Die Moral der G’schicht. . .

Ausgewogenes Verhältnis zwischen Ethik und Religion an Gymnasium in Wien-Liesing
Ein Schiff kentert, die Passagiere flüchten in ein Rettungsboot. Dieses ist zu schwer und droht zu sinken. Dürfen Menschen geopfert werden, um das Überleben von vielen zu sichern? Fragen wie diese werden im Ethikunterricht diskutiert. Derzeit gibt es ihn als Schulversuch an rund 200 Standorten. Direktoren können im Rahmen der Schulautonomie entscheiden, ob sie das Fach anbieten.

Dieser Artikel ist am 11.2.2014 in der Wiener Zeitung erschienen.

Reflexion statt Freistunde
In Österreich sind knapp acht Prozent der Schüler vom katholischen Religionsunterricht abgemeldet, so Christine Mann, Amtsleiterin Unterricht und Erziehung der Erzdiözese Wien. Je höher der Jahrgang, desto mehr Abmeldungen: Ist Freizeit die Alternative zum Religionsunterricht, melden sich in der Oberstufe 90 Prozent der Schüler davon ab, schätzt Dieter Braunstein, Direktor des Gymnasiums Anton Baumgartnerstraße („GRG 23“). An seiner Schule ist das anders. Das Verhältnis Religion zu Ethik ist 40 zu 60 und im Schwanken begriffen; einmal entscheiden sich 40 Prozent eines Jahrgangs für Ethik, dann wieder sind jene, die Religion wählen, in der Minderheit. „Die Ethik als Konkurrenz hat der Religion gutgetan“, sagt Braunstein. Die Schule in Wien-Liesing war vor 17 Jahren der erste Standort, der Ethik als Schulversuch eingeführt hat, und das Feedback von Schülern und Eltern sei „durchwegs positiv“, sagt Braunstein. Meldet sich im GRG 23 ein Schüler vom Religionsunterricht ab, hat er Ethik: Anstatt einer Freistunde oder einer Stunde Schlaf zusätzlich, wie an anderen Schulen üblich, diskutiert er über Sterbehilfe, Abtreibung oder Geburtenkontrolle. „Es ist diffamierend zu behaupten, Jugendliche haben lieber frei. Das stimmt nicht – wenn man ihnen eine sinnvolle Alternative bietet.“

Diese Alternative – Ethikunterricht für jene, die sich von Religionsunterricht abmelden – wird derzeit von der ÖVP favorisiert. Die SPÖ fordert verpflichtenden, zusätzlichen Ethikunterricht für alle Schüler. Seit 2007 ist das „Schulfach Ethik“ wieder politisches Reizthema, ausgelöst durch den Plan des oberösterreichischen Landeshauptmanns Josef Pühringer (ÖVP), den Schulversuch auf alle höheren Schulen des Bundeslandes auszuweiten. Die großen Religionsgemeinschaften und die ÖVP pochten von Anfang an darauf, dass es sich bloß um einen „Ersatz-Unterricht“ handeln könne, konfessioneller Religionsunterricht aber weiter die Norm sein müsse. „Ethik ist kein ,Ersatzfach‘“, sagt Braunstein und fragt: „Kann es, auch aus Sicht von Theologen, einen ,Ersatz‘ für Religion geben?“ Ethik steht an seiner Schule nicht nur für die Oberstufe, sondern auch für die 10- bis 12-Jährigen auf dem Stundenplan, einige Jahre gab es ihn auch für die 12- bis 14-Jährigen – doch das war auf Dauer nicht finanzierbar. Schon jetzt stellt der Ethikunterricht das Gymnasium vor große finanzielle Herausforderungen, bei den unverbindlichen Übungen muss gekürzt werden. Unter den 12 Lehrern, die an seiner Schule Ethik unterrichten, ist auch eine Religionslehrerin. Auch das birgt politische Brisanz. „Dass Ethik von Religionslehrern unterrichtet wird, ist Schwachsinn“, sagt dazu Peter Kampits, ehemaliger Dekan der Wiener Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft. Um Ethik unterrichten zu dürfen, müssen Pädagogen derzeit einen dreijährigen Lehrgang absolvieren, den Uni Wien, Uni Graz oder die Pädagogische Hochschule anbieten.

Die Ethik fragt: „Warum?“
Werden ethische Fragen nicht auch im Religionsunterricht behandelt? „Die Moral fragt nach der Sittlichkeit und einem guten Auskommen miteinander. Die philosophische Ethik fragt: ,Warum?’, wie die religiöse Ethik auch, aber begründet nicht mit dem Willen Gottes und den Zehn Geboten“, erklärt Kampits. Er fordert Ethik als Regelunterricht ab der 5. Schulstufe: Es sei wichtig, Kindern und Jugendlichen zu selbständiger Reflexion zu ermutigen „um nicht politischen Rattenfängern auf den Leim zu gehen“. Das Wesen der menschlichen Freiheit besteht laut dem Philosophen darin, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden – „Möglichkeiten, die andere Lebewesen nicht haben“. Eltern und Lehrer müssten Normen und Maßstäbe vermitteln, und zwar „jenseits von Dogmatik und Laissez-faire.“ Wer also soll gerettet werden? Wieso sollte man den Satz „Frauen und Kinder zuerst“ beherzigen? Eine Antwortmöglichkeit: weil Kinder das schwächste Glied der Gesellschaft sind und Frauen weiteres Leben auf die Welt bringen können.