Positives Testergebnis, negatives Testerlebnis

Als ich am 18. März erfahren habe, dass ich Kontakt zu einer Person hatte, die am neuartigen Coronavirus erkrankt ist, habe ich die Corona-Hotline 1450 angerufen. Eine Studentin hat meine Daten aufgenommen, mich nach meinen Symptomen gefragt: Fieber? Nein. Husten? Nein.

Corona-Test innerhalb von 48 Stunden

Stattdessen hatte ich starke Halsschmerzen und eine rinnende Nase. Ganz ehrlich: Ich habe nicht geglaubt, dass ich mit diesen Symptomen getestet werde, da in den Medien immer zu hören war, wie schwierig es ist, an einen Test zu kommen. Aber ich wollte, dass das Ärzte entscheiden, und das haben sie. Nach weniger als 48 Stunden stand ein Arzt in Schutzausrüstung in meinem Garten und hat den Rachen- und Nasenabstrich gemacht (unangenehm, aber schnell vorbei).

Bis dahin ist also ist alles ziemlich reibungslos verlaufen – nur, dass ich keine Infos über die weitere Vorgehensweise bekommen habe, außer: Wenn möglich, soll jemand für mich einkaufen gehen, und über ein positives Ergebnisses würde ich innerhalb weniger Tagen informiert werden, spätestens in fünf bis sechs Tagen. Bei einem negativen Ergebnis könnte es länger dauern, versicherten die Ages und der Arzt, der den Abstrich genommen hat. Nachdem ich eine Woche später immer noch nichts gehört habe, habe ich bei der Ages angerufen, wo wiederholt wurde: Wenn positiv, wäre ich schon informiert worden, aber ich könne auch noch beim Bezirksamt anrufen. Dort habe ich es infolge fast täglich probiert, immer war besetzt.

Zwei Wochen später immer noch kein Testergebnis

Die einzige Info, die ich ca. ab der zweiten Woche, in der ich auf das Ergebnis gewartet habe, von der Stadt Wien bekommen habe, waren SMS die mich als “Verdachtsfall” bezeichnete und mich dazu aufforderten, meine (inzwischen nicht mehr vorhandenen) Symptome in eine Eingabemaske zu tippen. Genau zwei Wochen nach meiner Testung bin ich beim Magistrat telefonisch durchgekommen, es meldete sich eine Frau, die erstaunt fragte: “Was, Sie haben das Ergebnis immer noch nicht, nach zwei Wochen?” Sie hat daraufhin nachgesehen, und siehe da: der Test war positiv. Es folgte ein Rückruf einer Ärztin, die weitere Daten aufnahm und mich nach meinen Kontakten fragte (die dann allesamt in Heimisolation begeben mussten, für 14 Tage ab dem letzten Kontakt mit mir).

„Ohne Bescheid machen Sie sich strafbar“

Von der Ärztin erfuhr ich überdies: Meine Heimisolation sei zwar inzwischen (nach zwei Wochen und 48 Stunden ohne Symptomen) beendet, aber ich dürfe noch nicht raus, bis ich den offiziellen Bescheid in Händen halte “ansonsten machen Sie sich strafbar”. Da alle derzeit überlastet sind, werde es allerdings noch dauern, bis ich diese Bestätigung bekomme. Mir ließ das keine Ruhe, also rief ich nochmals beim Magistrat an, dort hieß es: “Nein nein, mündliche Zusagen gelten genauso, bitte gehen Sie raus, gehen Sie Spazieren!” Der Bescheid wurde mir dann vier Wochen nach meiner Testung per E-Mail übermittelt.

