Das Unsichtbare wird sichtbar

Kann man an einem Ort wie Mauthausen leben? Ein Besuch der Schauplätze von Johann Epples Roman „Gesternstadt“ zeigt: die NS-Geschichte ist omnipräsent.

Es ist eine herrschaftliche Villa, die dem Besucher weiß verputzt entgegen strahlt. Der Rasen ist fein getrimmt, eine zwei Meter hohe Mauer umrahmt das Grundstück, auf dem sich das größte Haus des Ortes befindet. Durch ein Stahltor blickt man auf den englischen Garten und einen Kiesweg, der zum Haus führt. Dieses markierte einst den Eingang zum Konzentrationslager Gusen I. Die Nazis nannten das Gebäude „Jourhaus“, hier wurde den Menschen die Köpfe rasiert und Goldzähne ausgeschlagen. Heute befindet sich das Haus in Privatbesitz, eine Familie lebt darin.

Dieser Artikel ist am 2.11.2012 im „Extra“ erschienen und ist im Original hier hier zu lesen.

Wie kann man hier leben? Diese Frage stellt sich nicht nur beim Jourhaus. Wo sich der heutige Ort Gusen erstreckt, stand einst Gusen I, eines von neun Nebenlagern des KZ Mauthausen. Unter den Häftlingen galt Gusen I als Endstation.

37.000 Menschen wurden hier ermordet. Die Geschichte ist in dem oberösterreichischen Dorf allgegenwärtig: In der „Grimm-Villa“, wo der hochrangige SS-Offizier und Verwalter des Steinbruches des KZ Mauthausen residierte, lebt heute der Bürgermeister von Mauthausen. Auf der Veranda des ehemaligen Bordells für privilegierte Häftlinge, die „Kapos“, sitzt ein älterer Mann in der Herbstsonne. Kein Museum, keine Gedenktafeln weisen auf die Geschichte der Gebäude hin, einzig das Memorial inmitten einer Wohnsiedlung fungiert als Mahnmal. Die ehemaligen Verwaltungsgebäude der SS verfallen allmählich, der Denkmalschutz blieb bisher untätig. In den 1980er-Jahren lebten in diesen Bauten türkische Gastarbeiter, sie arbeiteten in den Steinbrüchen des „Wiener Grabens“, wo einst die KZ-Häftlinge Steine über die sogenannte „Todesstiege“ schleppen mussten.

Spottbilliger Baugrund
Nach dem Krieg war der Baugrund in Mauthausen und Gusen spottbillig, drei bis fünf Schilling kostete der Quadratmeter. Einige Menschen sind nach 1945 zugezogen, andere leben schon immer da. Was ist, wenn man hier aufgewachsen ist, seine Kindheit in Mauthausen verbracht hat? Darf man einen Ort lieben, an dem das größte Verbrechen der Menschheit stattfand?

Diese Fragen veranlassten Johannes Epple, einen Roman über den Ort seiner Jugend zu schreiben. Der Autor ist 1982 geboren und in Mauthausen aufgewachsen, zum Studieren ging er nach Wien und ist geblieben. Das Material seines Romans „Gesternstadt“ ist verstörend, macht nachdenklich, mitunter auch zornig. Epple beschwört beim Leser jenes Gefühl herauf, mit dem die heutigen Ortsbewohner permanent leben: Kann man die Vergangenheit denn nicht einmal ruhen lassen? Die Verneinung dieser Frage ist eine der wenigen Antworten, die Epple in seinem Roman gibt.

Die Orte sind real, die Geschichte fiktiv; dass diese dennoch lebensnah ist, resultiert aus Epples Recherche: er sprach mit Menschen aus der Gegend, zog Experten der Gedenkstätte Mauthausen zurate. Hauptprotagonist des Romans ist Paul, eines der „drei Kinder vom Riederbach“, die längst keine Kinder mehr sind. Er, seine Cousine Mara und sein Freund Sebastian sind um die 30, Paul kehrt nach vielen Jahren in Berlin zurück, da sein Onkel Michael im Sterben liegt. Mit Pauls Rückkehr wird alles anders: Sebastian und Mara sehen sich plötzlich mit der Vergangenheit konfrontiert – und mit der Zukunft.

