Kommt Transparenz bei Drittmittel-Vergabe?

Vor mittlerweile fünf Jahren haben Benedikt Strunz (NDR Info) und ich (für die Wiener Zeitung) recherchiert, dass das US-Pentagon Forschungsprojekte an allen größeren Hochschulen sowie der außeruniversitären Akademie der Wissenschaft in Österreich bezahlt. Das hat damals (2014) eine breite politische Debatte über mehr Transparenz bei der Drittmittelvergabe ausgelöst. Geändert hat sich in Österreich aber nichts.

Nun haben sich Studierende zusammengefunden und organisieren am 27. Oktober 2019 eine Tagung zu dem Thema. Die „Studierenden gegen Rüstungsforschung“ (stugeru) haben Friedensforscher und -aktivisten ins Amerlinghaus eingeladen und fordern eine Zivilklausel, die Unis zur Forschung an nicht-militärischen Zwecken verpflichtet. Ich werde auch dort sein und berichten, wie ich zu den Daten gekommen bin, wie die Reaktionen waren, und warum auch Österreich einen „Freedom of Information Act“ braucht.

Ein paar Links zum Thema:

Dossier „Pentagongelder“ der Wiener Zeitung: https://www.wienerzeitung.at/dossiers/pentagongelder/

Die Daten zu den vom US-Militär finanzierten Forschungsprojekten kommen von dieser HP: https://www.usaspending.gov

Die HP der „Studierenden gegen Rüstungsforschung“: http://stugeru.org

Barrierefreie Mode

Das Wiener Unternehmen „MOB“ entwickelt Mode für Rollstuhlfahrer und ihre Begleiter. Dieser Artikel ist am 24.7.2019 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

Die Ärmel sind zu lang, die Hosenbeine zu kurz. Das An- und Ausziehen – und somit jeder Toilettengang – ist eine Odyssee. Um funktionale Mode für Menschen mit Behinderungen auf den Markt zu bringen, gründeten die studierte Sozialpädagogin Josefine Thom und der Betriebswirt Johann Gsöllpointner das Unternehmen „MOB Industries“.

Thom ist mit einer älteren Schwester aufgewachsen, die geistig und körperlich behindert ist, und war selbst in der persönlichen Assistenz tätig. Sie kennt die Schwierigkeiten, mit denen Menschen mit Behinderung im Alltag konfrontiert sind. Die 31-Jährige gründete 2015 den Kulturverein „PRO21“, setzte sich wiederholt in Kunst- und Kulturprojekten mit Behinderung auseinander – und will nun mittels Mode das Thema Inklusion positiv besetzen.

„In diesem Bereich gibt es noch nicht viel, und das, was es gibt, ist nicht das, was man gemeinhin unter Mode versteht, sondern hat eine starke Funktionsästhetik“, sagt Thom. In den USA besetzen bereits einzelne Labels wie Tommy Hilfiger die Nische „Adaptive Fashion“. In Europa steht die „angepasste Mode“ noch in den Startlöchern.

Im Juli präsentierte „MOB“ die erste Kollektion im Wiener Museumsquartier; sie entstand in Kooperation mit den Wiener Design-Labels Moto Djali, Gon und Ferrari Zöchling. Die Jungdesignerinnen schneiderten schlichte Outfits in dunklen Tönen, aber auch Blusen und Jacken mit farbenfrohen Prints und Mustern. Alle Schnitte wurden speziell für Sitzpositionen entwickelt.

Praktische Outfits
für den Berufsalltag

Bei der Entwicklung der Kleidungsstücke wurde eng mit der Zielgruppe zusammengearbeitet: Regelmäßig trafen das Unternehmer-Duo und die Designerinnen eine kleine Gruppe von Menschen im Rollstuhl, die von ihren Erwartungen an Kleidung berichteten. Die meisten von ihnen sind berufstätig, einige arbeiten in Ministerien oder im öffentlichen Dienst, und waren auf der Suche nach bürotauglichen Outfits. Ganz oben auf ihrer Wunschliste standen überdies bequeme Stoffe, es sollte nichts in den Rädern schleifen, alles waschmaschinentauglich und beim Toilettengang praktisch sein.

