Verarmt, verlassen, vergessen

by Bettina Figl

Schülerinnen in Chisinau

Besuch in einer Schule in Ciocana, dem Stadtteil der moldawischen Hauptstadt Chisinau. Die Mehrheit der 14- bis 16-jährigen Mädchen will auswandern, ein Viertel der Bevölkerung ist schon weg – eine Art „Anti-Migrations-Training“ soll sie zum Bleiben bewegen. Und auch in der abtrünnigen Region Transnistrien fühlt sich die Bevölkerung vom Staat im Stich gelassen.

„Was gefällt euch in Moldawien?“, fragt die Lehrerin in die Klasse. „Es ist friedlich“, antwortet ein Mädchen, „die Natur ist unberührt“, ein anderes. In Ciocana, dem ärmsten Stadtteil Chisinaus, sitzt einDutzend 14- bis 16-Jähriger in einem Klassenzimmer und spricht über Migration. In dem Projekt in der Schule Beresovschi lernen 168 Mädchen nähen, IT-Fertigkeiten und nehmen am „Anti-Migrations-Training“ teil, um über Frauen- und Menschenrechte zu diskutieren.

Dieser Artikel ist am 7.2.2013 in der „Wiener Zeitung“ erschienen und im Original hier zu lesen.

Auswanderung ist das größte Problem Moldawiens. Ein Viertel der Menschen im arbeitsfähigen Alter hat das Land bereits verlassen – Italien, Kanada oder Russland sind die beliebtesten Ziele -, die Hälfte der Väter der Mädchen im Kurs lebt im Ausland. Als die Lehrerin fragt, wer von ihnen später emigrieren will, wandert zaghaft eine Hand nach der anderen nach oben – bis schließlich 10 von 18 Mädchen aufzeigen. Eine Milliarde Dollar schickt die moldawische Diaspora jährlich in ihr Heimatland, diese Finanzflüsse sollen 30 Prozent des Landesbudgets ausmachen. Die Abwanderung hat aber auch weitere, fatale Folgen: Es gibt 35.000 Sozialwaisen, und immer mehr zurückgelassene Kinder wollen sich das Leben nehmen: Im Vorjahr begangen 100 Kinder Selbstmordversuche, in 26 Fällen gingen diese tödlich aus.

Wenn Sheriff Tiraspol spielt, spielt die Grenze keine Rolle
Die korrupte Regierung scheitert daran, Investoren in das Land zu holen, das einst als Kornkammer der UdSSR galt. Doch die Zeit der Kolchosen ist vorbei, nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 war plötzlich eine ganze Nation auf sich selbst gestellt. Zwar wurde den Arbeitern Land zugeteilt, doch ihnen fehlten Dünger, Maschinen und Saatgut. 1992 herrschte Bürgerkrieg zwischen Moldawien und Transnistrien, mehr als 1000 Menschen wurden getötet. Der Schock von damals sitzt in der Bevölkerung auf beiden Seiten des Grenzflusses Nistru tief. In Bender, einer Stadt unweit der Grenze, erinnern Einschusslöcher an Häuserwänden an die Gefechte. Zwar sind die Hauptstädte Chisinau und Tiraspol nur etwa 60 Kilometer voneinander entfernt, doch die Einreise kann dauern: Ob dies auf die post-sowjetische Bürokratie oder Skepsis gegenüber Westlern zurückzuführen ist, bleibt unklar. Auf persönlicher Ebene sind Animositäten rar, und auch der Fußball schweißt zusammen: Wenn Sheriff Tiraspol spielt, ist es plötzlich egal, dass das Stadion in der abtrünnigen Region Transnistrien liegt, und die Siege reklamieren beide Seiten für sich.

Transnistrien wird international nicht als Staat anerkannt, es wird autonom und autoritär regiert, während die Republik Moldau in Richtung Westen und EU strebt. Die Verhandlungen in der Transnistrien-Frage wurden 2006 ausgesetzt, damals sprach sich die Mehrheit der Bevölkerung Transnistriens in einem Referendum für den Beitritt zu Russland aus. Nach wie vor sind an der Grenze russische Soldaten stationiert, und in Tiraspol erinnert viel an die Sowjetunion: Das Lenin-Denkmal vor dem Regierungsgebäude zeigt den Begründer der UdSSR stolz im flatternden Mantel; auf der Landesfahne Hammer und Sichel abgebildet.

„In der Sowjet-Zeit hat das Geld zum Leben gereicht“
„In der Sowjet-Zeit hat das Geld zum Leben gereicht, man musste sich keine Gedanken über eine sichere Arbeitsstelle machen“, sagt Natalia. Damals arbeitete sie in einer Fabrik und reiste am Wochenende nach Odessa. Heute ist die 36-Jährige arbeitslos und wohnt mit ihrer Mutter und ihren drei Söhnen in einem Zimmer im Plattenbau. Siedlungen wie diese werden Chruschowski genannt, da Nikita Chruschtschow – einst Regierungschef der UdSSR, Unterstützer der stalinistischen Säuberungen – sie bauen hat lassen. Uni-Studium und medizinische Versorgung finanzierte damals der Staat, der Westen war tabu und „Kritik undenkbar“. Heute leben 90 Prozent der Menschen in ärmsten Verhältnissen und fühlen sich vom Staat im Stich gelassen. Dass viele Menschen auswandern und ihre Familien zurücklassen, ist für Natalia unverständlich: „Da bin ich dagegen. Daran gehen Familien kaputt.“ Ihr Wunsch für die Zukunft ist bescheiden: Ihr zweijähriger Sohn soll den Kindergarten, die beiden Älterem die Schule besuchen.

Die Republik Moldau („Moldawien“) ist das ärmste Land Europas. Es hat 3,5 Millionen Einwohner, wovon rund 700.000 in der Hauptstadt Chisinau leben. 1992 spaltete sich Transinstriten von Moldawien, der abtrünnigen Region wird seither Autonomie-Status gewährt. Die Caritas betreibt in beiden Landesteilen Hilfsprojekte (u.a. das beschriebene Mädchenprojekt) Spendenkonto: PSK 7.700.004, BLZ 60.000.