Die Gras-Greißler

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Legales Cannabis boomt, doch rechtlich bewegen sich CBD-Shops immer noch in einem Graubereich. Dieser Artikel ist am 15.11.2018 in der „Wiener Zeitung“ erschienen. 

In so gut wie allen Wiener Gemeindebezirken schießen auf Marihuana-Produkte spezialisierte Geschäfte wie Schwammerl aus dem Boden. Die Traditionskonditorei Aida bäckt Gras-Brownies und baut ihr Cannabis-Backwarensortiment stetig aus. Der neuste Clou nennt sich „Dr. Greenthumb“: Beim ersten Cannabisautomaten Wiens – österreichweit gibt es bereits an die 20 – kann man sich auf der Mariahilfer Straße CBD-Öl oder -Gras aus dem Automaten drücken. Man könnte meinen, in Österreich sei Marihuana legalisiert worden. Das stimmt nicht ganz: Es ist nur legal, wenn der psychoaktiv wirkende Inhaltsstoff THC die geringe Dosis von 0,3 Prozent nicht übersteigt.

Cannabis besteht aus zwei Wirkstoffen: Aus Tetrahydrocannabinol (THC), das eine berauschende Wirkung hat, und aus Cannabidiol (CBD), das vor allem entspannt. Raucht man also CBD-Gras oder nascht „grüne Brownies“ von der Aida, wird man davon nicht high. Bestenfalls stellt sich Entspannung ein. Im schlimmsten Fall, wie beim Selbstversuch in der Aida, spürt man keinen Effekt.

Mehr als 200 CBD-Vertriebe

„Es tritt eine körperliche Entspannung ein, man wird aber nicht ‚high‘, sondern bleibt völlig klar im Kopf. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen: Man denkt positiver“, beschreibt Bernhard Spahn die Wirkung von CBD. Seit Juni 2018 betreibt der ehemalige Sozialpädagoge die „Hanfansage“. Der CBD-Shop im zweiten Bezirk ist einer von dutzenden neuen Verkaufsstellen in Österreich.

„Heute gibt es mehr als 200 Hanf-Shops in Österreich, und es werden täglich mehr“, sagt Josef Prirschl, Obmann der Tabaktrafikanten in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) zur „Wiener Zeitung“. Doch Hanf-Shop ist nicht gleich Hanf-Shop: Im Unterschied zu Head- und Grow-Geschäften bekommt man in CBD-Geschäften keine Hanfpflanzen.

Da die türkis-blaue Regierung den Verkauf von Stecklingen verbieten will, setzen aber auch Grow-Shops immer mehr auf legale CBD-Produkte. Die CBD-Vertreiber wiederum wollen sich vom Kiffer-Image abheben. In den meisten Läden sind die Oberflächen glatt und die Einrichtung fast klinisch weiß – Jamaica-Fahnen und Bob-Marley-Porträts sucht man vergebens. Einzig das omnipräsente Hanfblatt erinnert daran, womit man es hier zu tun hat.

Kunden: Bobos und Senioren

Spahn teilt seine Kundschaft in zwei Gruppen: „Gesundheitsbewusste Bobos“, die eher zu CBD-Blüten greifen, und „ältere Damen mit körperlichen Beschwerden“. Bei medizinischem Marihuana sind Senioren die am stärksten wachsende Kundengruppe: Oft haben sie noch nie in ihrem Leben einen Joint geraucht, aber von den schmerzlindernden Eigenschaften des Cannabis-Krauts gehört. Begeistert berichtet Spahn von einer Krebspatientin im Wechsel, deren Symptome sich durch die Einnahme von CBD innerhalb kürzester Zeit gebessert hätten. Die Dame zählt seither zu seiner Stammkundschaft.

CBD wird unter anderem eine entkrampfende, entzündungshemmende und angstlösende Wirkung nachgesagt. Erwiesen ist der schmerzlindernde Effekt bei Menschen mit Krebserkrankungen. „Wissenschaftlich belegt ist das nur mit pharmazeutisch hergestellten Cannabinoid-Medikamenten“, ergänzt Hans-Georg Kress, Leiter der Abteilung für spezielle Anästhesie und Schmerztherapie am AKH Wien. Zurückhaltend zeigt sich auch die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit: Laut AGES liegen derzeit „keine ausreichenden Untersuchungen zu möglichen Auswirkungen von CBD-Öl auf die Gesundheit vor“.

Spahn betont, für den medizinischen Einsatz eigne sich die Mischung aus beiden Wirkstoffen, THC und CBD, am besten.