Mein Conclusio aus all dem: 1) Bei Verdacht 1450 anrufen, auch wenn man keine „typischen“ Symptome hat. Der Umgang mit Menschen im gemeinsamen Haushalt ist ein anderer, wenn man weiß, dass man ein Verdachtsfall ist oder gar positiv getestet wurde. Und ja, es hat lang gedauert, bis ich von meinem Ergebnis erfahren habe, deshalb würde ich 2) Nicht mehr darauf vertrauen, dass man informiert wird. Nachtelefonieren ist mühsam, aber das System ist überlastet, man muss mitunter pro-aktiv nachfragen (auch ich hätte hartnäckiger sein sollen). 3) Ich zweifle mittlerweile stark daran, dass es “typische” Symptome gibt. Meine Verkühlung bestand aus Halsschmerzen und einer rinnenden Nase und leichten Ohrenschmerzen. Kein Husten, kein Fieber. Geruchs- und Geschmackssinn waren vorhanden. Das einzige Auffällige war, dass die Symptome in Schüben kamen: nach einer Woche ging es mir wieder gut, ein paar Tage lang, und dann wieder extrem starkes Halsweh, tief im Rachen. Die Ärztin der MA sagte mir, dass dieses “Auf und Ab” recht oft vorkommt und Corona sich mit “allen möglichen Symptomen” zeigen kann, etwa auch mit Durchfall. 4) Die Krankheit zu durchlaufen hat mir die Angst davor genommen. Die meisten (jungen) Menschen mit gutem Immunsystem müssen sich vor dem Virus nicht fürchten, und das wissen rational die meisten von uns, aber wenn sich die ganze Stadt maskiert, fällt es schwer, keine diffusen Ängste zu entwickeln. Aber, falls man sich so glücklich schätzen kann ist, jung und gesund zu sein, geht es eben weniger um die persönliche Gesundheit sondern 5) vor allem darum, andere zu schützen. Nur so können wir verhindern, dass das Gesundheitssystem massiv überlastet wird und unzählige Menschen sterben.

Blutplasma-Spende leider ohne Antikörper-Ergebnis

Morgen gehe ich übrigens Blutplasma spenden (dazu hat das Rote Kreuz aufgerufen: Menschen, die eine Coronavirus-Erkrankung überstanden haben, auf können auf diesem Wege einem an Covid-19 erkrankten Menschen mitunter das Leben retten, wie das schon in der Steiermark gelungen ist. (Update: In meinem ursprünglichen Text habe ich geschrieben, dass man das Antikörper-Testergebnis nicht bekommt. Diese Info, die ich vom Roten Kreuz hatte, wurde auf Twitter korrigiert:

Forschung, finanziert vom US-Militär

Brustkrebs und Quantenphysik: Hintergründe zu Uni-Projekten, die vom US-Verteidigungsministerium bezahlt werden. Studierende fordern Zivilklauseln an den Universitäten.

Dieser Artikel ist am 11.12.2019 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

An der MedUni Wien finanziert das US-Verteidigungsministerium eine Studie zu Brustkrebsprävention, Geld des US-Militärs fließt auch in die Forschung an Quantencomputern, welche die Universität Wien und die Universität Innsbruck betreiben. Ist diese Art von Forschungsförderung im neutralen Österreich zulässig?

„Militärische Forschung an öffentlichen Hochschulen kann man angesichts des breiten Aufgabenbereichs des Bundesheeres in Österreich kaum generell verbieten“, sagt Wolfgang Liebert. Laut dem Leiter des Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Universität für Bodenkultur (Boku) wächst die Grauzone zwischen ziviler und militärischer Forschung („Dual Use“) stetig. Liebert, der auch Vorsitzender der Ethikplattform der Boku ist, nennt Großbritannien als Negativbeispiel: „Hier hat die Politik bewusst und massiv die zivil-militärische Zusammenarbeit der Rüstungsindustrie mit universitärer Forschung inszeniert.“ Auch Forschern in Österreich empfiehlt er, bei militärischen Geldgebern „genau hinzusehen“, und: „Zivilklauseln, in denen sich Unis dazu verpflichten, nur zu friedlichen Zwecken zu forschen, wären in diesem Zusammenhang sehr hilfreich.“


Die Gruppe „Studierende gegen Rüstungsforschung“, die Ende Oktober in Wien eine Zivilklauseltagung organisiert hat, fordert nun eine solche Zivilklausel. Diese Forderung bekommt Rückendeckung von der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH): „Dadurch, dass bei militärischer Finanzierung politische Interessen immer mitspielen, lehnen wir diese grundsätzlich ab“, heißt es in einer Stellungnahme, in der die ÖH auch betont, „dass es Aufgabe der Politik ist, die dann fehlenden finanziellen Mittel bereitzustellen“.