Nach zahlreichen Anproben und Feedbackschleifen wurde die Kleidung in Wien produziert. Teil der Kollektion ist beispielsweise eine Bluse, deren weißes Bones-Muster auf hellblauer Viskose an einen Wolkenhimmel erinnert, und hohe Funktionalität aufweist: Die Ärmel sind auf Dreiviertellänge verstellbar, damit sie sich nicht in den Rädern des Rollstuhls verfangen können. Die dazu passende Hose hat höher liegende Vordertaschen, sodass die Hände auch im Sitzen gut eingeschoben werden können, und einen elastischen Bund. Die Hose kann, ohne Ausziehen, in eine Short umgewandelt werden.

Geeignet für Menschen
mit Prothesen

Etwas schlichter kommt ein weißes Hemd mit blauem Strickbündchen daher; es eignet sich gut für Menschen mit Parkinson, Lähmung oder Multipler Sklerose, da Magnetknöpfe das An- und Ausziehen erleichtern. Die Hose besteht aus einem dickeren Stoff, ist an den Beinen schmäler geschnitten und lässt sich durch eine verdeckte Druckknopfleiste vollständig öffnen – ideal für Menschen mit Prothesen oder einem Katheter.

„Unsere Mode hat den sozialpolitischen Anspruch, möglichst vielen Körpern gerecht zu werden“, erklärt Josefine Thom. Niemand soll ausgeschlossen werden, auch Nicht-Rollstuhlfahrer sind potenzielle Kunden. Dabei stellt „MOB“ die übliche Vorgehensweise auf den Kopf: Die Schnitte für Rollstuhlfahrer sind die Norm, aber alle Kleidungsstücke sind auch für Nicht-Rollstuhlfahrer erhältlich. Diese Umkehrung soll hinterfragen, welche Körper wir zur Norm erheben, und die Doppeldeutigkeit von „MOB“ (Englisch für Meute, Pöbel, Anm.) ist wohl kein Zufall: „MOB“ will dazu beitragen, Mode zu demokratisieren.

Dazu passt, dass Rollstuhlfahrer von Anfang an in den Entwicklungsprozess eingebunden waren und einige von ihnen auch als „MOB“-Models zu sehen sind. Für den Katalog wurden nur Models fotografiert, die auch tatsächlich Rollstuhlfahrer sind, was ansonsten in der Branche nicht Usus ist.

Doch wenn eine Jacke mit 30 Druckknöpfen ausgestattet ist, hat das seinen Preis; die Kleidungsstücke kosten zwischen 50 und 300 Euro. „Die Preise weichen nicht von den herkömmlichen Preisen für Kleidung für Rollstuhlfahrer ab“, betont Thom.

Weitere Kollektion
ist in Planung

Während der Webshop noch nicht gestartet ist (im September ist es so weit, Vorab-Bestellungen werden aber entgegengenommen), ist bereits eine zweite Kollektion in Planung. Diese soll mittels Crowdfunding finanziert werden, zudem ist die Kooperation mit weiteren Labels geplant – denn „MOB“ will in der Modeszene Bewusstsein für Körper abseits der Norm kreieren:

„Vielleicht lassen die Designerinnen ihre Erfahrungen, die sie mit uns gesammelt haben, ja in weitere Kollektionen einfließen“, hofft Thom.

Um Menschen mit eingeschränkter Mobilität ein „Einkaufserlebnis“ bieten zu können, begibt sich „MOB“ im Sommer auf Österreich-Tour und bietet kostenlose und unverbindliche Präsentationen für Interessierte an. Anmeldung unter: https://www.mob-industries.com/
Das Unternehmen wurde von der Wirtschaftsagentur Wien mit einem Startkapital gefördert, die nächste Kollektion soll mithilfe von Crowdfunding finanziert werden.

„Ich will keine Revolution, sondern Experimente“

(c) Bernard Galewski

(c) Bernard Galewski

„Wir müssen wieder lernen, unterschiedlicher Meinung zu sein. Der erste Impuls ist, nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Doch dann entdeckt man plötzlich Unterschiede – und das ist gut so“, sagt der Historiker und Philosoph Theodore Zeldin. Ich traf ihn in seinem Haus nahe Oxford zum Interview, heraus kam ein langes Gespräch darüber, wie man leben soll und warum er gegen Achtsamkeit ist. Das Interview ist am 29.9.2018 im „Extra“ der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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„Ich werde niemals zulassen, dass du als Schwuler lebst“