„CBD ist kein Wundermittel“

Doch selbst für den CBD-Shop-Betreiber ist Cannabis kein Wundermittel: „Der Schmerz verschwindet nicht. Es ist kein Wunder möglich, aber eine Schmerzlinderung.“ In der „Hanfansage“ kostet ein Gramm CBD-Cannabis zwischen acht und zwölf Euro und damit in etwa so viel wie das Gras, das man illegal auf der Straße bekommt. Da CBD aber in einer mindestens 20-fach höheren Dosis als THC verabreicht werden muss, kann das teuer werden.

Da zwischen Cannabis-Befürwortern und -Gegnern ideologische Gräben liegen, ist es kaum verwunderlich, dass auch über die gesundheitliche Wirkung noch gestritten wird. Eines steht jedenfalls fest: Marihuana ist ein Riesengeschäft. Für 2020/2021 wird ein weltweiter Umsatz von fast 20 Milliarden Euro erwartet. Auch in Österreich wollen viele auf den Zug aufspringen: Die Apotheken möchten Medikamente mit CBD-Wirkstoffen verkaufen, und die Trafikanten sind erzürnt, dass sie aufgrund der derzeitigen Gesetzeslage das wegbrechende Tabakgeschäft nicht durch den CBD-Verkauf kompensieren dürfen. „Alles, was zum Rauchen geeignet ist, gehört in die Trafik“, sagt Trafikanten-Obmann Prirschl und kritisiert: „Derzeit gibt es wenig Produktsicherheit. Was da verkauft wird, sind keine geprüften Produkte mit Zulassungsverfahren.“

In Österreich ist der Verkauf von CBD-Produkten seit einer Novelle im Suchtmittelparagraphen im Jahr 2017 legal, doch völlige Rechtssicherheit gibt es bis heute nicht: Ob Cannabidiol als Nahrungsmittel, medizinisches Produkt oder Nahrungsergänzungsmittel zugelassen wird, können EU-Mitgliedstaaten selbst entscheiden. In Österreich steht diese Entscheidung noch aus, offiziell verkaufen CBD-Shops bislang „Aromaprodukte“ und den Kunden darf keine nähere Auskunft zur Anwendung der Produkte gegeben werden.

Wie es in Österreich bezüglich der Nutzung von Cannabis weitergeht, ist ungewiss. Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein lässt derzeit die Zulassung von Cannabis in Apotheken prüfen. Bis 1. Jänner 2019 soll ein entsprechender Bericht vorliegen. „Dieser soll als Grundlage für ein Gesetz zur Liberalisierung von Cannabis in der Schmerztherapie dienen“, so Daniela Holzinger, Sozialsprecherin der Liste Pilz.

Für die Polizei ein Geschäft

Und wie steht es um die rechtliche Absicherung für die Konsumenten? Es wird empfohlen, die Rechnung nach dem Kauf von CBD-Produkten gut aufzubewahren, um diese im Falle einer Polizeikontrolle vorweisen zu können. Doch in der Praxis hilft einem das auch nicht sehr weiter: Optisch unterscheidet sich das CBD-Gras nicht von herkömmlichem, THC-haltigerem Cannabis, und es riecht ebenso süßlich. Es lässt sich schwer nachweisen, welche Rechnung zu welchem Cannabis gehört.

Die meisten CBD-Verkäufer berichten jedoch von einem guten Auskommen mit der Polizei. So auch Spahn: Als Polizeibeamte in seinen Laden kamen, sei er zwar zuerst leicht erschrocken – bis sich herausstellte, dass diese ihm lediglich eine Anzeige im Polizei-Magazin verkaufen wollten. Alle wittern ein Geschäft.

Information
Cannabidiol (CBD) ist eines von 113 Cannabinoiden der Hanfpflanze. CBD wirkt, im Gegensatz zum bekanntesten und am meisten erforschten Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC), kaum psychoaktiv. CBD werden etliche positive medizinische Wirkungen zugesprochen, es soll u.a. entkrampfend, entzündungshemmend, angstlösend und gegen Übelkeit wirken. Laut Studien soll CBD bei manchen Krebsarten das Wachstum der Krebszellen hemmen. Ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von möglichem therapeutischem Nutzen für Menschen mit Alzheimer, Multipler Sklerose, Depressionen und anderen Krankheiten. CBD wird in naher Zukunft von der US-Arzneimittelbehörde FDA und von der europäischen EMA als Medikament zugelassen werden, zunächst für die Behandlung von Epilepsie bei Kindern.