Hochschulen sind autonom

Das Wissenschaftsministerium verweist auf Anfrage auf die Autonomie der Universitäten: „Die Hochschulen haben es selbst in der Hand, eine entsprechende Selbstverpflichtung abzuschließen. Aus unserer Sicht muss man vor allem differenzieren, ob solche Forschungsprojekte unmittelbar von militärischer Relevanz sind oder nicht. Gegen eine Förderung von Grundlagenforschung an sich ist nichts einzuwenden.“

In Deutschland, wo Medienberichte über die Pentagon-Gelder eine öffentliche Debatte ausgelöst haben, haben bereits mehr als 60 Unis Zivilklauseln. In Bremen und Thüringen ist dies im Hochschulgesetz verankert, die CDU-FDP-Regierung in Nordrhein-Westfalen (NRW) hat die Verpflichtung zur Zivilklausel vor kurzem wieder zurückgenommen. Sachsen-Anhalt und Berlin diskutieren nun, ob sie die Klausel einführen.

Implizit gibt es eine Zivilklausel

„An der Boku gibt es implizit bereits eine Zivilklausel“, sagt Liebert. Nachdem 2014 durch die Berichte der „Wiener Zeitung“ bekannt wurde, dass auch an der Boku für das US-Pentagon geforscht wurde, gilt dort die verpflichtende Mitteilung an das Rektorat bei beabsichtigter Forschungsförderung aus militärischen Quellen, außerdem wurde eine Ethik-Chartaverabschiedet, in der sich die Uni zu friedlichen Zielen verpflichtet.

Auch die Universität Innsbruck verpflichtet sich bereits in ihrem Leitbild „zu einem reflektierten Umgang mit ihren Forschungsergebnissen und neuen Technologien und dazu, das Schaffen selbstkritisch und nach ethischen Gesichtspunkten zu durchleuchten“. Für eine konkrete Ausformulierung gab es laut einem Uni-Sprecher bisher keinen Anlass, „da die Forscher der Universität keine Rüstungsforschung betreiben“.

Den „Studierenden gegen Rüstungsforschung“ reicht das nicht. Sie wollen im Rahmen der ÖH-Wahl 2021 Studierende zu Zivilklauseln abstimmen lassen. „Wir würden uns freuen, wenn studentische Initiativen mit uns politische Anträge ausarbeiten möchten. Da die Urabstimmung im Zuge einer Wahl stattfinden würde, bleibt es den einzelnen Fraktionen (Gras, VSStÖ, FLÖ) vorbehalten, hier Empfehlungen abzugeben“, so das ÖH-Vorsitzteam dazu.

In Österreich werden einzelne universitäre Forschungsprojekte vom US-Verteidigungsministerium bezahlt. Das hat die „Wiener Zeitung“ 2014 gemeinsam mit „NDR Info“ berichtet und damit eine hochschulinterne Debatte über Drittmittel ausgelöst, zudem gab es eine parlamentarische Anfrage der Grünen. Dass alle größeren Unis Pentagon-Gelder erhalten haben, hat viele überrascht: Das US-Militär finanziert Forschung an öffentlichen Hochschulen im neutralen Österreich?

Forschung an Quantencomputern

Die Summen sind in Relation zum Globalbudget marginal (siehe „Wissen“), doch eine aktuelle Datenerhebung der „Wiener Zeitung“ zeigt, dass nach wie vor Drittmittel, sogenannte „Grants“, vom US-Militär nach Österreich fließen: Seit 2014 erhielten die Unis etwa 30 Millionen Euro. Der Löwenanteil ging an die Uni Innsbruck: Rund 21 Millionen Euro für insgesamt sieben Forschungsprojekte, darunter ein noch laufendes Projekt des dort angesiedelten Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation, das von 2016 bis 2020 mit etwa fünf Millionen Euro finanziert wird.

Woran wird hier geforscht? „Quantencomputer können Probleme lösen, die für klassische Rechner sehr schwer lösbar sind, zum Beispiel für chemische Berechnungen“, erklärt Rainer Blatt, der das Institut für Quantenoptik und Quanteninformation sowie das Projekt leitet. Quantencomputer sollen künftig für Optimierungen eingesetzt werden, vor allem mit Simulationsrechnungen.

