Dichterin mit Rasierklinge

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(c) Jim Alexander – Beacon Press

Gewalt, Elend, Tod: Es gibt kaum ein Tabu, vor dem die Dichterin Sonia Sanchez zurückscheut. Die 81-Jährige ist eine Ikone der afro-amerikanischen Kunstbewegung.

„Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?“ Die US-amerikanische Literatin Sonia Sanchez verschwendet keine Zeit mit Trivialitäten, auch nicht in ihrem TED Talk-Vortrag zum Thema „was es bedeutet, ein Mensch zu sein“, indem sie ihrem Publikum mitgibt: „Wir sind alle gleich. Wir müssen lernen, einander zu respektieren. Ein Poet kreiert soziale Werte.“

Dieser Artikel ist am 6.8.2016 in der Wiener Zeitung erschienen. 

Das Ziel ihrer Arbeit sei es, die Welt zu verändern, erzählt die 81-Jährige im Gespräch mit dem „extra“. Das hat sie längst: Sanchez, Lucille Clifton und June Jordan waren die Ersten, die Literatur von afro-amerikanischen Frauen an amerikanischen Universitäten unterrichteten und damit ein heute nicht mehr wegzudenkendes Studienfach ins Rollen brachten.

Sanchez ist überdies eine der wenigen weiblichen Vertreterinnen des Black Arts Movement, des künstlerischen Flügels des Black Power Movement der 1960er Jahre. Ihr politischer Aktivismus ist mit den Jahren nicht eingeschlafen: 2006 wollte sie sich, gemeinsam mit zehn weiteren Frauen, für den Irakkrieg rekrutieren lassen, um „anstelle ihrer Enkelkinder zu sterben“, wie sie sagten. Die Protestaktion der „Großmütter gegen Krieg“ („Granny Peace Brigade“) endete mit Verhaftungen und einem Gerichtsverfahren, die Anklage wurde letztendlich fallengelassen.

Inspirierende Mentorin
Sanchez gilt als Ikone der afro-amerikanischen Kunstbewegung, die Generationen von jungen Menschen, viele von ihnen schwarze junge Frauen, inspiriert hat. „Sie war eine Mentorin für so viele von uns“, sagt Kamilah Aisha Moon. Die Dichterin traf Sanchez zum ersten Mal mit Anfang 20, und erzählt: „Sonia hat uns gefördert, uns zum Essen eingeladen und wichtigen Personen vorgestellt. Was sie für uns getan hat, ging weit darüber hinaus, was man normalerweise tun würde. Ihr Haus stand uns immer offen.“

Auch für die New Yorker Dokumentarfilmerin Sabrina Schmidt Gordon, die Sanchez die vergangenen fünf Jahre mit der Kamera begleitet hat, war die Autorin prägend: „Ich war 12 Jahre alt, als ich ihre Gedichte zum ersten Mal in der Bücherei entdeckte, und ich war schockiert. Aber es war auch eine Offenbarung“, erzählt Gordon. „Ich erinnere mich, dass ich damals dachte: ich hatte ja keine Ahnung, dass man so etwas sagen kann.“

Tod, Schmerz, Vergewaltigung, Gewalt. Die Themen von Sanchez’ Poesie sind Exzerpte ihres eigenen Lebens, fein säuberlich zerlegt, und sorgsam, aber schonungslos wahrheitsgetreu neu zusammengesetzt.

„Die Art und Weise, in der ich meine Wahrheit beschreibe, ist Teil der Wahrheit“, sagt Sanchez. Ihre frühen Gedichte waren oft improvisiert und experimenteller Natur, im Laufe der Jahre wurden ihr Form und Struktur wichtiger. Sie gilt als „Meisterin des Haiku“, der japanischen Kurzgedichtform. Ihre Gedichte machen oft von der Alltagssprache Gebrauch, die Grammatik wird falsch eingesetzt und Buchstaben werden gezielt weggelassen.

