyperventilierend versetzen sie sich in Trance-ähnliche Zustände. Unter die Schreie der Zeugen Jehovas von nebenan mischen sich Polizeisirenen, die in der Ferne in Endlosschleife aufheulen. Das Ritual ist ein allabendliches Wiegenlied, und in der Früh übernimmt der jüdisch-orthodoxe Kindergarten: mit hoch gepitchtem, hebräischem Sing-Sang wecken die Kids das ganze Wohnhaus. Dieser Artikel ist am 20.5.2017 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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Emanzipation auf Kenianisch

B. Figl

B. Figl

In Kenias patriarchaler Gesellschaft haben Frauen kaum Rechte. Ein EU-Projekt will das ändern. Ein Mann schlägt auf seine schwangere Ehefrau ein, bis sie auf dem Boden liegt. Ihre Wehen beginnen, er ignoriert sie, scherzt stattdessen mit Freunden. Es ist die Szene eines Theaterstücks, das im Slum der drittgrößten Stadt Kenias, Kisumu, aufgeführt wird. Fern der Realität ist sie jedoch nicht. Dieser Artikel ist am 25.5.2017 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.
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Flüchtlinge als Quotenbringer

taz

(Abfotografiert aus der taz)

Beim Internationalen Journalismusfestival in Perugia ging es um den Umgang mit dem Thema Flucht. Alle Kinostühle sind besetzt, die Zuspätkommenden pferchen sich auf dunkle Holzbänke. Ganz Perugia, so scheint es, ist in den prunkvollen, mit Fresken übersäten Sala dei Notari gekommen, um zu hören, was der Lampedusa-Arzt Pietro Bartolo, die UNHCR-Südeuropa-Sprecherin Carlotta Sami und eine Handvoll JournalistInnen zum Thema Migration zu sagen haben. Diskutiert wird lautstark auf Italienisch, im Publikum sitzen mehr Einheimische als JournalistInnen. Vergangene Woche fand im italienischen Bergstädtchen Perugia das 11. Internationale Journalismusfestival statt. Flucht, einer der Festival-Schwerpunkte, lässt hier niemanden kalt. Kein Wunder, schließlich starben im Vorjahr mehr als 5.000 Menschen im Mittelmeer. Dieser Artikel ist am 13.4.2017 in der taz erschienen.

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