Der Physiker Philip Walther, der an der Universität Wien ebenfalls an Quantencomputern forscht, erhielt knapp 900.000 Euro vom US-Militär. „Das Projekt unterstützt Datensicherheit von herkömmlicher Software mithilfe von Quantentechnologie, sodass diese nur einmal verwendet werden kann“, heißt es in einer Stellungnahme der Universität. Damit soll Mehrfachverwendung verhindert und besserer Schutz gegen Viren oder Trojaner entwickelt werden.

Spritze gegen Brustkrebs

In einem ganz anderen Feld forscht Christian Singer. Der Wiener Onkologe und Leiter des Brustgesundheitszentrums der MedUni Wien leitet eine Studie im Bereich Brustkrebsprävention, das vom US-Pentagon mit etwa fünf Millionen Euro finanziert wird. „Bisher besteht die präventive Brustkrebstherapie darin, beide Brüste und die Eierstöcke zu entfernen, bekanntestes Beispiel ist Angelina Jolie (US-Schauspielerin, Anm.). Doch diese OP hat ein großes Komplikationsrisiko. Wir testen nun eine sehr leicht verträgliche Spritze, die Frauen mit hohem Krebsrisiko verabreicht wird“, erklärt Singer.

Im Rahmen der Studie wird fast 3000 gesunden Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko, einer sogenannten „BRCA1-Mutation“, präventiv fünf Jahre lang halbjährlich ein Antikörper verabreicht, der im Knochenstoffwechsel die Effekte von Osteoprotegerin imitiert. Die MedUni Wien kooperiert mit einer Forschungsgruppe der Harvard-Universität, das internationale Team ist in sieben Länder verstreut, Österreich dabei federführend. Die Studie finanziert sich aus verschiedenen Fördertöpfen, auch das deutsche Bildungsministerium, lokale Geldgeber aus Großbritannien und Australien sowie eine Pharmafirma sind beteiligt, „leider niemand von österreichischer Seite“, so Singer.

Dass Quantentechnologie für das Militär interessant ist, ist nachvollziehbar. Wieso aber investiert das US-Militär in Brustkrebsprävention? „Die Hintergründe kenne auch ich nicht“, sagt der Onkologe, „die Gesundheit von Mitarbeiterinnen des US-Militärs und deren Familien ist sicherlich ein wichtiger Aspekt bei der Unterstützung derartiger Forschungsprojekte.“ Dass die spätere Anwendung von Forschungsergebnissen bei militärischen Auftraggebern nicht immer eindeutig ist, bestätigt Singer, aber bei seinem Projekt liege der Fall recht einfach: „Wir forschen eindeutig für die Menschen.“

Es ist Grundlagenforschung

Der Quantenphysiker Blatt sagt, bei seinem Projekt handle es sich um „Grundlagenforschung, deren konkreter Nutzen im Sinne einer direkten Verwertbarkeit nicht wirklich seriös eingeschätzt werden kann“. Letztlich gehe es darum, „Grundbausteine für einen zukünftigen Quantencomputer zu erforschen und zu entwickeln“. Die Uni Innsbruck betont ebenfalls, sie betreibe hier Grundlagenforschung, und: „Die Entscheidung darüber, wie die Ergebnisse sinnvoll genutzt werden, obliegt der Gesellschaft.“ Auch eine Sprecherin der Uni Wien sagt: „Die Forschungsergebnisse sind von zivilem, allgemeinem Nutzen.“

Der Physiker Marcus Huber, der an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften an Quanteninformationstheorie und deren Anwendung forscht, hat sich dagegen entschieden, Gelder vom US-Militär anzunehmen, sagt aber: „Die Grundlagenforschung in Österreich ist extrem unterdotiert. Ich verstehe, warum prekär beschäftigte Forscher Geld vom Militär nehmen.“ Dass Gelder vom US-Pentagon an Bedingungen geknüpft sind oder dass die Forschungsergebnisse militärischen Nutzen bringen, glaubt er aber nicht. Warum lehnt er militärische Gelder dann ab? „Forschungsförderung hat einen Lenkungseffekt. Wir müssen uns fragen, ob das US-Militär bestimmen soll, woran geforscht wird. Außerdem möchte ich das Militär kritisieren können, ohne befürchten zu müssen, dass mir dann Forschungsgelder entzogen werden.“

