Smells like Girl Spirit

Nicht nur Pussy Riot haben sich Feminismus auf die Fahnen geheftet, auch in Österreich machen „Riot Grrrls“ Krawall: Porträt der Wiener Noise-Punk-Band Aivery, die am Girls Rock Camp in Niederösterreich gegründet wurde

Verzerrte Gitarre, das Schlagzeug setzt ein, der Gesang bleibt im Hintergrund. Erst im letzten Teil kommt die Frauenstimme dazu, der emotional-aggressive Ausbruch von Franziska Schwarz geht unter die Haut: „I got home, you got lost“, singt sie, und nicht nur die Architektur des Songs ist ungewöhnlich.

Dieser Artikel ist am 18.4.2013 in der „Wiener Zeitung“ erschienen und im Original hier zu lesen.

Die Noise-Punk-Band Aivery besteht seit einem knappen Jahr, auch die Protagonistinnen selbst sind noch jung: Aivery, das sind neben der 17-jährigen Sängerin/Bassistin Schwarz die Schlagzeugerin Doris Zimmermann und Jasmin Maria Rilke an Gitarre und Bass (beide 21 Jahre alt). Formiert haben sie sich beim Girls Rock Camp in Niederösterreich (siehe Infokasten). Heute bringen sie mit Punk-Attitüde den Proberaum im Wien-Ottakring zum Beben, zudem liegt ein Hauch von Grunge in der Luft – ihre Vorbilder sind schließlich die Grungepioniere Nirvana, die mit „Smells Like Teen Spirit“ in die Musikgeschichte eingingen.

Noise-Punk mit einem Hauch von Grunge: Aivery bei einem ihrer Auftritte (c) Spotting

Noise-Punk mit einem Hauch von Grunge: Aivery bei einem ihrer Auftritte (c) Spotting

„Rebel Girl“-Hymne
Doch ist Nirvana nicht just eine jener Bands, gegen die sich die Riot Grrrls Anfang der 1990er auflehnten? „Nirvana war keine dezidierte Macho-Band, sondern sie haben die Überrepräsentanz von Männern im Musikgeschäft selbst kritisiert“, erklärt Zimmermann, die sich mit den Forderungen der Riot Grrrls – gleiche Rechte für Künstler beiderlei Geschlechts und alternative Produktions- und Vertriebsstrukturen – vollends identifizieren kann. Hauptziel der Riot Grrrls: Sie wollten die Untergrund-Musikszene nicht länger den Männern alleine überlassen. 1993 schrieb Bikini Kill die Riot Grrrl-Hymne „Rebel Girl“, in der es heißt: „In her kiss, I taste the revolution“.

Eine Revolution mit Nachgeschmack: Denn wiewohl Aivery einer neuen Generation von Musikerinnen angehört, machten auch sie die Erfahrung, dass der Zugang für Frauen zum Musikmachen alles andere als einfach ist – wenn man nicht unbedingt Klavier oder Klarinette spielen oder den Part der Sängerin übernehmen will. Rilke übte etwa jahrelang allein in ihrem Zimmer an der Stromgitarre; auf der Suche nach Gleichgesinnten pinnte sie Zettel an die Klotüren von Studentenlokalen. Nach einem Jahr kam dann der Anruf von Zimmermann. Letzten Sommer stießen die beiden beim Girls Rock Camp auf Schwarz, ihre heutige Sängerin.

Beim Girls Rock Camp, das heuer zum dritten Mal in Niederösterreich stattfindet, ist das anders: Die Frauen probieren Instrumente aus, gründen Bands und schreiben Lieder. Eine Woche lang dreht sich alles ums Musikmachen und um Selbstermächtigung von Frauen. Männliche Teilnehmer sind nicht erlaubt. Ist das nicht auch wieder Diskriminierung? „Sie können ja ein Boys Rock Camp machen“, sagt Rilke lakonisch. „Es ist leichter, aus sich herauszugehen, wenn keine Burschen dabei sind, dann hat man einfach weniger Hemmungen“, sagt Vera Kropf. Die Sängerin der Band „Luise Pop“ ist Bandcoach beim Girls Rock Camp. Ebenfalls als Bandcoach stehen den Mädchen Musikerinnen wie Clara Luzia, Birgit Michlmayr oder Stefanie Sourial zur Seite – alles keine Unbekannten in der heimischen Indie-Szene.

„Das Wichtigste sind Kontakte. Am Anfang ist alles schwer: Man findet keine Bandmitglieder, keinen Proberaum und hat keine Auftrittsmöglichkeiten“, berichtet Kropf. Die 34-Jährige merkt scherzend an: „Hätte es das Girls Rock Camp zu meiner Zeit gegeben, wäre ich jetzt schon in Amerika“. Und doch steckt in dem Witz ein Funken Wahrheit: Mit acht lernt sie die ersten Gitarrenakkorde, Banderfahrungen machte sie ab 13, der erste Bühnenauftritt erfolgte mit 21 Jahren.