DnDh7EZW4AAZAeK.jpg-largeDa ihm sein Bruder mit Mord drohte, suchte Sami vor einem Jahr um Asyl an.
Bis vor wenigen Jahren führte Sami (Name von der Redaktion geändert, Anm.) ein Doppelleben. Als ihn seine Familie fragte, warum er keine Freundin habe, log er, ihm fehle die Zeit. Dabei hatte er immer wieder Liebesbeziehungen mit Männern, im Geheimen. „Es war ein Leben in ständiger Angst“, erzählt Sami heute. Wir treffen den jungen Mann mit dem fein säuberlich getrimmten Bart in einem Kaffeehaus, wo er den ersten Radler seines Lebens trinkt – und zur Hälfte stehen lässt, weil ihm das Biermischgetränk zu süß schmeckt.
Dieser Artikel ist am 15.9.2018 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.
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Schön im Schritt


Die einen lassen sich ihre Schamlippen kürzen, die anderen feiern die Vulva als Kunstobjekt. Das weibliche Geschlecht als Kampfzone und Goldgrube.
Unten ohne und breitbeinig sitzt Anna Daxbacher in einem Ohrensessel, während ihr die Künstlerin Gloria Dimmel graue Abdruckmasse auf das Genital schmiert. In einer Privatwohnung im 17. Bezirk lässt sie einen Gipsabdruck ihrer Vulva – dem äußeren weiblichen Geschlecht – anfertigen. Wozu? „Man sieht sich nie so“, sagt die junge Frau mit den tätowierten Armen. „Also nicht in dieser Perspektive, nicht in 3D.“ Dimmel startete das Projekt im Selbstexperiment nach Vorbild des britischen Künstlers Jamie McCartney, der in Brighton mit einer Wand aus 400 Vagina-Abdrücken im Vorjahr Furore machte. Ziel dieser Aktionen ist es, die Vielfalt der Vulven zu zeigen. Dieser Artikel ist am 23.7.2018 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.
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„Von der sexuellen Befreiung der Frau sind wir weit entfernt“

Regisseurin Gabriele Schweiger (c) Gisela Erlacher

Regisseurin Gabriele Schweiger (c) Gisela Erlacher

Regisseurin Gabriele Schweiger über weibliche Schamgefühle, Schönheitsideale und ihren neuen Dokumenatfilm „Viva la Vulva“.

Frau Schweiger, Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über die Vulva zu drehen?

Gabriele Schweiger: Vor einigen Jahren habe ich einen Vortrag eines bekannten Wiener Schönheitschirurgen besucht. Der zeigte Bilder von größeren oder asymmetrischen Schamlippen, und sagte, er verstehe, dass diese Frauen eine OP wollen. Ich habe mir gedacht: „Das schaut ganz normal aus.“ Und dann sagte er, er würde nie eine Frau operieren, die nicht freiwillig zu ihm kommt. Ich frage mich: Wie frei ist diese Entscheidung?

Dieses Interview ist am 21.7.2018 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.
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Feministinnen braucht das Acholi-Land

thumb_DSC_1524_1024Krieg, Flucht und Gewalt haben Frauen in Uganda schwer getroffen. Gemeinsam überwinden sie ihr Trauma.

Christine Auma bahnt sich den Weg durch das Dickicht, bis sie das Dorf erreicht. Mit einem Lappen wischt sie sich den Schweiß von der Stirn, dann wendet sie sich den Männern zu, die im Schatten eines Mangobaums sitzen. Vor ihnen geht sie auf die Knie, ihr zitronenfarbenes Kleid berührt kurz den roten Erdboden. Die kniende Begrüßung gilt in vielen afrikanischen Stämmen als Zeichen des Respekts.

So auch bei den Acholi, jener Stammesgruppe, die im Norden Ugandas beheimatet ist. Lehmhütten mit Strohdächern und Solarzellen, eine Oase inmitten von Bananenbäumen: Auma lebt in einem kleinen Dorf nahe Pader. Die Hauptstadt der gleichnamigen Region im Norden Ugandas wurde im Jahr 2000 aus dem Boden gestampft. Damals hatten sich hier viele Hilfsorganisationen angesiedelt, um den Wiederaufbau nach dem ugandischen Bürgerkrieg zu unterstützen. Dieser Artikel ist am 7.6.2018 in der Wiener Zeitung erschienen.

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