„Spindelegger hat ein satirisches Loch hinterlassen“

(c) Leo Bauer

(c) Leo Bauer

Die Gebrüder Moped nehmen die österreichische Innenpolitik auf’s Korn. Das Interview über Humor und Politik ist am 17.2.2015 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

Sie veranstalten zum ersten Mal den „politischen Aschermittwoch im Kabarett“. Wie kam es dazu?

Franz Stanzl:
In Bayern gibt es neben dem politischen Aschermittwoch den kabarettistischen Aschermittwoch. Auch wir wollen den Tag positiv besetzen, indem wir etwas machen das uns gefällt. Es ist aber keine Gegenveranstaltung zum rechten Aschermittwoch, und auch kein linker Aschermittwoch.

Aber die eingeladenen Politiker stehen schon eher links der Mitte?
Es sind genau zwei Politiker: Sigrid Maurer (Grüne) und Niko Alm (Neos). Wir haben einfach Menschen eingeladen, die uns interessieren, die wir gut finden und keine Kabarettisten sind. Auch bei Politikern haben wir grundsätzlich keine Scheu.


Sie moderieren den Abend, neben Kabarettkolegen Hosea Ratschiller und Christoph & Lollo stehen zehn Gäste auf der Bühne (u.a. Dieter Chmelar, Peter Hajek, Corinna Milborn, Robert Misik, Julya Rabinowich). Wie wird das ablaufen?

Wir haben zehn Gäste eingeladen und gebeten, ein Erlebnis aus ihrem Leben auf der Bühne zu teilen. Das muss jetzt nicht unbedingt lustig sein, aber skurril. Jeder hat fünf Minuten Zeit, lauter kleine Häppchen, für die Zuseher wird das ein bisschen wie Tweets durchlesen, unter einem Hashtag Politik.

Die Gebrüder Moped kennen die meisten aus den sozialen Medien, und nicht aus dem Kabarett. Wie kam das?

Das hat sich so entwickelt. Wir machen ja seit 2008 Kabarett, gleichzeitig ist Facebook in Österreich gestartet und ich habe die neuen Medien von Anfang an genutzt. Aber seit einem Jahr treten wir im Internet konsequent als Gebrüder Moped auf und auch unser aktuelles Kabarettprogramm bezieht sich auf das, was wir im Internet machen. Und ja, wir sind im Internet bekannter. In letzter Zeit verbindet sich das aber: Wir bringen Jüngere ins Kabarett und Ältere zu Facebook.

Zur neuen Stadtregierung in Wiener Neustadt haben Sie getwittert: „Wiener Neustadt wird #grünblau! Cool, vegane Skinheads mit nachhaltigen Stahlkappen.“ Man hat den Eindruck, Sie verfolgen das politische Geschehen laufend.

Ja, das läuft so nebenbei, und ich haue dann schnell Tweets raus. Martin (der zweite Teil der Gebrüder Moped, Anm.) geht eher in die Tiefe und verarbeitet das Geschehen in unseren Kolumnen oder im Kabarettprogramm. Aber jeder von uns postet im Namen von Gebrüder Moped, wir haben großes Vertrauen ineinander.

Sie sind spezialisiert auf Medienguerilla und manipulieren Plakate, die aussehen als wären sie von der FPÖ. Wie oft gibt es böse Anrufe?

Gar nicht. Das liegt wohl daran, dass wir oft einfach Formulierungen, die es schon gibt, hernehmen und anders platzieren. Wir verwenden die Sprache der Freiheitlichen und machen etwas anderes daraus, zum Beispiel: „Natürlich gibt es Brillenträger, die sich benehmen können, aber es sind auch immer wieder Kriminelle dabei. Das muss man sagen dürfen.“ Wir ecken an, indem wir Doofheit vorführen, und bleiben unangreifbar.

Wie reagieren Politiker, wenn sie durch den Kakao gezogen werden?

Wir ziehen sie nicht durch den Kakao, sondern spiegeln sie. Bei den Neos und den Grünen spüren wir Selbstironie, einzelne Vertreter dieser Parteien verbreiten unsere zynischen Kommentare sogar auf ihren Seiten. Geht es um ihre politischen Gegner, verwenden uns SPÖ- und ÖVP-Politiker brutal, wenn es um sie selbst geht, verschweigen sie uns. Und die FPÖ fladert. Sie lädt unser Material auf ihren Seiten hoch und verkauft es als ihres. Dreimal haben wir das bisher bei Facebook angeklagt und dann wurde es von der Seite gelöscht. Bei Privatpersonen sind wir da nicht so unbequem, aber bei großen Parteien oder Politikern in der Dimension eines H.C. Strache schon.

Kommt es vor, dass Menschen auf Medienguerilla hereinfallen?

Einmal haben wir ein Plakat der Alternative für Deutschland (AfD) gemacht auf dem stand: „Unter den kriminellen Ausländern liegen sowohl der Ausländeranteil als auch die Kriminalitätsrate bei 100 Prozent. Das sind in Summe 200 Prozent – doppelt so viele wie es Deutsche gibt.“ Viele dachten, das sei tatsächlich von der AfD. Das ehrt uns natürlich.

Welche Politiker sind ein Geschenk für die satirische Arbeit?

Ganz viele, die nicht mehr im Amt sind. Aber man merkt das erst, wenn sie wegfallen. Der Wechsel von Michael Spindelegger zu Reinhold Mitterlehner hat ein satirisches Loch hinterlassen, genauso wie der Abgang von Gerhard Dörfler oder Maria Fekter.

