Es fehlt der Kindergarten-Coup

Veronika im Kindergarten Gatterhölzl in Wien

Kein Kollektivvertrag, Bezahlung unter Mindestlohn, keine universitäre Ausbildung und Kompetenzdschungel – und die Länder stellen sich bei bundesweiter Reform der Elementarpädagogik quer.

Wien. Wie es um die Anerkennung eines Berufes bestellt ist, ist schnell ermittelt. Gibt man etwa an, Journalist zu sein, zeigt sich das Gegenüber meist interessiert, fragt nach. Kindergartenpädagogen werden hingegen oft mit einem „Mei, lieb“ belächelt. Fehlende Wertschätzung plus teils miserable Arbeitsbedingungen ergeben fehlende Pädagogen – in Wien etwa 200, also springen oft Assistentinnen ohne Ausbildung ein.

Dieser Artikel ist am 25.05.2012 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

Kein Kollektivvertrag, hohe Arbeitsbelastung, keine Lobby: Um auf die Missstände hinzuweisen, formierte sich 2009 das Kollektiv Kindergartenaufstand. Auch wenn es um dieses stiller geworden ist: Vernetzt sei man weiterhin, erklärt Barbara Tinhofer der „Wiener Zeitung“. Bis heute gibt es keinen Kollektivvertrag, denn keine Gewerkschaft fühlt sich zuständig, und „lange wurde darauf gesetzt, dass Frauen sowieso nicht verhandeln“. Teilweise wird nicht einmal Mindestlohn bezahlt – was einige Male bereits erfolgreich eingeklagt wurde.

„Die ersten sechs Jahre sind wichtigsten des Lebens“

Anders als beim Lehrermangel gibt es zwar Pädagogen, doch nur 30 Prozent gehen nach der fünfjährigen Ausbildung in einer Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik (Bakip) in den Beruf. Helga Haupt, Leiterin eines Betriebskindergartens in Wien-Leopoldstadt, setzt die Quote noch tiefer an und sagt diese liege bei 10 Prozent. Hingegen arbeiten 95 Prozent der Absolventen der dreijährigen Kollegs anschließend in Kindergärten.

Wenn derzeit das Lehrerdienstrecht diskutiert wird, werden Kindergartenpädagogen ausgeklammert, kritisiert Haupt: „Wenn ich das höre, kriege ich die Krise. Dabei sind die ersten sechs Jahre die wichtigsten des Lebens.“ Österreich ist das einzige EU-Land außer Malta, das seine Kindergartenpädagogen nicht auf universitärer Ebene ausbildet – und auch Malta will sie bis 2015 auf tertiärer Ebene ansiedeln. Ein Ziel, das auch Österreich verfolgt – und doch in weiter Ferne erscheint. Denn ob Kindergartenpädagogen wie diskutiert an Universitäten oder Pädagogischen Hochschulen ausgebildet werden sollen; dafür gibt es kein Personal, deshalb wird wohl weiterhin mit den Bakip Vorlieb genommen werden.

Die Länder sind gegen eine akademische Ausbildung

Wenig betrübt ist man darüber bei den Ländern, denn die mit der Aufwertung der Ausbildung verbundenen höheren Personalkosten hätten sie zu tragen. Hinzu kommt die Ansicht, für die Kleinkindbetreuung brauche es kein Studium. „Das ist die in Österreich weitverbreitete Angst vor Verwissenschaftlichung“, sagt Heidemarie Lex-Nalis von der Plattform „educare“, einem Verein zur Förderung der Elementarpädagogik.

Die Länder argumentieren, Universitäten könnten nicht den notwendigen Praxisbezug bieten: „Bildung ist einer steten Weiterentwicklung ausgesetzt, der eine akademische Ausbildung nicht Rechnung tragen würde“, heißt es etwa in der schriftlichen Antwort Niederösterreichs. Und Tirol verweist darauf, dass Kinderbetreuung „verfassungsrechtlich ausschließlich Ländersache“ sei. Es spreche aber nichts gegen bundesweite Empfehlungen, soweit diese nicht zu einer Verwässerung der Standards führt. Wien ist prinzipiell für die Akademisierung, der Wechsel von der Kindergartenpädagogin zur Lehrerin und umgekehrt sollte erleichtert werden. Öffnungszeiten, Gruppengrößen, Bezahlung: Jedes Bundesland hat andere Bestimmungen, entsprechend variiert auch die Qualität. Die Steiermark gilt mit zehn Vorbereitungsstunden als vorbildlich, in Kärnten wurden diese kürzlich von fünf auf zweieinhalb gekürzt – ein Schlag ins Gesicht für ohnehin bereits überlastete Pädagogen.

Einschnitten wie diesen würde Einhalt geboten, wäre der Bund zuständig, so Raphaela Keller, Vorsitzende des Österreichischen Dachverbands der Kindergartenpädagoginnen. Zusätzlich fordert sie „dringend“ eine Ausbildung für Assistentinnen sowie kleinere Gruppen. Auch diese variiert österreichweit, der internationale Standard von zwei PädagogInnen für 15 Kinder wird kaum erfüllt.

Die Kindergärten werden zwischen fünf Ministerien hin- und hergeschoben, erklärt Lex-Nalis. Auch sie setzt sich dafür ein, dass die Kindergärten dem Bund unterstellt werden. Davon ist man meilenweit entfernt, aber immerhin erarbeitet Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner gemeinsam mit den Ländern bundesweite Qualitätsstandards. Und auch die von Lex-Nalis angeregte nationale Koordinierungsstelle könne sich der Minister vorstellen.

Im März sprachen sich Politiker und Experten beim parlamentarischen Sonderausschuss zum Bildungsvolksbegehren für die Kompetenzverschiebung zum Bund aus. „Alles nur Lippenbekenntnisse“, kritisiert Keller. Sie war als Expertin geladen und erzählt: „Es war toll, alle waren derselben Meinung, und nichts wurde umgesetzt.“