Barrierefreie Mode

Das Wiener Unternehmen „MOB“ entwickelt Mode für Rollstuhlfahrer und ihre Begleiter. Dieser Artikel ist am 24.7.2019 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

Die Ärmel sind zu lang, die Hosenbeine zu kurz. Das An- und Ausziehen – und somit jeder Toilettengang – ist eine Odyssee. Um funktionale Mode für Menschen mit Behinderungen auf den Markt zu bringen, gründeten die studierte Sozialpädagogin Josefine Thom und der Betriebswirt Johann Gsöllpointner das Unternehmen „MOB Industries“.

Thom ist mit einer älteren Schwester aufgewachsen, die geistig und körperlich behindert ist, und war selbst in der persönlichen Assistenz tätig. Sie kennt die Schwierigkeiten, mit denen Menschen mit Behinderung im Alltag konfrontiert sind. Die 31-Jährige gründete 2015 den Kulturverein „PRO21“, setzte sich wiederholt in Kunst- und Kulturprojekten mit Behinderung auseinander – und will nun mittels Mode das Thema Inklusion positiv besetzen.

„In diesem Bereich gibt es noch nicht viel, und das, was es gibt, ist nicht das, was man gemeinhin unter Mode versteht, sondern hat eine starke Funktionsästhetik“, sagt Thom. In den USA besetzen bereits einzelne Labels wie Tommy Hilfiger die Nische „Adaptive Fashion“. In Europa steht die „angepasste Mode“ noch in den Startlöchern.

Im Juli präsentierte „MOB“ die erste Kollektion im Wiener Museumsquartier; sie entstand in Kooperation mit den Wiener Design-Labels Moto Djali, Gon und Ferrari Zöchling. Die Jungdesignerinnen schneiderten schlichte Outfits in dunklen Tönen, aber auch Blusen und Jacken mit farbenfrohen Prints und Mustern. Alle Schnitte wurden speziell für Sitzpositionen entwickelt.

Praktische Outfits
für den Berufsalltag

Bei der Entwicklung der Kleidungsstücke wurde eng mit der Zielgruppe zusammengearbeitet: Regelmäßig trafen das Unternehmer-Duo und die Designerinnen eine kleine Gruppe von Menschen im Rollstuhl, die von ihren Erwartungen an Kleidung berichteten. Die meisten von ihnen sind berufstätig, einige arbeiten in Ministerien oder im öffentlichen Dienst, und waren auf der Suche nach bürotauglichen Outfits. Ganz oben auf ihrer Wunschliste standen überdies bequeme Stoffe, es sollte nichts in den Rädern schleifen, alles waschmaschinentauglich und beim Toilettengang praktisch sein.

Nach zahlreichen Anproben und Feedbackschleifen wurde die Kleidung in Wien produziert. Teil der Kollektion ist beispielsweise eine Bluse, deren weißes Bones-Muster auf hellblauer Viskose an einen Wolkenhimmel erinnert, und hohe Funktionalität aufweist: Die Ärmel sind auf Dreiviertellänge verstellbar, damit sie sich nicht in den Rädern des Rollstuhls verfangen können. Die dazu passende Hose hat höher liegende Vordertaschen, sodass die Hände auch im Sitzen gut eingeschoben werden können, und einen elastischen Bund. Die Hose kann, ohne Ausziehen, in eine Short umgewandelt werden.

Geeignet für Menschen
mit Prothesen

Etwas schlichter kommt ein weißes Hemd mit blauem Strickbündchen daher; es eignet sich gut für Menschen mit Parkinson, Lähmung oder Multipler Sklerose, da Magnetknöpfe das An- und Ausziehen erleichtern. Die Hose besteht aus einem dickeren Stoff, ist an den Beinen schmäler geschnitten und lässt sich durch eine verdeckte Druckknopfleiste vollständig öffnen – ideal für Menschen mit Prothesen oder einem Katheter.

„Unsere Mode hat den sozialpolitischen Anspruch, möglichst vielen Körpern gerecht zu werden“, erklärt Josefine Thom. Niemand soll ausgeschlossen werden, auch Nicht-Rollstuhlfahrer sind potenzielle Kunden. Dabei stellt „MOB“ die übliche Vorgehensweise auf den Kopf: Die Schnitte für Rollstuhlfahrer sind die Norm, aber alle Kleidungsstücke sind auch für Nicht-Rollstuhlfahrer erhältlich. Diese Umkehrung soll hinterfragen, welche Körper wir zur Norm erheben, und die Doppeldeutigkeit von „MOB“ (Englisch für Meute, Pöbel, Anm.) ist wohl kein Zufall: „MOB“ will dazu beitragen, Mode zu demokratisieren.

Dazu passt, dass Rollstuhlfahrer von Anfang an in den Entwicklungsprozess eingebunden waren und einige von ihnen auch als „MOB“-Models zu sehen sind. Für den Katalog wurden nur Models fotografiert, die auch tatsächlich Rollstuhlfahrer sind, was ansonsten in der Branche nicht Usus ist.

Doch wenn eine Jacke mit 30 Druckknöpfen ausgestattet ist, hat das seinen Preis; die Kleidungsstücke kosten zwischen 50 und 300 Euro. „Die Preise weichen nicht von den herkömmlichen Preisen für Kleidung für Rollstuhlfahrer ab“, betont Thom.

Weitere Kollektion
ist in Planung

Während der Webshop noch nicht gestartet ist (im September ist es so weit, Vorab-Bestellungen werden aber entgegengenommen), ist bereits eine zweite Kollektion in Planung. Diese soll mittels Crowdfunding finanziert werden, zudem ist die Kooperation mit weiteren Labels geplant – denn „MOB“ will in der Modeszene Bewusstsein für Körper abseits der Norm kreieren:

„Vielleicht lassen die Designerinnen ihre Erfahrungen, die sie mit uns gesammelt haben, ja in weitere Kollektionen einfließen“, hofft Thom.

Um Menschen mit eingeschränkter Mobilität ein „Einkaufserlebnis“ bieten zu können, begibt sich „MOB“ im Sommer auf Österreich-Tour und bietet kostenlose und unverbindliche Präsentationen für Interessierte an. Anmeldung unter: https://www.mob-industries.com/
Das Unternehmen wurde von der Wirtschaftsagentur Wien mit einem Startkapital gefördert, die nächste Kollektion soll mithilfe von Crowdfunding finanziert werden.