„Entmündigung durch Experten“

Ökonomin Michalitsch über Aufgaben der Erwachsenenbildung
Business-Englisch oder Arbeitsrecht, das politische System Österreichs oder Autogenes Training: die Wahl eines Volkshochschulkurses wird oft danach getroffen, was im Berufsleben praktikabel erscheint, politische Partizipation wird immer öfter hintangestellt.

Dieser Artikel ist am 7.11.2012 in der „Wiener Zeitung“ erschienen und im Original hier zu lesen.

Wie in fast allen Bildungsbereichen sind in den vergangenen Jahren die Fördermittel auch in der Erwachsenenbildung zurückgegangen. Damit, welche Auswirkungen dies auf das Angebot der Volkshochschulen (VHS) hat, befasst sich die heute startende internationale Konferenz „Mit Bildung ist zu rechnen“, veranstaltet unter anderem von den VHS und dem Bildungsministerium.

Die Wahl auf den möglichst „verwertbaren“ VHS-Kurs ist auch auf ein dementsprechendes Angebot zurückzuführen. Die Programmgestalter sind zusehends Zwängen – Rahmenvorgaben der EU, ökonomischer Druck – unterworfen, sagt Stefan Vater, wissenschaftlicher Mitarbeiter der VHS, im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“.

Er kritisiert, dass damit politische Bildung immer öfter zu kurz komme. Insbesondere im Bereich Wirtschaft falle der Erwachsenenbildung eine wichtige demokratiepolitische Aufgabe zu: „Dass gerade in der Wirtschaftspolitik die ganze Kompetenz den sogenannten Experten zugesprochen wird, bedeutet die völlige Entmündigung der Bürger“, sagt Gabriele Michalitsch, Ökonomin und Politikwissenschafterin an der Universität Wien.

„Ökonomie ist keine universelle Wahrheit“
„Grundlegende Zusammenhänge kann man verstehen, ohne Ökonomin zu sein“, sagt Michalitsch. Man solle sich nicht „am Gängelband der sogenannten Experten“ führen lassen, sondern sich „im Sinne von Kant seines eigenen Verstandes bedienen“. Die dafür notwendigen Kompetenzen könne man durch Erwachsenenbildung erwerben, indem „ökonomische Alphabetisierung“ stattfindet, also wirtschaftliches Basiswissen vermittelt wird, um Entscheidungsprozesse diskutieren und kontrollieren zu können.

Hier ortet Vater große Mängel in der Schulbildung: „Es ist erschütternd, dass die Schule kaum ökonomisches Grundwissen vermittelt“, von betriebswirtschaftlichen Fächern wie Buchhaltung abgesehen.

Hier hakt Michalitsch kritisch ein: „Betriebswirtschaftliches Wissen und volkswirtschaftliches Wissen sind grundlegend verschieden. Meist wird uns Betriebswissenschaft als wirtschaftliches Wissen verkauft – dieses müsste aber viel mehr als volkswirtschaftliches Wissen verstanden werden.“ Ökonomisches Wissen sei zudem keine „universelle Wahrheit“, sondern ein „von Interessen geleitetes Wissensfeld“, das man kritisch hinterfragen müsse.

Darin, dass es sehr wohl alternative wirtschaftliche Theorien gibt, Erwachsenenbildung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen sollte, sind sich Vater und Michalitsch einig. Die erste Gelegenheit dazu gibt es beim heute startenden Kongress (siehe Wissen). Als Ausgangspunkt der Tagung fungiert die Wirtschaftskrise: „Griechenland ist in dem Sinn das Beispiel, das uns alle bedroht, wenn wir unsere Politik nicht auf andere Grundlagen stellen“, sagt Michalitsch. Ihrer Ansicht nach müsse man sich der Frage stellen, ob Wirtschaft dem Profit oder der Versorgung der Menschen dienen solle.

„Politische Strategie der Ausschließung“
Nicht zuletzt fällt der Sparzwang in der Erwachsenenbildung via höhere VHS-Kursgebühren auf die Teilnehmer zurück – dadurch werde der Zugang für sogenannte bildungsferne Schichten erhöht, kritisiert Michalitsch. Sie sieht darin eine „politische Strategie der Ausschließung“ und „ein klares Produkt neoliberaler Politik.“ Die ursprüngliche Forderung der VHS der „Bildung für alle“ ist damit ferner denn je: Der Großteil der Kursteilnehmer entstammt der Mittelschicht, Arbeiter und Menschen mit Migrationshintergrund sind stark unterrepräsentiert.

Wissen

Erwachsenenbildung in Österreich gibt es seit mehr als 150 Jahren, die Volkshochschulen (VHS ) als ihr wichtigster Bestandteil sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts basisdemokratisch entstanden. In den 1920er und 1930er Jahren befanden sie sich in ihrer Blütezeit, bis 1934 durch das austrofaschistische System Vortragende aus dem Programm entfernt wurden beziehungsweise bis knapp vor dem „Anschluss“ 1938. Einer der prominentesten Vortragenden war Albert Einstein; 1921 kam der Physiker auf Einladung der Wiener Urania – neben Volksbildungsverein und VHS Ottakring eine der zentralsten VHS – nach Wien. Er dozierte im Wiener Konzerthaus vor über 3000 Zuhörern über die allgemeine und spezielle Relativitätstheorie.

Heute gibt es in Österreich 270 VHS, jährlich werden rund 47.000 Kurse angeboten, die von knapp einer halben Million Menschen besucht werden (ohne Vorträge). 75 Prozent der Teilnehmer sind Frauen. Fast 42 Prozent der Kurse entfallen auf den Bereich Sport und Bewegung, 25 Prozent auf Sprachen. Kurse im Bereich Politik, Gesellschaft und Kultur machen nur sechs Prozent des Angebots aus, je wirtschaftlich „verwertbarer“ der Kurs, desto höher der Männer-Anteil unter den Besuchern.