„Ich lebe mit dem Pass in der Tasche“

Erschienen in der „Wiener Zeitung“ am 10.06.2011

Von Bettina Figl aus Thessaloniki

(c) Bettina Figl

Es wird demonstriert, parallel findet eine Buchmesse statt. Als die Demo beim Stand der EU vorbei zieht, wird nicht lange gefackelt: Die Protestierenden krallen sich EU-Prospekte, schmeißen sie in die  Menschenmenge und zertreten einen Plasma-Fernseher. Die Standbetreuer sind kurz zuvor geflüchtet. Ein Protestierender ist kurz davor, die EU-Fahne anzuzünden, plötzlich verstummen Trommeln und Jubel, er macht einen Rückzieher. Seit Tagen wird in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands, protestiert. Dutzende zelten rund um den Weißen Turm, dem am Meer gelegene Wahrzeichen der Stadt. Doch nicht alle treibt der Zorn auf die Straße.

„Die Leute hätten vor 30 Jahren demonstrieren sollen“, sagt der 37-jährige Ilias Tsagkas. Er arbeitet als Maschinenbauingenieur und fotografiert auf Hochzeiten. Seine Eltern seien „am Boden zerstört“, weil ihre Pensionen um 30 Prozent gekürzt wurden und sie jetzt die Schulden für ihr Haus nicht mehr zurückzahlen können. Für Tsagkas sind die Anliegen der Demonstranten zu diffus: Die Politiker sollen mit dem Helikopter davon fliegen oder sich vom Weißen Turm stürzen, heißt es etwa auf Plakaten und T-Shirts.

Interview mit Thessalonikis Bürgermeitser Boutaris

„Ganze Generation hat Angst vor der Zukunft“

Die 21-jährige Caterina Lemousia (links) glaubt, dass sie niemals von ihren Eltern unabhängig sein wird. Ihre Professorin Diana Giannakopoukou (mitte) glaubt nicht daran, dass ihre Studenten einen Job finden werden.

Auch Caterina Lemousia hat ein anderes Ausdrucksmittel gewählt: Sie
schreibt für die Zeitung „Agelioforos“ – freilich ohne Bezahlung. „Ich habe große Angst vor der Zukunft, meine ganze Generation hat Angst“, sagt sie. Die 21-Jährige wohnt noch bei ihren Eltern und sagt, dass sie „niemals von ihnen unabhängig“ sein werde. Und zu ihren Plänen nach dem Studium: „Ich sehe es realistisch: Ich werde ein bisschen privat unterrichten, mehr nicht.“

Ihre Professorin Diana Giannakopoukou lehrt Literaturwissenschaft. Sie sagt lapidar, sie habe durch die Krise „ein paar tausend Euro“ verloren. Was sie wirklich stört: „Ich kann keine Hoffnung geben, weil nur wenige meiner Studenten Arbeit finden werden.“ Zumindest keine, die ihrer Qualifikation gerecht wird.

So erging es Maria Makph: 2006 hat sie ihr Mathematikstudium beendet. Heute verkauft sie selbstgenähte Geldbörsen auf dem Markt am Hafen. Es ist einer von vier Jobs: Sie ist auch Aushilfslehrerin, gibt privat Nachhilfe und arbeitet im Sommer am Campingplatz. So kommt sie über die Runden, irgendwie.

Nikos Sidiropoulos, 24, ist mit dem Informatikstudium fast fertig, doch niemand aus seinem Jahrgang hat „richtige Arbeit“.

Kein Wunder, dass viele ans Auswandern denken. Ilias bewirbt sich seit einem Jahr in Deutschland. Er kann sich auch vorstellen, in der Schweiz oder den Niederlande zu leben – Hauptsache ein Land, in dem „die Dinge in Kontrolle sind“. Ihn stören die Korruption und Steuerhinterziehung in Griechenland, und das Chaos.

Auch Nikos Sidiropoulos will weg. Er ist 24 und mit dem Informatikstudium fast fertig, hat aber keine Lust, danach nur 500 oder 600 Euro zu verdienen. Sein Ziel ist London, dort will er weiterstudieren und einen Job suchen. Niemand aus seinem Jahrgang habe „richtige Arbeit“. Seine Konsequenz: „Ich lebe mit dem Pass in der Hosentasche, jederzeit bereit das Land zu verlassen.“