Neben der Uni Innsbruck (ca. 21 Millionen Euro), MedUni Wien (ca. 5 
Millionen Euro) und Uni Wien (ca. 900.000 Euro) erhielten in den 
vergangenen fünf Jahren auch die TU Wien (ca. 400.000 Euro), die Uni 
Klagenfurt (ca. 220.000 Euro) sowie das Institut für Nanobiotechnologie 
der Boku (ca. 500.000 Euro) Gelder vom US-Militär.

Für Forschung und experimentelle Entwicklung (F&E) werden in Österreich heuer 12,8 Milliarden Euro ausgegeben, schätzt die Statistik Austria. 49 Prozent davon kommt von Unternehmen, 35 Prozent vom Bund und rund 15 Prozent aus dem Ausland.

Info: Österreichs zentrale Institution zur Förderung von Projekten der 
wettbewerbsorientierten Grundlagenforschung ist der Wissenschaftsfonds 
(FWF). Der FWF konnte 2018 gemeinsam mit Mitteln des Österreich-Fonds 
und der Nationalstiftung 230 Millionen Euro an Fördergeldern vergeben, 
die beantragte Summe stieg im Vergleich zum Vorjahr um 8,5 Prozent auf 
949 Millionen Euro, die Bewilligungsquote sank von 22,4 auf 22,1 
Prozent. Als exzellent eingestufte Projekte im Umfang von 50 Millionen 
Euro konnten 2018 laut FWF-Chef Klement Tockner nicht gefördert werden.


Kommt Transparenz bei Drittmittel-Vergabe?

Vor mittlerweile fünf Jahren haben Benedikt Strunz (NDR Info) und ich (für die Wiener Zeitung) recherchiert, dass das US-Pentagon Forschungsprojekte an allen größeren Hochschulen sowie der außeruniversitären Akademie der Wissenschaft in Österreich bezahlt. Das hat damals (2014) eine breite politische Debatte über mehr Transparenz bei der Drittmittelvergabe ausgelöst. Geändert hat sich in Österreich aber nichts.

Nun haben sich Studierende zusammengefunden und organisieren am 27. Oktober 2019 eine Tagung zu dem Thema. Die „Studierenden gegen Rüstungsforschung“ (stugeru) haben Friedensforscher und -aktivisten ins Amerlinghaus eingeladen und fordern eine Zivilklausel, die Unis zur Forschung an nicht-militärischen Zwecken verpflichtet. Ich werde auch dort sein und berichten, wie ich zu den Daten gekommen bin, wie die Reaktionen waren, und warum auch Österreich einen „Freedom of Information Act“ braucht.

Links zum Thema:

Dossier „Pentagongelder“ der Wiener Zeitung: https://www.wienerzeitung.at/dossiers/pentagongelder/

Die Daten zu den vom US-Militär finanzierten Forschungsprojekten kommen von dieser HP: https://www.usaspending.gov

Die HP der „Studierenden gegen Rüstungsforschung“: http://stugeru.org

Barrierefreie Mode

Das Wiener Unternehmen „MOB“ entwickelt Mode für Rollstuhlfahrer und ihre Begleiter. Dieser Artikel ist am 24.7.2019 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

Die Ärmel sind zu lang, die Hosenbeine zu kurz. Das An- und Ausziehen – und somit jeder Toilettengang – ist eine Odyssee. Um funktionale Mode für Menschen mit Behinderungen auf den Markt zu bringen, gründeten die studierte Sozialpädagogin Josefine Thom und der Betriebswirt Johann Gsöllpointner das Unternehmen „MOB Industries“.

