Die weiblichen Science Busters

Miriam Morgenbesser (l.) und Valeria Plohovich studieren Technische Physik an der TU Wien. (c) Stanislav Jenis

Miriam Morgenbesser (l.) und Valeria Plohovich studieren Technische Physik an der TU Wien. (c) Stanislav Jenis

Drei Prozent mehr Studentinnen an der TU Wien in sechs Jahren: bescheidene Erfolge in den Mint-Fächern
Eine blonde, im Denken eher langsame junge Frau wohnt Tür an Tür mit Wissenschafts-Freaks, die aus ihren hohen Intelligenzquotienten keinen Hehl machen. Um klischeehafte Rollenzuschreibungen wie in der US-Serie „Big Bang Theory“ zu sehen, muss man nicht ins amerikanische Fernsehen wechseln. In der ORF-Sendung „Science Busters“ fachsimpeln die beiden Physiker Heinz Oberhummer und Martin Gruber in Kabarett-Manier über Moleküle und Atome. Vielleicht können sie die nicht belegbaren biologischen Unterschiede in den technischen Fertigkeiten von Frauen und Männern erklären, denn der Glaube an diese ist – nicht zuletzt in Naturwissenschaften und Technik – nach wie vor verbreitet. Gerne wird auf das unterschiedliche Abschneiden bei Tests verwiesen, bei denen logisches Denken abgefragt wird.

Dieser Artikel ist am 15.10.2013 in der Wiener Zeitung erschienen und im Original hier nachzulesen.


Schlechte Testergebnisse als selbst erfüllende Prophezeiung
Dass diese Erwartungshaltungen widerspiegelt werden, zeigt eine Studie, die 1999 an der Universität Michigan durchgeführt wurde: Einer Gruppe Studierender beiderlei Geschlechts wurde gesagt, man wolle testen, ob Männer besser in Mathematik abschneiden. Der zweiten Gruppe wurde mitgeteilt, diese Differenzen gebe es entgegen bisherigen Behauptungen nicht. In der ersten Gruppe schnitten die Männer wesentlich besser ab, in der zweiten Gruppe gab es kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern – eine selbst erfüllende Prophezeiung.

„Es ist beachtlich, dass sich Mädchen überhaupt, entgegen gesellschaftliche Erwartungen, für ein technisches oder naturwissenschaftliches Studium entscheiden“, so Sabine Köszegi, Professorin für Arbeitswissenschaft und Organisation an der Technischen Universität (TU) Wien, schließlich werde ihnen stets vermittelt: „Du kannst das nicht.“ Dabei sei einzig das tendenziell höhere Aggressionspotenzial bei Männern und der höhere Selbstverzicht bei Frauen nachweisbar, und gemischtgeschlechtliche Forschungsteams ideal. Auch der Forschungsrat und die EU-Kommission legen Österreich nahe, den Fokus auf Frauen in den Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu stärken. Das empfiehlt sich nicht nur aufgrund des Fachkräftemangels, sagt Brigitte Ratzer, zuständig für Frauenförderung an der TU Wien. Sie ist der Ansicht, mit mehr Frauen in der Technik würde diese brauchbare und nützliche Innovationen hervorbringen.

Frauen mit kreativen Technikstudien locken
Die Änderungen passieren langsam: Vor sechs Jahren waren an der TU Wien 24 Prozent der Studierenden weiblich, heute sind es 27 Prozent. Sommerworkshops für 10- bis 17-Jährige, Kinderuni und „Sparkling Science“ – eine Forschungskooperation mit Schulen – sollen Mädchen für Technik begeistern. Diese Maßnahmen erreichen nur jene, die sich ohnehin schon für Technik interessieren, so Ratzer. Der Glaube, damit Geschlechterverhältnisse zu verändern, sei eine Illusion. Für Ilse Bartosch, Fachdidaktikerin an der Fakultät für Physik an der Uni Wien, ist es für 12-Jährige „viel zu früh“, um sich an der Schule für den naturwissenschaftlichen Zweig zu entscheiden. Besser wäre, sie müssten sich erst mit 16 Jahren festlegen, „wie im Rest der Welt“. Und nicht überall sind Mint-Fächer männerdominiert wie in den deutschsprachigen Ländern. In Portugal stellen Frauen in diesen Fächern fast die Hälfte der Studierenden, in postsowjetischen Ländern ist es ähnlich. Zwischen 35 und 40 Prozent der Mint-Studentinnen haben keine österreichische Staatsbürgerschaft, ohne sie wäre es um den Frauenanteil hierzulande noch schlechter bestellt. „Das zeigt, wie viel das Bildungssystem ausmacht“, sagt Köszegi.

