„Besser als nichts“

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Die „Wiener Lerntafel“ organisiert Gratis-Nachhilfe für schwache Schüler seit Jahren – wie lange noch, ist ungewiss
Vor knapp zwei Wochen ist der Schulbetrieb an den Wiener Schulen gestartet, und im Oktober wird auch die „Förderung 2.0“ – die neue Förderschiene der Stadt Wien für schwache Schüler – anlaufen. „Derzeit wird der Bedarf erhoben“, heißt es aus dem Büro vom zuständigen Stadtrat Christian Oxonitsch. Die Stadt Wien hat angekündigt, ab diesem Schuljahr Förderstunden für lernschwache Volksschulkinder anzubieten. Ab 2015 soll das Angebot auf die Neue Mittelschulen, Hauptschulen und AHS-Unterstufe ausgeweitet werden, insgesamt kostet das 20 Millionen Euro pro Jahr.

Dieser Artikel ist am 12.9.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.


Bis zu 80 Kinder pro Tag
Außerhalb der Schule hat das Lernen am Nachmittag bereits begonnen: Eine Zehnjährige, ihren Namen will sie der „Wiener Zeitung“ nicht verraten, malt akribisch Ziffern in ihr Aufgabenheft. Sie sitzt an einem Schreibtisch in einem 600 Quadratmeter großen Raum der „Lernhilfe Wien“ in Simmering, bis zu 80 Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren machen hier täglich ihre Hausübungen. Unterstützt werden sie dabei von Lernpaten, die Einzelbetreuung findet in abgeschotteten Lern-Kojen statt.

Das Mädchen mit türkischen Wurzeln ist in Wien geboren, geht in die erste Klasse Hauptschule und wundert sich, warum die Hausübung so einfach ist. Wieso macht sie sie hier und nicht zu Hause? „Meine Mama spricht nicht Deutsch. Und mein kleiner Bruder stört mich nur.“

Begonnen hat die Lerntafel vor drei Jahren mit zwei Lernpaten und fünf Kindern. Inzwischen besteht der Verein aus mehr als 160 aktiven Lernpaten und 300 Kindern, die regelmäßig kommen. Für die Kinder ist das Angebot gratis, in Anspruch genommen kann es von allen, die aus sozial benachteiligten Familien kommen. Doch wie lange der über Spenden finanzierte Verein noch weitermachen kann, ist ungewiss. Um das Angebot auch im nächsten Jahr aufrechterhalten zu können, sollen außerordentliche Vereinsmitglieder angeworben werden: „Freunde“ sind ab 35 Euro pro Monat dabei, „Paten“ können ab 1500 Euro einem Kind für ein Jahr einen Lernplatz sichern. 400 „Freunde“ würden reichen, um die Finanzierung zu sichern, sagt der Lerntafel-Obmann Stefan Unterberger.

Bei dem Verein handle es sich um echte „Gratis-Nachhilfe“, „im Gegensatz zur ,Förderung 2.0‘ der Stadt Wien, das ist reiner Förderunterricht“. Er kritisiert, dass das Geld der Stadt Wien im „Gießkannenprinzip“ verteilt wird, und rechnet vor: Bei 600 Schulen würden die 20 Millionen Euro nur für 40 Kinder pro Schule ausreichen, obwohl in Wien ein Drittel der Schüler zusätzliche Unterstützung bräuchte.Ob die „Förderung 2.0“ alle Kinder erreicht, die sie brauchen, „hängt von den Lehrern ab“, heißt es aus dem Büro Oxonitsch – diese würden autonom entscheiden, welche Kinder zusätzliche Unterstützung brauchen. Sie sollen in Kleingruppen von fünf bis 12 Kindern von einem Lehrer, nicht aber dem Klassenlehrer unterrichtet werden. 12-Kinder-Gruppen seien zu groß, sagt Karin Tikovits, Leiterin des Lerntafel-Zentrums: „Wir haben versucht, in Kleingruppen zu arbeiten, aber das hat nicht funktioniert. Ganz schwache Kinder muss man im Einzelunterricht ermutigen, Fragen zu stellen.“ In der Lerntafel kommen maximal drei Kinder auf einen Lernpaten. Wechselnde Lernpaten haben sich bewährt: Die Ergebnisse bei den Schularbeiten seien besser, als wenn man immer mit derselben Person lernt.

„Eine Ergänzung, kein Ersatz“
„Irgendwann fragen mich die Kinder immer, wie viel ich eigentlich bezahlt bekomme“, sagt Peter Staudinger mit einem Lächeln, „und wenn ich sage: ‚Nichts‘, dann sind sie erstaunt und lernen noch lieber mit mir.“ Der 73-jährige pensionierte Buchhändler verbringt zweimal pro Woche seine Nachmittage in der Lerntafel.

Hier werden 26 Sprachen gesprochen. Fast alle Kinder haben eine andere Muttersprache als Deutsch, bei 45 Prozent ist es Türkisch. Während sie umgangssprachlich fließend Deutsch sprechen, mache sich spätestens bei den Aufgaben der fehlende Wortschatz bemerkbar, erzählt Staudinger: „Sie fragen mich, was ‚Antwort‘ oder ‚Titel‘ heißt.“ Er befürwortet das neue Förderangebot der Stadt Wien, betont aber auch: „Die Schule wird es nicht ohne Helfer von außen schaffen.“ Auch die Stadt Wien sieht in der „Förderung 2.0“ einen „Zusatz und keinen Ersatz für bestehende Förderangebote“. Die Lerntafel sei „eines von vielen kleinen Einzelprojekten, aber keine flächendeckende Unterstützung wie die ‚Förderung 2.0‘“, so eine Sprecherin aus dem Büro Oxonitsch.

Für Heidi Schrodt, pensionierte AHS-Direktorin und Vorsitzende der Initiative „BildungGrenzenlos“, ist der Förderunterricht der Stadt Wien „besser als nichts“, aber „in einem gut funktionierenden Schulsystem sollte das nicht notwendig sein“. Sie spricht sich für eine gemeinsame Schule aus und kritisiert die Trennung im Alter von zehn Jahren als viel zu früh. Dieser Meinung ist auch Karl Geert. Der ehemalige Journalist lernt zwei Nachmittage pro Woche mit den Kindern in Simmering und sagt: „Natürlich ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Es bräuchte Ganztagsschulen und Gesamtschulen. Aber für mich ist es befriedigend zu wissen, dass die Kinder mit erledigten Hausaufgaben nach Hause gehen.“