Der Mythos vom ewigen Eis

Ein Selbstversuch: das erste Mal auf Skiern nach 15 Jahren – ein früher Start in die Skisaison.

Der Helm und die Skischuhe sitzen; die Skistöcke in der einen, die zusammengesteckten Skier in der anderen Hand: Steigt man in voller Skimontur aus der Gondel und die Treppen herab, erinnern die starren Bewegungen ein wenig an jene des Spielzeugroboters „Transformer“ – doch im Unterschied dazu lässt sich der gewöhnliche Skifahrern nicht mit wenigen Handgriffen in ein Auto, Flugzeug oder eine Kampfstation umwandeln.

Dieser Artikel ist am 23.11.2012 im „Wiener Journal“ erschienen und im Original hier zu lesen.

Vielmehr ist es ein stetiger Kampf mit dem Material, der das Skivergnügen dann doch ein wenig trübt. Denn obwohl sich die Technologie und damit die Skiausrüstung in den vergangenen Jahren um Welten verbessert hat, wird sich manches wohl nie ändern: Die Pistenverhältnisse können durch die angelaufene Skibrille nur schemenhaft wahrgenommen werden; immer wieder muss der klebrige Schnee mühselig aus Skischuh und Bindung entfernt werden, der Skischuh drückt nach wenigen Stunden an allen Ecken.

Steht man das erste Mal seit über 15 Jahren wieder auf Skiern, sind es vor allem Banalitäten wie diese, welche die koordinativen Fähigkeiten herausfordern. Deshalb macht es Sinn, sich möglichst früh in der Saison an Material und Piste zu gewöhnen. Im Pitztal – eines von acht Gletscherskigebieten in Österreich – kann man dies bereits im Herbst, die Skilifte haben ab September geöffnet. Doch wer ewiges Eis erwartet, wird auf den ersten Blick enttäuscht: Auch hier wird nicht auf Eis, sondern auf Schnee Ski gefahren. „Ob der Untergrund Gletscher oder Permafrostboden (Dauerfrostboden, Anm.) ist, ist im präparierten Pistenbereich oft nur sehr schwer zu unterscheiden“, sagt Markus Fiebig, Institutsleiter der Angewandten Geologie an der Universität für Bodenkultur in Wien.

Das Pitztal ist Österreichs höchstes Gletscherskigebiet
Auch die Weltmeister trainieren im hinteren Pitztal, Österreichs höchstem Gletscherskigebiet, ihre Wettkämpfe fahren sie dann im nahe gelegenen Sölden im Ötztal. Hobbysportler kommen ebenfalls ins Pitztal, um sich am Gletscher für die beginnende Skisaison zu rüsten. Allerdings kommt man auf den Fernern, wie die Gletscher auch genannt werden, aufgrund der dünnen Luft schnell aus dem Atem – viel trinken und öfter Pausen machen, raten routinierte Gletscherskifahrer. Außerdem sollte man nicht abseits der Piste fahren, denn bis zu 70 Meter tiefe Gletscherspalten lauern überall. Immer wieder muss die Bergrettung anrücken um Menschen hieraus zu bergen, sie sprechen dann vom „fischen gehen“.

Als ob er Gedankenlesen könnte, ruft der Skilehrer Alois ermutigend „Keine Angst!“ zu, doch sein Ratschlag an die eingerostete Skischülerin erweist sich als wenig hilfreich: „Das Wichtigste ist, dass du Spaß hast. Lachen! Dann geht’s viel leichter.“ Nach einigen Abfahrten fallen ihm dann doch noch ein paar Tipps ein: Mehr in die Knie gehen, Oberkörper nicht so weit zurücklehnen, Druck auf die Zehen. Nun nehmen wir die Skistöcke zwischen die ausgestreckten Arme, Alois gibt Anweisungen: „Wie wenn du einen Einkaufswagen schiebst.“

Gesagt, getan: Die kurzen Allmountain-Ski fahren – im Unterschied zu den alten Skiern, die im Keller vor sich hin rosten – fast wie von alleine. Der neue Ski ist leichter zu drehen, erklärt der Experte beim Verleih. Ist man noch nie in seinem Leben auf Carving-Skiern gestanden, führt das Testen der neusten Skimodelle zu einem echten Aha-Erlebnis. Doch gutes Material alleine macht einen noch nicht zum Abfahrtprofi, wie die ersten unbeholfenen, pflugartigen Fahrversuche zeigen. Aber es macht Spaß, nach langer Zeit wieder auf zwei Brettern zu gleiten und fühlt sich ein wenig an wie eine Zeitreise in die Kindheit: Ebenso unkontrolliert rattert man die Piste hinab.