Im Zentrum steht die Frage, was nach Michaels Tod mit dem Haus am Riederbach geschehen soll. Abreißen, fordert Michael, dem es zunehmend schlechter geht. Mara indes will das Haus nicht aufgegeben, all die Jahre hat sie sich darum gekümmert, hier haben sie ihre Kindheit verbracht.

Diese wohl widersprüchlichste Figur beschreibt Mauthausen als einen Ort, „an dem es kein richtig oder falsch gibt“. Auch der Gedanke, das Haus in eine Gedenkstätte umzuwandeln, behagt ihr nicht: „Wir leben in einem Museum. Dennoch sprechen wir von unserer Zukunft. Zukunft bedeutet handeln. Zukunft bedeutet verändern. Zukunft bedeutet schaffen. Und das soll in einem Museum möglich sein?“

Paul will von Michael mehr über die Vergangenheit erfahren, doch Michael verbirgt ein Geheimnis, auch er hat sich in der Zeit des Nationalsozialismus schuldig gemacht. Pauls Jugendfreund Sebastian sucht ebenfalls nach Erklärungen, doch sein Großvater starb früh. Um diesem näher zu sein, trat er in seine Fußstapfen und wurde Steinmetz. Sebastian hat Schuldgefühle, denn wie kann er mit Stein arbeiten, mit jenem Material, das die Nazis in diese Gegend trieb und so viele Menschen in den Tod?

Immer wieder fließen in „Gesternstadt“ Fiktion und Realität ineinander, etwa wenn Paul von einem Firmengelände in Gusen vertrieben wird. Tatsächlich stehen in Gusen Schilder, die besagen, das Betreten der Privatwege sei verboten. Im Roman wollen die Angestellten den Auftrag ihrer Vorgesetzten erfüllen, indem sie Passanten verscheuchen, und Paul denkt: „Das sind die gefährlichsten Menschen, die es gibt.“

Besucht man im realen Leben das Gasthaus Kreuzmühle unweit des Wiener Grabens, sagt der 72-jährige Wirt Hans Hannl über die SS: „Das waren Befehlsempfänger.“ Er sitzt in seiner Gaststube und klimpert mit dem Teelöffel nervös gegen die Kaffeetasse. Ihm ist anzumerken, dass er nicht gerne über dieses Thema spricht. Dennoch tut er es. Er hat sich daran gewöhnt, dass die Menschen ihm Fragen stellen.

Das Gasthaus befindet sich seit jeher in Familienbesitz und liegt nur einen Steinschlag vom KZ Mauthausen entfernt. Hier tranken die SS-Soldaten nach Dienstschluss ihre Biere. 8000 von ihnen waren in Mauthausen und den Nebenlagern beschäftigt, das Wirtshaus war jeden Abend voll. „Privat waren sie die besten Haberer“, sagt er. Hat er gewusst, was hier geschieht? „Jeder hat es gewusst“, erzählt Hannl. Man habe Schreie gehört, es habe nach verkohlten Leibern gerochen. Fragt man ihn, wie es ist, hier zu leben, zuckt er mit den Schultern und sagt: „Es ist, als würde man neben einem Friedhof leben.“

Reste von Gasmasken
Einige Zeitlang war das tatsächlich der Fall. 1955 wurde das Massengrab neben der Mauthausen-Gedenkstätte schließlich geöffnet und etwa 1900 Leichen exhumiert. Die Anwohner waren nach der Befreiung von den Amerikanern gezwungen worden, die Leichenberge einzugraben.

„Das war als Erziehungsmaßnahme gedacht“, sagt Bernhard Mühleder von der Gedenkstätte Mauthausen. Was er erzählt, unterstreicht den Tenor des Romans: Man wird überall fündig, wenn man nur hinsieht. Neben den Einfamilienhäusern in Gusen beweisen Abdrücke im Gras, dass hier Häftlingsbaracken standen. Im Wiener Graben blitzen Kugellager unter dem Laub hervor, unter dem auch Überreste von Gasmasken verborgen sind.

