Diplomatenkinder im Elite-Ghetto

Erschienen am 23.11. in der „Wiener Zeitung“

Reportage: Deutsche Schule im Brüssler Vorort Wezembeek-Oppem

Bettina Figl aus Brüssel

Brüssel. Hackfleischröllchen zu Mittag, nachmittags trifft man einander beim Schinderhannes auf ein Käffchen – eigentlich eine ganz normale deutsche Schule. Doch die Deutsche Schule Brüssel (DSB) liegt nicht in Deutschland, sondern in Wezembeek-Oppem, einem Vorort Brüssels. Die Gegend wird auch als „deutsches Ghetto“ bezeichnet. „Wir sind keine Vereinsmeier“, sagt der Verwaltungsleiter Thomas Grosse und fügt hinzu: „Es gibt auch solche, die in drei Jahren keinen einzigen Belgier kennenlernen.“

Die Mathematik- und Physiklehrerin Sibyl Lingner ist eine von sechs Österreicherinnen, die hier unterrichten. Lingner wurde vom Unterrichtsministerium entsandt, die restlichen Lehrerinnen sind lokal angestellt – wie Katharina Wernig: Sie wurde aufgrund ihrer weicheren, österreichischen Sprache von den Schülern anfangs nicht ernst genommen, erzählt sie. Auch Lingner berichtet von sprachlichen Unterschieden, die zu Missverständnissen führen: Auf die Anweisung „Greif das nicht an!“ folgt die Gegenfrage „Welcher Angriff, ich attackiere doch nichts“; auf „Stell’ die Sessel rauf“ heißt es: „Welche Sessel, das sind doch Stühle.“ Diese Sprüche könnten von ihnen stammen: Einige Zehntklässler (sechste Klasse in Österreich, Anm.) lungern vor dem Schulbuffet herum. Sie fühlen sich in der deutschen Community wohl, und doch geht ihnen etwas ab. „Deutschland ist schon schöner“, sagt etwa Tim Unger. Er ist im mehr als eine Stunde entfernten Antwerpen zu Hause – obwohl dieser Begriff hier mitunter neu definiert werden muss.

Wie lange Schüler bleiben, hängt von den Arbeitsverträgen der Eltern ab. Meist sind es die Väter, die fünf bis sechs Jahre bei der Nato oder zwei bis drei in der EU-Kommission in Brüssel arbeiten. Den mitgewanderten Ehefrauen bleibt oft nur das Hausfrauendasein. Vor der Schule warten daher nicht nur Waffelverkäufer, sondern auch Mütter in Familienvans.

„Man verpasst seine Jugend“

Nick Löwe ist seit sechs Jahren in Brüssel und sagt: „Hier verpasst man seine Jugend.“ Ihm fehlen das „große Berlin“ und seine Freunde. Sein Vater arbeitet für die Regierung, zuvor war die Familie ein Jahr in Barcelona. Nick erzählt von Sprachbarrieren, die es in Brüssel zuhauf gibt: Wallonen, die französischsprachigen Bewohner der belgischen Region Wallonie, würden nur französisch sprechen, auch Flämisch spricht Nick nicht. Seine Kollegin Anne Florentine Van den Beukel besuchte früher eine flämische Schule. Die an der DSB üblichen regelmäßigen Tests liegen ihr jedoch eher als die in Belgien durchgeführten Prüfungswochen am Ende des Semesters.

Auch Maximilian Schlich fühlt sich an der DSB wohl, obwohl er erst seit acht Wochen hier ist. Mit Einheimischen habe er noch kaum Kontakt gehabt, wie auch: In seiner Straße wohne kein einziger Belgier. Die DSB ist eine Privatschule auf Vereinsbasis mit wirtschaftlichem Schwerpunkt, man kann mit Realschul-, Gymnasium-oder Fachabitur abschließen. Je nach Schultyp beträgt das Schulgeld zwischen 7000 und 10.000 Euro pro Jahr, oft bezahlen es die Arbeitgeber. Für etwa sieben Prozent der Schüler gibt es Stipendien.

Wohlbehütete Langeweile

Kindergarten und Grundschule befinden sich auf der einen, Oberschule auf der anderen Straßenseite einer ruhigen Wohnstraße. Verbunden sind sie durch Zebrastreifen und Fußgängerampel. Im Kindergarten baumeln Rosskastanien von der Decke, die Dreijährigen spielen mit Legosteinen und brabbeln vor sich hin. Dass der Großteil der DSB-Schüler aus wohlbehüteten Verhältnissen kommt, zeigt sich schon bei den Kleinsten. „Reiten, Schwimmen, Kunst“ sind laut Bettina Egger ihre Freizeitbeschäftigungen, zudem gebe es kaum Alleinerzieherinnen. Das gefällt nicht allen hier: „Das Problem ist, dass hier nie etwas passiert“, meint der 15-jährige Tim Unger.

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