Von der eigenen Kondition abgesehen, sind die Bedingungen an diesem Herbsttag nahezu perfekt: Winterliche Temperaturen, anstatt der prognostizierten minus 20 Grad blinzelt sogar die Sonne hervor, beinahe 60 Zentimeter Neuschnee. Doch nicht nur Pulverschneehänge locken Wintersportler an: Im Skigebiet im Pitztal gibt es eine sieben Kilometer lange Langlaufloipe, Eishöhlen und -wände können erklommen werden.

„Das Aufwendigste ist das Einsteigen in die Steigeisen“, erklärt der Bergführer Ernst Eiter, ein Pitztaler Urgestein, als er vor dem Eisklettern die Materialien im Schnee auflegt. Er ist 49 Jahre alt und hat in seinem Leben schon allerhand ausprobiert – Bungeejumping, Tauchen und Paragleiten zählen zu seinen langweiligeren Beschäftigungen. Eiter hat mit Hilfe von Schneekanonen Wasser auf 35 Meter gespritzt und so den größten Eissturm der Welt errichtet. Er berichtet von Lawinen, von denen er verschüttet wurde, und wie er nur knapp mit seinem Leben davonkam. Wenn er von seinen „Schnapsideen“ erzählt, lacht er, doch dann wird er plötzlich nachdenklich und betont: Er würde immer nur sein eigenes Leben auf Spiel setzten, nicht aber das seiner Kunden.

Das beruhigt einigermaßen, als man unter seiner Anweisung eine zwanzig Meter hohe Eiswand hinabgelassen wird, gesichert durch ein Seil. Mit dem Rücken zum Abgrund und Blick zur strahlend weißen Wand wird man mit Eispickel in den Händen und Steigeisen an den Füßen bis zu einer kleinen Anhebung abgeseilt. Die eisige Wand wird dann auf allen vieren erklommen – und das ist weniger anstrengend, als man vermuten würde: Die Pickel sind so messerscharf, dass man sie nur leicht in das Eis klopfen muss – übertreibt man es mit der Kraft, hat man eher Schwierigkeiten, sie wieder aus dem Eis zu bekommen. Vielmehr muss man darauf achten, dass die absplitternden Eisstücke nicht ins Auge gelangen oder man versehentlich in das Seil oder den Oberschenkel hackt – alles schon geschehen, wie Eiter wenig erbaulich zuruft. Und der letzte halbe Meter erweist sich dann doch noch als Kraftprobe: An der Schneekuppe muss man sich aufstemmen, ein wenig, als wolle man sich aus offenem Gewässer in ein Boot ziehen – ohne Leiter, versteht sich.

Seit 1983 ist Ernst Eiter in den Bergen unterwegs, er hat schon unzählige Skitouren unternommen – im Oktober und November rät er von diesen allerdings ab. Fragt man ihn nach den Nachteilen der touristischen Erschließung des Gletschers, sagt er: „Jene Stadtmenschen, die das abwürgen wollen, sollen einmal hier leben.“ Er spricht damit die Notwendigkeit des Tourismus für die Region an, die einst als Armental Tirols galt. Er betont, die Gletscher könnten sich auch wieder erholen. Dass die Gletscher durch das Skifahren schneller zurückgehen, sei nicht wissenschaftlich erwiesen, sagt auch Gerhard Gstettner, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Pitztal.