Mühleder steht vor den Mauern der Gedenkstätte Mauthausen und deutet auf einen Bauernhof, der sich, wie das Memorial, auf einer Anhöhe befindet. Seit Jahrzehnten ist dieser in Besitz der Familie Gusenbauer. 1941 erstattete die Landwirtin Anzeige, in der sie sich darüber beklagt, dass im KZ Mauthausen „wiederholt Häftlinge erschossen (werden), von denen die schlecht getroffenen noch längere Zeit leben und so neben den Toten Stunden und sogar Halbtage lang liegen bleiben. (. . .) Ich bin ohnehin kränklich und solchen Ansehen nimmt meine Nerven derart in Anspruch, dass ich dies nicht auf die Dauer ertragen kann. Ich bitte um Veranlassung, dass solche unmenschlichen Handlungen unterbleiben beziehungsweise dort gemacht werden, wo man es nicht sieht.“

„Wegsehen ist nicht möglich“
Ob Vergangenheit oder Gegenwart: „Das Wegsehen ist gar nicht möglich“, schreibt Epple, und damit kämpfen auch seine Romanfiguren. Ihrem Hadern verleiht der Autor durch eine nüchterne, klare Sprache Ausdruck, die ihre Ästhetik durch eine beklemmende Plastizität entwickelt. Er zeichnet ein düsteres Bild davon, was vom Schrecken blieb. Er zeigt, wie schwierig die Dreiecks-Freundschaft zwischen Mara, Paul und Sebastian sich gestaltet, denn sie alle versuchen auf unterschiedliche Weise, mit der Geschichte zu leben: Paul, der Träumer, versteckt sich hinter einer Maske, doch selbst im fernen Berlin holte ihn die Vergangenheit ein.

Sebastian, der Bodenständige, blickt von seiner Werkstatt aus täglich auf das Mauthausen-Denkmal und ist solcherart gezwungen, sich zu erinnern. Mara, die Pragmatische, versucht dem Schrecken in ihrem Alltag keinen Platz zu geben. Doch es verhält sich anders herum: Alltag passt nicht an einen Platz wie diesen, Maras himmelblauer Wagen ebenso wenig wie der Wetterhahn, der sich am Dach des einstigen Lagerbordells dreht. Wie kann man im Garten grillen, wenn an diesem Ort Menschen verbrannt wurden? Für Paul sind die Menschen, die hier leben, blinde Zuseher. Sie sehen, und zugleich leugnen sie, was sie sehen.

Die Zeitzeugen-Utopie
„Die Lüge wird über die Jahre zur Wahrheit“, schreibt Epple und hält fest, dass Zeitzeugengespräche nur über eine Wahrheit Aufschluss geben. Das wird deutlich, als Michael von einem Mitarbeiter der Gedenkstätte zu jenen Geschehnissen befragt wird, die sich zutrugen, als er während der NS-Zeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb arbeitete. Michael will oder kann nicht über das Los der Häftlinge sprechen, die auf dem Hof Zuflucht vor den SS-Wachen suchten. „Ich habe Ihnen gesagt, wie es für mich gewesen ist“, sagt er. „Sie wollen hinter mich blicken? Was glauben Sie da zu finden? Die Vergangenheit? Dort lauere wieder nur ich, immer ich. Schrecklich, oder?“

Als Michael von seinem Bruder erzählt, der mit 16 Jahren auf der Flucht aus Russland erschossen wurde, weiß Paul darauf nichts zu sagen und merkt, wie fremd Michaels Lebensgeschichten ihm sind. „Zwischen Michaels Welt und meiner liegt ein Graben, der nicht zu überspringen ist. Dennoch ist Michaels Welt in meiner gegenwärtig. In jedem Schritt, in jedem Atemzug. Sie ist da“, flüstert Paul, „und gleichzeitig bekomme ich sie nicht zu fassen.“

Auch Epple bekommt das Unfassbare nicht zu fassen, dennoch beobachtet und beschreibt er es akribisch und ungeschönt. Der Versuchung, den Zeigefinger zu erheben, widersteht er nahezu gänzlich. Seine Kritik richtet sich vielmehr an jene Menschen, die sich aus sicherer Distanz am Nazi-Schrecken ergötzen. Sie machen es sich einfach: Beim Besuch des Denkmals in Mauthausen geben sie sich betroffen, machen Fotos und fahren wieder nach Hause – oder schließen den Buchdeckel.