„Österreich macht es uns unnötig schwer“

(c) Luiza PuiuViele Akademiker mit Doktortitel verlassen das Land. Die Hürden für Absolventen aus Nicht-EU-Ländern sind hoch.

Sobald das Gesprächsthema komplexer wird, zeichnet Gizem Yildirim ihre Gedankengänge auf ein Blatt Papier. Das ist gut so. Denn die Gedanken der quirligen Mathematikerin sind noch flinker als ihre Zunge. Die 34-Jährige hat im Juli 2017 an der Technischen Universität (TU) Wien promoviert. Davor hat sie das Masterstudium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien abgeschlossen.

Dieser Artikel ist am 14.2.2018 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

Sie ist also bestens ausgebildet und verfügt über jene Fähigkeiten, von denen Arbeitgeber träumen. Vor kurzem hat sie einen Arbeitsplatz bei einer Firma in Wien gefunden. Bis vor kurzem wusste sie nicht, ob sie den Job als Datenwissenschafterin antreten darf oder nicht.

Das hat mehrere Gründe. Der eine ist ihre Nationalität, der andere die Bürokratie. Yildirim kommt aus der Türkei, einem Nicht-EU-Land. Deshalb darf sie nur mit Rot-Weiß-Rot Karte in Österreich arbeiten. „Einen Job zu finden war nicht das Problem“, sagt Yildirim. Doch die begehrte Karte zu bekommen, ist auch für hochqualifizierte Menschen nicht einfach.

Dass Yildirim seit neun Jahren in Österreich lebt und hier Steuern zahlt, spielt keine Rolle. Zwar darf die Verfahrensdauer laut Gesetz nicht länger als acht Wochen dauern, doch in Wien wartet man auf die Rot-Weiß-Rot Karte im Schnitt zwei bis drei Monate. „Ich verstehe, dass Unternehmen nicht drei Monate auf mich warten wollen“, sagt Yildirim.

In den Niederlanden haben es gut qualifizierte Absolventen leichter

Der bürokratische Spießroutenlauf sei zermürbend, erzählt Yildirim. Immer wieder würde die Magistratsabteilung für Einwanderung und Staatsbürgerschaft (MA 35) nach Dokumenten fragen, die sie bereits eingereicht habe. „Manchmal werde ich richtig wütend. Österreich macht es ausländischen Absolventen unnötig schwer.“ Sie erzählt von einem befreundeten US-Amerikaner, der das Studium der Wirtschaftsinformatik an der Uni Wien abgeschlossen hat und dann in die Niederlande ging, wo er sofort Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen hat. „Er hat mir gesagt, ich sei ein Idiot, dass ich in Österreich bleibe“, sagt Yildirim.

Wer in den Niederlanden einen Doktor- oder Masterabschluss an einer der 200 bestgereihten Universitäten der Welt* vorweisen kann, bekommt in den Niederlanden ein Jahr lang automatisch Zugang zum Arbeitsmarkt. Da der Arbeitgeber nicht um Arbeitserlaubnis beantragen muss, ist es für die Absolventen einfacher, einen Job zu finden. Innerhalb dieser einjährigen „Orientierungsphase“ müssen die Absolventen einen Job mit einem Mindestgehalt von 2.228 Euro finden, mit dem sie ihre Aufenthaltserlaubnis als Fachkraft erlangen.

Je höher die Bildung, desto stärker der Brain Drain

Generell gilt: je höher der Bildungsgrad, desto eher verlassen Menschen das Land. Große Unterschiede gibt es auch bei der Nationalität. Fast drei Viertel bzw. 72 Prozent der 279 Absolventen mit Doktortitel aus Nicht-EU-Ländern verlassen innerhalb von drei Jahren, nachdem sie ihren Abschluss in Österreich gemacht haben, das Land (Zahlen aus 2015/2016). Mehr als die Hälfte der Deutschen, die in Österreich ihren Doktortitel verliehen bekommen, ziehen in diesem Zeitraum wieder weg. Bei den österreichischen Doktoranden sind es knapp acht Prozent, die das Land verlassen, und hier überwiegen die Naturwissenschaften.

Statistik Austria-Chef: „Keine zusätzlichen Hürden auferlegen“

Eklatant ist der Unterschied auch bei den Medizinern: Drei Jahre nach dem Studienabschluss gehen 8,4 Prozent der österreichischen Medizin-Absolventen ins Ausland, bei den Studierenden aus Deutschland sind es 84 Prozent. Konrad Pesendorfer, Chef der Statistik Austria, spricht sich deshalb für eine „europäische Lösung“ aus. Die Rektorin der Universitätenkonferenz (Uniko) ist anderer Meinung: In einem Interview mit der „Wiener Zeitung“ sprach sich Eva Blimlinger gegen eine europaweite Lösung aus und sagte: „Jungärzte gehen weg, weil die Arbeitsbedingungen in Österreich nicht dem europäischen Standard entsprechen.“

Im Uniko-Bericht „Bildung in Zahlen“ heißt es: „Ob in Österreich erworbene Bildungsabschlüsse auch dem heimischen Arbeitsmarkt zugutekommen oder die Hochqualifizierten vermehrt ins Ausland abwandern, ist aus gesellschaftspolitischer Sicht von zentraler Bedeutung“. Die Abwanderung hochqualifizierter Menschen ins Ausland ist ein bekanntes Problem, und die Zahlen zeigen, dass nicht-österreichische Studienabsolventen das Land besonders oft verlassen. Die Frage ist, was die Politik tun wird, um diesem „Brain Drain“ Einhalt zu gebieten.