Thom ist mit einer älteren Schwester aufgewachsen, die geistig und körperlich behindert ist, und war selbst in der persönlichen Assistenz tätig. Sie kennt die Schwierigkeiten, mit denen Menschen mit Behinderung im Alltag konfrontiert sind. Die 31-Jährige gründete 2015 den Kulturverein „PRO21“, setzte sich wiederholt in Kunst- und Kulturprojekten mit Behinderung auseinander – und will nun mittels Mode das Thema Inklusion positiv besetzen.

„In diesem Bereich gibt es noch nicht viel, und das, was es gibt, ist nicht das, was man gemeinhin unter Mode versteht, sondern hat eine starke Funktionsästhetik“, sagt Thom. In den USA besetzen bereits einzelne Labels wie Tommy Hilfiger die Nische „Adaptive Fashion“. In Europa steht die „angepasste Mode“ noch in den Startlöchern.

Im Juli präsentierte „MOB“ die erste Kollektion im Wiener Museumsquartier; sie entstand in Kooperation mit den Wiener Design-Labels Moto Djali, Gon und Ferrari Zöchling. Die Jungdesignerinnen schneiderten schlichte Outfits in dunklen Tönen, aber auch Blusen und Jacken mit farbenfrohen Prints und Mustern. Alle Schnitte wurden speziell für Sitzpositionen entwickelt.

Praktische Outfits
für den Berufsalltag

Bei der Entwicklung der Kleidungsstücke wurde eng mit der Zielgruppe zusammengearbeitet: Regelmäßig trafen das Unternehmer-Duo und die Designerinnen eine kleine Gruppe von Menschen im Rollstuhl, die von ihren Erwartungen an Kleidung berichteten. Die meisten von ihnen sind berufstätig, einige arbeiten in Ministerien oder im öffentlichen Dienst, und waren auf der Suche nach bürotauglichen Outfits. Ganz oben auf ihrer Wunschliste standen überdies bequeme Stoffe, es sollte nichts in den Rädern schleifen, alles waschmaschinentauglich und beim Toilettengang praktisch sein.

Nach zahlreichen Anproben und Feedbackschleifen wurde die Kleidung in Wien produziert. Teil der Kollektion ist beispielsweise eine Bluse, deren weißes Bones-Muster auf hellblauer Viskose an einen Wolkenhimmel erinnert, und hohe Funktionalität aufweist: Die Ärmel sind auf Dreiviertellänge verstellbar, damit sie sich nicht in den Rädern des Rollstuhls verfangen können. Die dazu passende Hose hat höher liegende Vordertaschen, sodass die Hände auch im Sitzen gut eingeschoben werden können, und einen elastischen Bund. Die Hose kann, ohne Ausziehen, in eine Short umgewandelt werden.

Geeignet für Menschen
mit Prothesen

Etwas schlichter kommt ein weißes Hemd mit blauem Strickbündchen daher; es eignet sich gut für Menschen mit Parkinson, Lähmung oder Multipler Sklerose, da Magnetknöpfe das An- und Ausziehen erleichtern. Die Hose besteht aus einem dickeren Stoff, ist an den Beinen schmäler geschnitten und lässt sich durch eine verdeckte Druckknopfleiste vollständig öffnen – ideal für Menschen mit Prothesen oder einem Katheter.

„Unsere Mode hat den sozialpolitischen Anspruch, möglichst vielen Körpern gerecht zu werden“, erklärt Josefine Thom. Niemand soll ausgeschlossen werden, auch Nicht-Rollstuhlfahrer sind potenzielle Kunden. Dabei stellt „MOB“ die übliche Vorgehensweise auf den Kopf: Die Schnitte für Rollstuhlfahrer sind die Norm, aber alle Kleidungsstücke sind auch für Nicht-Rollstuhlfahrer erhältlich. Diese Umkehrung soll hinterfragen, welche Körper wir zur Norm erheben, und die Doppeldeutigkeit von „MOB“ (Englisch für Meute, Pöbel, Anm.) ist wohl kein Zufall: „MOB“ will dazu beitragen, Mode zu demokratisieren.

Dazu passt, dass Rollstuhlfahrer von Anfang an in den Entwicklungsprozess eingebunden waren und einige von ihnen auch als „MOB“-Models zu sehen sind. Für den Katalog wurden nur Models fotografiert, die auch tatsächlich Rollstuhlfahrer sind, was ansonsten in der Branche nicht Usus ist.