Im Vergleich dazu spielte sich bei Aivery all das im Zeitraffer ab: Gegründet im Sommer 2012, machen sie seither zumindest zweimal im Monat krachend laute Musik, in ihrem winzigen Proberaum trinken sie Bier aus Dosen und erzählen erstaunt von dem Hype, den es um ihre Band anfangs gegeben hat. Und die Fans dürfen sich freuen: Im Frühjahr 2014 soll die erste 7inch von Aivery herauskommen, und zwar beim Label unrecords, das am Girls Rock Camp gegründet wurde.

Und doch ist das Girls Rock Camp mehr als ein Stelldichein der weiblichen Indie-Szene. „Es ist nicht nur Handwerk, es geht auch um Reflexion und Auseinandersetzung mit der Welt. Wenn man nicht beim Schlagerschmalz bleibt, kommt man nicht um politische Inhalte herum“, sagt Kropf. Im Vorjahr wurde etwa über das Urteil im Prozess um die russische Punk-Band Pussy Riot diskutiert, und Schapka, die sich so wie Aivery am Girls Rock Camp formiert haben, griffen diese Inhalte in ihren Texten auf. Denn während es in den Nullerjahren um die Revolution der Riot Grrrls etwas ruhiger wurde, haben sie sich in den vergangenen Jahren wieder stärker zu Wort gemeldet.

Nicht zuletzt haben sich auch Pussy Riot, eine aus rund zehn Frauen bestehende Punk-Formation aus Moskau, ganz klar einen politischen, aber auch feministischen Auftrag auf die Fahnen geheftet. Sie haben Anfang 2012 in einer der bedeutendsten Kirchen Moskaus ihr Putin-kritisches „Punk-Gebet“ in die Welt geschrien. Ein Video zeigt die Punkerinnen hüpfend und springend mit grellen, über den Kopf gezogenen Strümpfen.

Kamikaze-Akt
Das Gebet hatte bekanntlich weitreichende Folgen: Drei der Pussy-Riot-Frauen wurden festgenommen und in einem Schauprozess vorgeführt. Die Anklage lautete auf „Rowdytum“, zwei der Angeklagten sitzen ihre Strafe bis heute ab – und zeigen keine Spur von Reue. Das immense öffentliche Interesse an Pussy Riot liegt vermutlich auch daran, dass man die Scheiß-drauf-Attitüde von Frauen nicht gewohnt ist – doch diese braucht es auf der (Musik-)Bühne.

„Das ist schon ein Kamikaze-Akt“ sagt Kropf, „man macht sich dadurch angreifbar“. Mädchen müssten genügend Selbstbewusstsein entwickeln, um Kritik stand zu halten. Und die kommt zum überwiegenden Teil nach wie vor von Männern: Labelbosse und Musikjournalisten sind allein auf weiter Flur. Das zeigt auch eine Erhebung des feministischen DJ-Labels female pressure: anlässlich des diesjährigen Frauentages am 8. März untersuchten sie die Frauenquote in Line-Ups von Festivals, Veröffentlichungen von Plattenlabels, und in Top-100-Listen. Ihr trauriges Fazit: Ein Frauenanteil von 10 Prozent gilt bereits als überdurchschnittlich.

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Das erste Girls Rock Camp startete 2001 in Portland, Orgeon. Heute gibt es weltweit 44 Camps, meist in den USA. „Lower Austria“ findet sich in einer Liste mit den europäischen Weltstädten Paris, London und Berlin. Das Girls Rock Camp findet heuer von 18. bis 24. August 2013 im Alten Schlachthof Hollabrunn (NÖ) statt. Schwerpunkt liegt auf Radiomachen („Grrrls on Air“). Anmeldung ab 15. April, Teilnahmegebühren 100 bis 200 Euro (exkl. 100 Euro für die optionale Übernachtung).
Teilnehmen können Mädchen zwischen 14 und 21 Jahren, mit und ohne musikalischen Vorkenntnissen.

Hinweise:
Anlässlich des Record Store Day bringen Luise Pop mit den Berlinerinnen Half Girl am 20. April 2013 eine 7Inch heraus (Siluh Records).
Live-Dates: Am 8. Juni sind Luise Pop beim Donaukanaltreiben, am 14. Juni Aivery im Wiener Fluc zu sehen.
Literatur:
Riot Grrrl Revisited, Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung von Katja Peglow / Jonas Engelmann (Hg.) Ventil Verlag, Mainz 2011.
Links:
Girls Rock Camp NÖ
Pink Noise
Aivery Bandcamp
Aivery auf Soundcloud
Luise Pop
Unrecords
Female:Pressure
Girls Rock Camp Alliance