Die IS-Fahne im Lehrerzimmer

Die Radikalisierung von Jugendlichen sollte so früh wie möglich erkannt werden – doch Österreich hinkt nach. Rund 150 Extremisten aus Österreich sind inzwischen nach Syrien gezogen, um für den Islamischen Staat (IS) zu kämpfen. Das ist ein verhältnismäßig hoher Anteil, 60 der jungen Männer und Frauen sind wieder zurückgekehrt. Nun steht Österreich vor der großen Frage: Was kann gegen die Radikalisierung von Jugendlichen unternommen werden?

Dieser Artikel ist am 24.10.2014 in der Wiener Zeitung erschienen.

Ob IS-Kämpfer oder Neonazi: Jugendliche sind für Radikalismus anfällig, wenn sie sich ausgegrenzt fühlen und keine Perspektiven sehen. „Das sind Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahren, die auf der Sinnsuche sind und Bezugspunkte suchen“, erklärt der Soziologe Kenan Güngör. Er sieht Radikalisierung als „Prozess, der in verschiedenen Phasen verläuft“ und in der Regel damit beginnt, dass junge Menschen mit radikalislamischen Parolen sympathisieren.

„Ich will in den Krieg ziehen“
Wichtig sei es, Jugendliche spätestens in dieser ersten Phase zu erreichen, indem sie von Menschen angesprochen werden, denen sie vertrauen: also von Familienmitgliedern, Lehrern oder Freunden. Denn je weiter der Radikalisierungsprozess fortgeschritten ist, desto festgefahrener ist das Weltbild und umso schwieriger wird es für die jungen Menschen, sich wieder von dem Feindbild-Denken zu befreien.

Vor etwa einem Monat wurden Lehrer vom Unterrichtsministerium angewiesen, Verdachtsfälle der Schulaufsicht zu melden und mit den Eltern Kontakt aufzunehmen, wenn das Verhalten des Kindes auffällig sei. Das stellt die Lehrer vor eine große Herausforderung. In so manchem Lehrerzimmer hängt inzwischen die IS-Fahne, um sie zu erkennen, falls sie bei den Schülern auftaucht. „Vor kurzem hat eine Schülerin gesagt, sie will in den Krieg ziehen“, berichtet eine Lehrerin einer Neuen Mittelschule in Wien. Zwar glaubt die Lehrerin nicht, dass das eine ernst gemeinte Aussage war, und sie sieht auch sonst keine Warnsignale bei der Schülerin. Trotzdem hat sie den Fall der Direktorin gemeldet.

Der Islamlehrer klärt auf
„Vor drei Wochen hätte ich das wahrscheinlich noch nicht gemacht“, sagt die Lehrerin, die selbst Islamwissenschaften studiert hat. Sie sagt, es sei für viele Lehrer nicht leicht zu entscheiden, was sie melden sollen uns was nicht: „Man will ja auch nicht, dass gleich der Verfassungsschutz anrückt.“ In ihrem Fall wird der Islamlehrer eine Aufklärungsstunde zur Lage in Syrien abhalten.Doch nicht alle Schulen sind so gut aufgestellt wie diese. „Die Lehrer haben null multikulturelle Ausbildung“, kritisiert Saime Öztürk, Vorsitzende der Muslimischen Jugend. Sind Jugendliche erst einmal radikalisiert, ist es oft zu spät. „Wir haben keinen Zugang zu radikalen Jugendlichen. Die klopfen nicht bei uns an, bevor sie nach Syrien gehen, um zu fragen, ob wir einen Plan B haben“, sagt Öztürk. Wichtig sei deshalb Prävention. Das betont Johanna Tradinik, Vorsitzende der Bundes Jugend Vertretung (BJV), und kritisiert, dass die Förderung der Jugendorganisationen seit zehn Jahren nicht inflationsangepasst wurde.

Doch wie soll mit aufgefangenen IS-Ausreisenden oder Rückkehrern umgegangen werden? Oft ist ihnen nicht viel nachzuweisen und sie werden in Österreich „mit einer noch größeren Wut“ in die Freiheit entlassen, so Güngör. „Oft haben sie keine Ahnung, auf was sie sich da einlassen und kehren dann schockiert zurück“, sagt Öztürk. Hier wäre es wichtig, mit ihnen das Gespräch zu suchen und ihnen aufzuzeigen, dass sie benutzt werden.

Doch die aktuelle islamfeindliche Stimmung würde die Situation noch verschärfen, kritisierten Tradinik und Öztürk bei einem von der BJV organisierten Hintergrundgespräch. Sie berichten von vermehrten tätlichen Übergriffen und Beschimpfungen gegen Muslime, wobei viele der Übergriffe gar nicht gemeldet würden.

„Die Mitte ist islamophob“
Es sei heute kein Gegensatz mehr, antirassistisch und islamophob zu sein, sagt der Politikwissenschafter Farid Hafez: „Islamophobie ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Islamfeindlichkeit ist zwar kein neues Phänomen, doch einzelne Vorfälle würden nun benutzt, um die Stimmung weiter anzuheizen, kritisiert Tradinik.

Ihr Appell, die Stimmung nicht weiter aufzuheizen, richtet sich an die FPÖ, angesichts bevorstehender Wahlen ließen sich aber auch andere Parteien „mitreißen“. Wichtig wäre eine „Willkommenskultur, damit sich junge Menschen dort, wo sie leben, aufgehoben fühlen“, so Tradinik. Die BJV-Vorsitzende fordert, das Wahlrecht solle sich nach dem Hauptaufenthalt anstatt der Staatsbürgerschaft richten und wünscht sich die Einführung der Doppelstaatsbürgerschaft, die ja derzeit kaum möglich ist. Weiters verlangt sie eine Überarbeitung der Schulbücher, denn derzeit seien dort „vor allem blonde Kinder“ abgebildet.

Auch Öztürk ist der Meinung, Kinder und Jugendliche mit nicht-österreichischem Hintergrund müssten stärker einbezogen und angesprochen werden. So dürften etwa Geschichtsbücher nicht mehr vom österreichischen Antisemitismus ausgehen, sondern sollten diesen weiter fassen. Die angekündigte Deradikalisierungs-Hotline ist jedenfalls zu wenig, sind sich die Experten einig. Aus Deutschland ziehen anteilsmäßig weniger IS-Kämpfer nach Syrien als aus Österreich.

Deutschland ist schon weiter
Dort ist man auch schon zwei bis drei Jahre weiter als in Österreich, wo Deradikalisierungs-Strukturen erst entstehen müssen. Güngör fordert Teams aus Psychologen und Islamexperten an jeder Schule, Berater aus der Community und einen Leitfaden für Lehrer. Denn zwischen Religiosität und Radikalisierung zu unterscheiden, ist nicht einfach. So berichten Lehrer, dass sich Schüler weigern, bei Ausflügen katholische Kirchen zu besuchen – doch nicht jeder von ihnen ist ein radikaler Islamist, manche würden nur lieber eine Moschee von innen sehen.