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner ist weniger ergiebig?

Inhaltlich sind sie ähnlich, aber die Fekter hat es einfach noch viel geschmeidiger formuliert! Uns interessiert ja die Sprache, und Fekter hat da sehr viel geboten.

Als der Papst gemeint hat es sei okay Kinder zu schlagen, solange ihre Würde dabei gewahrt wird, wurde der Opfer Ihrer Satire. Wie stehen Sie zur Islam-Satire?

Religion spielt bei uns wirklich keine so große Rolle. Aber es ist ein Unterschied, ob der Chef der katholischen Kirche etwas Dummes sagt, das eine Debatte auslöst. Wenn das offizielle Oberhaupt vom Islam so einen Blödsinn sagt wie der Papst, dann wäre das natürlich auch ein Thema. Das war ja nicht irgendwer der das gesagt hat, sondern der Chef der katholischen Kirche! Der Islam ist mir zu unübersichtlich, da kenne ich mich auch zu wenig aus. Ob man Islamwitze machen soll, ist mir Blunzen. Da ist ja eigentlich der Terrorismus Thema, und nicht die Religion.

Sie waren selbst einmal Mitglied einer Partei, und zwar der Grünen. Warum sind Sie es nicht mehr?

Das ist eine langweilige Geschichte. Ich bin 2007 aus Protest gegen die SPÖ den Grünen beigetreten. Davor hatten wir lange eine schwarzblaue Regierung und dann mit Alfred Gusenbauer endlich einen roten Kanzler. Aber was er gemacht hat, zum Beispiel die Beibehaltung der Studiengebühren, hat mir nicht getaugt. Ich dachte ich mache jetzt etwas bei den Grünen, habe aber original nichts gemacht. Aber mit den Inhalten der Grünen habe ich immer schon gut können, und ein paar Jahre später bin ich – ohne spezifischen Anlass – wieder ausgetreten. Aber im Moment passt es ganz gut, in keiner politischen Partei zu sein. Haltung kann ich trotzdem zeigen.

Wie war die Erfahrung in einer Partei zu sein?

Dass man bei den Grünen als Parteimitglied mitstimmen kann, sehe ich als Vorteil. So gesehen bringt die Mitgliedschaft bei den Grünen mehr, als bei sämtlichen anderen Parteien. Ich habe zum Beispiel damals dafür gestimmt, dass die Grünen die Koalition mit der SPÖ in Wien eingehen.

Wie bewerten Sie, was die Wiener Grünen daraus gemacht haben?

Ich fand es wichtig, dass die Roten in Wien nicht mehr alleine regieren, das war lange genug so. Der SPÖ tut eine grüne Regierungsbeteiligung gut. Dass durch die Grünen alles anders wird, war zu viel der Erwartung. Aber dafür, dass sie ein kleiner Juniorpartner sind, haben sich die Grünen ganz gut geschlagen. Man kann gegen die Mariahilferstraße und Radwege sein, aber immerhin waren die Grünen präsent. Man hat sie gesehen. Ob man sie gemocht hat, ist eine andere Frage. Ich habe sie gemocht, andere nicht. Macht ja nix.
Sie sind unter anderem im Autorenteam der ORF-Sendung Willkommen Österreich – schmerzt es, wenn jemand anderer Ihre Witze erzählt?
Nein. Das ist ja eine redaktionelle Arbeit, das haben wir eine Zeit lang testweise gemacht aber das funktioniert super und wir sind jetzt fix dabei. Es gibt so viele Witze, da ist für jeden was dabei.

Sind die Gebrüder Moped eigentlich wirklich Brüder?

Nein! Wir kennen uns aus dem Gymnasium in Simmering, also seit bald 20 Jahren. Wir mögen uns aber trotzdem.

Sie sind in Kaiserebersdorf am äußersten Rand von Simmering aufgewachsen. Hat at Sie das politisiert?

Im Gegenteil. Das war so weit draußen, ich hab vieles, das in Wien passiert ist, gar nicht mitbekommen. Aber Simmering ist eine Gemeinsamkeit von Martin und mir, und Simmering ist österreichweit bekannt. Wenn man sagt, man ist Wiener, ist das schon arg, und dann noch Simmering. Da haben die Leute keinen Hass mehr, sondern eher Mitleid.

Franz Stanzl (Jg. 1972) ist Teil des Kabarettduos „Gebrüder Moped“. Ihr aktuelles Programm heißt „Tellerrandtango“. Am Mittwoch moderieren sie den „politischen Aschermittwoch im Kabarett“ in der ausverkauften Kulisse Wien. http://gebruedermoped.com

Info
Die Tradition zum politischen Aschermittwoch  ist im Bayern des 16. Jahrhunderts entstanden. Als die CSU 1953 unter der Führung von Franz Josef Strauß ihren ersten politischen Aschermittwoch durchführte, wurde er zu einer Institution. Die jährlichen Kundgebungen waren daraufhin vor allem durch Auseinandersetzungen zwischen Bayernpartei und CSU bestimmt. Heute veranstalten in ganz Deutschland viele Parteien Aschermittwochstreffen. Die Tradition zum politischen Aschermittwoch hat in Österreich vor allem die FPÖ übernommen. Oft kommt es zu einem derb-rhetorischen Schlagabtausch in Bierzelt-Atmosphäre.