Dass sich Kreativität auszahlt, macht das renommierte MIT, die Technische Hochschule im US-Bundesstaat Massachusetts, vor: Durch den Beisatz „Umwelt und Nachhaltigkeit“ konnte der Frauenanteil im Ingenieurwesen gesteigert werden. Doch an der TU Wien vertritt die ältere Professorenschaft das Mantra „das hieß immer schon so“, mit Bauingenieurwesen will sie sich von Fachhochschulen abgrenzen, die ähnliche Fächer anbieten. Auch in vielen Studienfächern an der Uni für Bodenkultur (Boku) kommt man nicht um Chemie und Mathematik herum, dennoch studieren hier im Verhältnis viel mehr Frauen als an der TU Wien. Grund dafür dürfte sein, dass die Studien weiter gefasst sind und die überschaubare Größe der Uni erleichtert es, sich in Lerngruppen gegenseitig zu unterstützen.

Am TGM, einer HTL in Wien-Brigittenau, ist das Frauenkolleg für Wirtschaftsingenieurwesen angesiedelt und erfreut sich regen Zulaufs. Das Studium beinhaltet auch Maschinenbau, ein Fach, das an der TU Wien gerade einmal zehn Prozent Frauen studieren. Auch die HTL Ottakring konnte kleine Erfolge verbuchen, indem die Vertiefungsrichtung „Medientechnik“ dazu genommen wurde – auf 420 Schüler im Bereich Informationstechnologie kommen aber nach wie vor nur rund 25 bis 30 Schülerinnen.

„Ein Bub darf lange Haare haben und eine rosa Jogginghose“
„Man muss in Volksschulen und Kindergärten ansetzen“, sagt Thomas Angerer, Vorstand für Informationstechnologie an der HTL Ottakring, „es muss möglich sein, dass ein Bub lange Haare hat und eine rosa Jogginghose. Die Eltern müssen diese Haltung aber auch leben.“ Doch heute sind Lego-Steine für Mädchen lila und Technik wird mit Bohrmaschinen illustriert. „An einem Physikinstitut, an dem seit Jahrzehnten nur Männer sind, entsteht eine sehr eigentümliche Atmosphäre, als Frau braucht man da eine ziemlich dicke Haut“, sagt Physikditaktikerin Bartosch. Vielleicht ist so die im Vergleich zu ihren Studienkollegen höhere Drop-out-Quote von Frauen an der TU zu erklären. „Es macht keinen Unterschied, ob ich ein Mädchen oder einen Buben an eine Maschine setze“, hält Angerer Vorurteilen entgegen, doch manchmal fällt ihm auf, dass Frauen „andere, kreativere Zugänge“ haben.

„Ich will Zusammenhänge erkennen und verstehen, zum Beispiel wie Flugzeuge funktionieren“, sagt Valeria Plohovich, Studentin der Technischen Physik. Sie ist ihrem Bruder in ein technisches Studium gefolgt. Gute Jobaussichten gepaart mit Vorbildern motivieren Frauen, sich für ein Mint-Fach zu inskribieren. Doch die Role Models sind rar gesät, und wenn es sie gibt, wird ihnen Ruhm – wie etwa in der Informatik – oft vorenthalten.
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„Ich dachte immer, ich bin zu dumm für Mathe“
Aleks Pantic hat die Liebe zur Naturwissenschaft spät entdeckt: „Mich hat früher alles abgeschreckt, was mit Mathe und Chemie zu tun hat“, sagt die 34-Jährige, die seit 2012 an der Boku Molekular- und Lebensmitteltechnologie studiert. „Ich dachte immer ich bin zu dumm, das geht in mein Hirn nicht rein“, sagt Pantic. Heute weiß sie: Es geht.

Auf die Idee, Lebensmitteltechnologie zu studieren, brachte sie Erich Roth, emeritierter Professor für Biochemie und Mikrobiologie an der Medizinischen Universität Wien. Als sie ihm von ihrer Idee erzählte, nach ihrem Studium der Sozialwissenschaften Ernährungswissenschaften zu studieren sagte er: „Jetzt mach’ einmal was G’scheites, dann bist du Spezialistin, eine Fachkraft.“

„Erfolg ist die beste Rache“
Frauen brauchen mehr positive Bestärkung und Männer mehr negative Bestärkung: Diesen Schluss zieht auch Joel Lovell. Die Journalistin der „New York Times“ hatte in den 1970er Jahren in Yale Physik studiert. Nachdem der ehemalige Harvard-Direktor Larry Summers 2005 sagte, „genetische Unterschiede (zwischen weiblichen und männlichen Naturwissenschaftern, Anm.) können nicht ausgeschlossen werden“, kehrte Lovell an ihre alte Fakultät zurück und befand: Die Situation für Studentinnen hat sich in den vergangenen 40 Jahren nicht verbessert, vielmehr habe sich der Druck, konventionell-weiblichen Klischees zu entsprechen, erhöht. Wie widersetzt man sich? „Wir pfeifen uns nichts“, so eine Doktorandin, die Lovell in Yale traf, und: „Erfolg ist die beste Rache.“