Haiku

man. you write me so

much you bad as the loanhouse

asking fo they money

Die Dokumentarfilmerin Gordon beschreibt die literarische Begegnung mit Sanchez als „Befreiung“, denn zuvor habe sie sich in ihrer Sprache eingeschränkt gefühlt. „Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich immer alle Möglichkeiten ausgeschöpft habe, die mir Sonia Sanchez aufgezeigt hat. Aber sie hat mir gezeigt, welche Kraft in den Wörtern und der eigenen Stimme liegt.“

Während der Sklaverei war es Afro-Amerikanern untersagt, frei zu sprechen. Dieses Recht haben sie sich hart erkämpft, und Sanchez mahnt mit ihren Gedichten ein, Autoritäten die Wahrheit stets ins Gesicht zu sagen („speaking truth to power“). Sanchez, gerade einmal 1,50 groß, der Kopf voller Dreadlocks, wird daher auch „literarische Löwin“ und „Dichterin mit Rasierklingen zwischen den Zähnen“ genannt.

Doch ihr poetisches Repertoire besteht nicht nur aus bitteren Pillen, sondern auch aus Stimmungsaufhellern wie diesem:

Let me wear the day

Well so when it reaches you

You will enjoy it.

(Morning Haiku, 2010)

Sanchez’ Stimme ist unverkennbar, und wenn sie spricht, schwingt immer auch ein wenig Blues mit. Ihr Gegenüber adressiert sie gerne mit „meine liebe Schwester“ oder „mein lieber Bruder“, manchmal fängt sie spontan an zu singen.

Ihre Poesie ist rhythmisch und fließt, dadurch erinnert sie an Hip Hop oder spoken word. Sanchez habe den Grundstein für Hip Hop gelegt, beschreibt der Hip Hop-Künstler Talib Kweli in dem erwähnten Dokumentarfilm: „Sie hat nicht nur die Türen für Hip Hop geöffnet, sondern das Dach weggefegt.“

Poetische Rede

This is a poem about you / you / fun-loving men and women / You flint and feather men and women / You country and cathedral men and women / with hearts in your mouths / singing the morning when and becoming the when / tearing the wings off ignorance and greed and war and guns and assassination / and miseducation, no education / poverty, arrogance, war, war, war, war, war, war / war to yourself and the music of a Spanish guitar / forever strumming racial, sexual, economic, justice / peace, peace, peace (. . . )“

(„Dies ist ein Gedicht über euch / euch / spaß-liebende Männer und Frauen / euch Pistolen und Federn Männer und Frauen / euch ländliche und kathedralen Männer und Frauen / mit Herzen in euren Mündern / den Morgen singend wann und das wann werdend / die Flügel der Ignoranz und Neid und Waffen und zerreissend / und Missausbildung, keine Ausbildung / Armut, Arroganz, Krieg, Krieg, Krieg, Krieg, Krieg, Krieg / Krieg gegen dich selbst und zu der Musik einer spanischen Gitarre / für immer rassentrennend, sexuell, ökonomisch, gerechtigkeit / Friede, Friede, Friede (. . .)“ (aus dem TED-Talk „Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?“)

Harte Kinderjahre
Sanchez wurde in Birmingham im südlichen US-Bundesstaat Alabama geboren. Ihre Mutter starb, als sie ein Jahr alt war, danach wuchs sie bei ihrer Großmutter auf, die wenige Jahre später ebenfalls verstarb. Von da an wurde sie von einem Verwandten zum anderen weitergereicht, bis sie 1943 gemeinsam mit ihrem Vater nach Harlem in New York City zog. Sie erinnert sich noch gut an das winzige Apartment mit einer Wand vor ihrem Fenster – weshalb sie sich bis zum heutigen Tage weigert, in einem Hotelzimmer ohne Fenster zu übernachten.

„In Harlem aufzuwachsen war nicht einfach“, sagt Sanchez. Ihr Vater war Lehrer und fand nach dem Umzug keine Anstellung – die Schulen in New York weigerten sich, einen in den Südstaaten ausgebildeten Lehrer zu beschäftigen, erzählt Sanchez. Also schuftete er in einer Fabrik, die Waffen für den Vietnamkrieg produzierte. Sonia liebte die Schule und zog sich gerne mit ihren Büchern zurück, ihr Vater beschreibt sie als „ruhiges Kind“. Sie stotterte, und begann deshalb zu schreiben. Das änderte sich, als sie in ihren Jugendjahren „einige Linke“ kennenlernte und begann, sich für die Bürgerrechtsbewegung zu interessieren.