Doch wenn eine Jacke mit 30 Druckknöpfen ausgestattet ist, hat das seinen Preis; die Kleidungsstücke kosten zwischen 50 und 300 Euro. „Die Preise weichen nicht von den herkömmlichen Preisen für Kleidung für Rollstuhlfahrer ab“, betont Thom.

Weitere Kollektion
ist in Planung

Während der Webshop noch nicht gestartet ist (im September ist es so weit, Vorab-Bestellungen werden aber entgegengenommen), ist bereits eine zweite Kollektion in Planung. Diese soll mittels Crowdfunding finanziert werden, zudem ist die Kooperation mit weiteren Labels geplant – denn „MOB“ will in der Modeszene Bewusstsein für Körper abseits der Norm kreieren:

„Vielleicht lassen die Designerinnen ihre Erfahrungen, die sie mit uns gesammelt haben, ja in weitere Kollektionen einfließen“, hofft Thom.

Um Menschen mit eingeschränkter Mobilität ein „Einkaufserlebnis“ bieten zu können, begibt sich „MOB“ im Sommer auf Österreich-Tour und bietet kostenlose und unverbindliche Präsentationen für Interessierte an. Anmeldung unter: https://www.mob-industries.com/
Das Unternehmen wurde von der Wirtschaftsagentur Wien mit einem Startkapital gefördert, die nächste Kollektion soll mithilfe von Crowdfunding finanziert werden.

„Ich will keine Revolution, sondern Experimente“

(c) Bernard Galewski

(c) Bernard Galewski

„Wir müssen wieder lernen, unterschiedlicher Meinung zu sein. Der erste Impuls ist, nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Doch dann entdeckt man plötzlich Unterschiede – und das ist gut so“, sagt der Historiker und Philosoph Theodore Zeldin. Ich traf ihn in seinem Haus nahe Oxford zum Interview, heraus kam ein langes Gespräch darüber, wie man leben soll und warum er gegen Achtsamkeit ist. Das Interview ist am 29.9.2018 im „Extra“ der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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„Ich werde niemals zulassen, dass du als Schwuler lebst“

DnDh7EZW4AAZAeK.jpg-largeDa ihm sein Bruder mit Mord drohte, suchte Sami vor einem Jahr um Asyl an.
Bis vor wenigen Jahren führte Sami (Name von der Redaktion geändert, Anm.) ein Doppelleben. Als ihn seine Familie fragte, warum er keine Freundin habe, log er, ihm fehle die Zeit. Dabei hatte er immer wieder Liebesbeziehungen mit Männern, im Geheimen. „Es war ein Leben in ständiger Angst“, erzählt Sami heute. Wir treffen den jungen Mann mit dem fein säuberlich getrimmten Bart in einem Kaffeehaus, wo er den ersten Radler seines Lebens trinkt – und zur Hälfte stehen lässt, weil ihm das Biermischgetränk zu süß schmeckt.
Dieser Artikel ist am 15.9.2018 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.
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Schön im Schritt


Die einen lassen sich ihre Schamlippen kürzen, die anderen feiern die Vulva als Kunstobjekt. Das weibliche Geschlecht als Kampfzone und Goldgrube.
Unten ohne und breitbeinig sitzt Anna Daxbacher in einem Ohrensessel, während ihr die Künstlerin Gloria Dimmel graue Abdruckmasse auf das Genital schmiert. In einer Privatwohnung im 17. Bezirk lässt sie einen Gipsabdruck ihrer Vulva – dem äußeren weiblichen Geschlecht – anfertigen. Wozu? „Man sieht sich nie so“, sagt die junge Frau mit den tätowierten Armen. „Also nicht in dieser Perspektive, nicht in 3D.“ Dimmel startete das Projekt im Selbstexperiment nach Vorbild des britischen Künstlers Jamie McCartney, der in Brighton mit einer Wand aus 400 Vagina-Abdrücken im Vorjahr Furore machte. Ziel dieser Aktionen ist es, die Vielfalt der Vulven zu zeigen. Dieser Artikel ist am 23.7.2018 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.
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