Mehr Zeit, um einen Job zu finden

Die Regierung hat angekündigt, sie wolle die Rot-Weiß-Rot Karte „weiterentwickeln und entbürokratisieren“: Das Antragsverfahren soll digitalisiert und die Senkung der Gehaltsgrenze geprüft werden, heißt es im Regierungsprogramm. „Näheres kann dazu nicht gesagt werden“, so ein Sprecher aus dem Innenministerium auf Anfrage der „Wiener Zeitung“. Leichte Verbesserungen brachte eine Gesetzesnovelle im Vorjahr: Seit Oktober 2017 haben Studienabsolventen zwölf anstatt sechs Monate Zeit, um einen Job zu finden und die Bürokratie zu bewältigen. Ohne diese Änderung hätte Yildirim das Land bereits verlassen müssen. So bleiben ihr noch wenige Monate Zeit. Deutschland gewährt seinen Absolventen aus Nicht-EU-Ländern 18 Monate Zeit, um einen Job zu finden.

Einen Nebenjob zu finden ist für Menschen aus Nicht-EU-Ländern auch während des Studiums nicht immer leicht. Zwar dürfen Nicht-EU-Bürger während des Studiums 20 Stunden arbeiten. Der Arbeitgeber muss aber zuerst um eine Beschäftigungsbewilligung beim AMS ansuchen. Yildirim erzählt, sie habe sich während ihrer Studienzeit für mehr als 100 Jobs beworben. Doch egal ob Fast Food-Restaurant, Supermarkt-Kette oder höherqualifiziertere Jobs: „Die Antwort war immer dieselbe. Sie wollten nicht die bürokratischen Hürden auf sich nehmen und um eine Arbeitsbewilligung ansuchen.“ Schließlich hat sie, über eine Bekannte, einen Job als freie Dienstnehmerin gefunden. Sie visualisiert seither Daten für die Nationalbank.

„Mit der türkischen Community habe ich nichts gemeinsam“

„Manche umgehen die Bürokratie, indem sie heiraten“, erzählt Yildirim. Doch die Scheinehe war für sie nie Option. Anders als Inan, die fließend Deutsch spricht, weigert sich Yildirim, Deutsch zu lernen. Wieso das? Anfangs habe sie es versucht, aber sie sah sich als Türkin so sehr mit Klischees und Vorurteilen konfrontiert, dass sie es bleiben ließ.

„Ich bin keine Gastarbeiterin. Mit der türkischen Community in Wien habe ich nichts gemeinsam. Außer vielleicht der Sprache, aber nicht mal die.“ Privat und beruflich unterhält sie sich meist auf Englisch, Deutsch braucht sie lediglich für Behördenwege. „Meinen Steuerausgleich mache ich immer auf Deutsch“, erklärt Yildirim. „Eines meiner ersten erlernten Wörter war ‚Unbedenklichkeitsbescheinigung'“.

Yildirim kam als Austauschstudentin nach Österreich, um im Land ihres großen mathematischen Vorbilds Kurt Gödel zu studieren. Sie ist länger geblieben als geplant, hatte aber immer vor, nach dem Studium in die Türkei zurückkehren. Erst mit der jetzigen politischen Situation in ihrem Heimatland sei das keine Option mehr.

Da es dauern kann, bis der Antrag auf die Rot-Weiß-Rot Karte durch ist, beginnt Yildirim fürs Erste nur auf 20-Stunden-Basis. Dieser Vorschlag ging von ihrem neuen Arbeitgeber aus, der für diese temporäre Beschäftigungsbewilligung beim AMS angesucht hat. Parallel will Yildirim die Rot-Weiß-Rot Karte beantragen und dann auf 40 Stunden aufstocken – sofern sie einen positiven Bescheid der MA 35 erhält. Denn trotz der langen Wartezeit weiß man nie, wie die Behörden entscheiden werden.

Kürzlich hat der renommierte Genetiker Josef Penninger bekanntgegeben, dass er nach Kanada gehen wird, um eine Stelle als Leiter des Life Sciences Institutes in Vancouver anzutreten. Im Falle eines negativen Bescheids würde auch Yildirim Konsequenzen ziehen: „Sollte es nicht klappen, gehe ich in die Niederlande, nach Schweden, Island, Australien oder Kanada.“ Kein Wunder, denn diese Länder empfangen exzellent ausgebildete Menschen – anders als Österreich – mit offenen Armen.

Information

*Die Uni Wien ist im Uni-Raking 2018 als einzige österreichische Universität unter den besten 200 Unis der Welt.

In Österreich haben ausländische Studienabsolventen erst ab einem Mindestgehalt von 2.308 Euro pro Monat Anrecht auf eine Rot-Weiß-Rot Karte. Von diesem Gehalt können Berufseinsteiger oft nur träumen. So erging es Evrim Inan (Name von der Redaktion geändert). Sie ist Absolventin der Universität für Bodenkultur in Wien, wollte ebendort eine Postdoc-Stelle antreten und dafür eine Rot-Weiß-Rot Karte beantragen – doch ihr Verdienst war zu gering. Inzwischen arbeitet Inan nicht mehr an der Uni, sondern als Lebensmitteltechnologin in einer Firma in Linz.

Studienabsolventen aus Drittstaaten erteilt. Im Studienjahr 2015/2016 haben 3.143 Nicht-EU-Bürger ihr Studium in Österreich abgeschlossen (inklusive Bachelor- und Masterstudien). Doch nur acht Prozent von ihnen haben die Rot-Weiß-Rot-Karte beantragt.