„Der Marsch nach Washington im Jahr 1963 war unglaublich“, erzählt Sanchez. Sie wurde Mitglied des „Kongresses für Rassengleichheit“, lernte dort Malcolm X kennen, und schloss sich 1972 der „Nation of Islam“ an – später trat sie wieder aus, da sie mit deren konservativen Einstellungen gegenüber Frauen nicht einverstanden war.

Sanchez verbrachte den Großteil ihres Lebens an Universitäten: Zuerst studierte sie Literatur am Hunter College, danach an der New York University (NYU). Als ihr erstes Gedicht erschien, war sie gerade einmal im ersten Semetser an der NYU, sie studierte bei Louise Bogan, einer langjährigen Poesie-Redakteurin des renommierten US-Magazins „The New Yorker“.

Nach ihrer Promotion unterrichtete sie an acht Universitäten und an über 500 Colleges, wo sie aufgrund ihrer politischen Einstellung, die sie niemals versteckte, auch oft bei den Uni-Rektoren aneckte. An der Universität von Kalifornien war sie eine der Ersten, die einen Kurs über Literatur von afro- amerikanischen Frauen hielt – und die „Black Women Literature“ als neues Studienfach etablierte.

„Ich liebe es zu unterrichten“, sagt Sanchez. „Man kann beobachten, wie sich junge Leute im Laufe des Studiums verändern und als neue Menschen die Universität verlassen.“ Von ihrer Professorin Bogan habe sie Selbstdisziplin gelernt, erzählt sie: „Louise Bogan sagte, man muss jeden Tag schreiben. Lass es einfach fließen. Das tat ich.“

Fleiß und Disziplin
Disziplin war für Sanchez, alleinerziehende Mutter dreier Kinder, wichtig: Tagsüber hielt sie ihre Kurse an der Universität, danach kochte sie für ihre Familie, führte den Haushalt, half den Kindern bei ihren Hausübungen. Sobald sie diese zu Bett gebracht hatte, korrigierte sie die Arbeiten ihrer Studierenden.

Nach Mitternacht arbeitete sie an ihren eigenen Gedichten. Ihr Wecker war stets auf fünf Uhr früh gestellt, jahrelang kam sie mit nur drei Stunden Schlaf aus. Zwei Wochen nachdem sie Zwillinge auf die Welt gebracht hatte, stand sie wieder im Hörsaal. „Ich wollte meine Kinder nicht mit meinem Schreiben frustrieren. Ich arrangiere das um sie herum. Ich habe auf diese Art und Weise zehn Bücher geschrieben“, sagt sie. „Die Poesie hat mich am Leben gehalten.“ Nachdem sie 40 Jahre lang unterrichtet hat, ist sie nun in Pension, reist jedoch von ihrem Wohnsitz in Germantown, im US-Bundesstaat Philadelphia, aus durch das Land, hält Lesungen und nimmt an Diskussionen teil. Vor kurzem war sie Gastleserin eines Onlinekurses der Universität Harvard.

Lisa New, Literaturprofessorin in Harvard, die die Vortragsreihe entwickelt hat, sagt, Sanchez erinnere sie an Juan Felipe Herrera, einen weiteren US-amerikanischen Dichter. New beschreibt beide als „eigenständige Denker“, deren Arbeit sich durch Zweisprachigkeit auszeichne, und deren Poesie leicht verständlich sei.

„Es ist viel schwieriger, komplexe Dinge einfach zu beschreiben. Sonia gelingt es, das in Worte zu fassen, was jeder fühlt, aber nicht in Worte fassen kann“, sagt auch Moon, und fügt hinzu:

„Manche studieren Poesie, und andere werden als Poeten geboren. Sonia gehört sicherlich zur zweiten Kategorie – sie ist eine Dichterin durch und durch, auch im Alltag, nicht nur am Papier.“