„Skifahren hat höchstens geringen Einfluss auf Eisvolumen“
Die Nutzung als Skigebiet hat höchstens geringen Einfluss auf das Eisvolumen eines Gletschers, sagt auch der Geologe Fiebig. Er erklärt: „Die Gletscherschmelze hängt hauptsächlich von der Sommertemperatur ab. Bei langfristig niedrigen Temperaturen nimmt die Eismenge in Gletschern zu – das Schmelzen wird gestoppt -, bei erhöhten Temperaturen nimmt sie ab, und der Gletscher schmilzt.“

Der „Mythos vom ewigen Eis“ lockt vor allem Touristen aus Tschechien, Polen, Rumänien und Russland, berichtet Gstettner. Der Mammut-Anteil (60 Prozent) der Gäste reist aus Deutschland an, jeweils zehn Prozent aus der Schweiz und den Beneluxländern und nur fünf Prozent aus Österreich.

Doch der längere Skibetrieb am Gletscher ist teuer, und ab März bleiben die Gäste aus – die fahren dann bereits lieber an den Gardasee, heißt es. Und während Skifahren in Österreich einst in Skischulkursen von der Pieke auf gelernt wurde, lassen Schulen die Kurse immer öfter ausfallen. Sie fahren lieber auf Sommersportwoche, und auch immer weniger Familien wollen oder können sich die teuren Tagestickets (38 Euro für Erwachsene im Pitztal) leisten.

Das Pitztal hat mit Gratisskipässen für Kinder bis 10 Jahren reagiert und bietet nach wie vor Gratis-Shuttlebusse an – die Frage ist, wie lange noch. Denn auf Dauer könne sich das die Region nicht leisten, sagt Gstettner. Zwar soll die Fahrt mit dem Skibus für Inhaber von Skipässen weiterhin kostenlos bleiben, nicht aber etwa für Tourengeher ohne Skipass. Und um Synergieeffekte zu nutzen, sei auch eine Kooperation mit dem nahegelegenen Ötztal angedacht.

Der Pitztaler Gletscher wurde 1983 eröffnet, seit diesem Sommer gelangt man mit der neuen Wildspitzbahn in sechs Minuten auf 3440 Höhenmeter. Das Design der Tal- und Bergstation mutet futuristisch an und ist einem Gletscher nachempfunden. Seit 8. November ist das „Café 3.440“ – Österreichs höchstes Kaffeehaus – geöffnet: Kaffee und Apfelstrudel können vor imposanter Bergkulisse genossen werden, durch eine breite Glasfront blickt man auf die auf die Wildspitze, sie ist mit 3768 Meter Höhe der höchste Berg Tirols und der zweithöchste Berg Österreichs. Ein Jahr lang wurden die Bahn und das Café, das exponiert auf einem Felsen thront, errichtet, 20 Millionen Euro hat die Errichtung in Summe gekostet. Bauten im Permafrostbereich seien immer kompliziert, erklärt der Geologe Fiebig. Und die Instandhaltung solch exponierter Bauten im hochalpinen Bereich gestalte sich ebenfalls schwierig; selbst bei guter Bausubstanz sei die Lebensdauer oft begrenzt.

Auf hoher Qualität sollen hier frisch Gebackenes und Weine kredenzt werden – auch der Apfelstrudel wird nicht in tieferen Lagen gezogen, sondern vor Ort frisch zubereitet. Doch wie sich frisch gezapftes Bier und geschlagener Milchschaum in diesen Höhen verhalten, wird sich erst zeigen. Er habe keine Vorerfahrung mit Höhen wie diesen, sagt Restaurantleiter Bernd Matschnig.

Und während die Temperaturen außerhalb der Glasfront locker unter die Minus-20-Grad-Grenze fallen, soll der Gast von den Widrigkeiten des Wetters und des Transports der Lebensmittel nichts mitbekommen. Das Personal wird das sehr wohl zu spüren bekommen; In dem Kaffeehaus samt Terrasse und Zweitstock gibt es Sitzplätze für 116 Menschen, beim Stufensteigen kommt man auf rund 3500 Höhenmeter schnell außer Atem. Das Servicepersonal erhält für diese erschwerten Arbeitsverhältnisse eine Höhenzulage von 59 Cent pro Stunde. Für Yvonne Leitner, die seit der Eröffnung Anfang November als Kellnerin und hinter der Ausschank im Einsatz ist, war dies nicht der Grund, warum sie sich hier beworben hat. Vielmehr war es die „gewaltige Aussicht“.