„Layouter des Todes“

Das Selfie ist mehr als nur narzisstisch motiviert, sagt Medientheoretiker Rámon Reichert. Im Interview beschreibt er, wie sich IS-Kämpfer trotz Bilderverbots dieses neue Medium zunutze machen. Seine Lehrveranstaltung „Selfies. Eine Kultur- und Mediengeschichte der Selbstdarstellung“ findet im Wintersemester 2014 an der Uni Wien statt.

Das Interview ist am 12.11.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

US-Schauspielerin Kirsten Dunst posiert mit zwei jungen Frauen für ein Selfie. Als Dunst fragt, ob die vermeintlichen Fans auch etwas von ihr wissen, ihr eine Frage stellen wollen, sagen diese nur: „Kannst du mich taggen?“ Die Kernaussage des Kurzfilmes: Das Selfie stehe sinnbildlich für eine Generation selbstverliebter, egozentrischer Menschen. Inwiefern dieses in den Medien oft kolportierte Bild der Realität entspricht, wird in „Selfies. Eine Kultur- und Mediengeschichte der Selbstdarstellung“, einer aktuellen Lehrveranstaltung der Uni Wien, behandelt. Der Schreyvogelsaal in der Wiener Hofburg ist bis auf den letzten Platz gefüllt, in dem Seminar am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft wird eifrig diskutiert.

Reicht das Thema Selfies aus, um eine ganze Vorlesungsreihe dazu zu gestalten?

Rámon Reichert: Wenn man nur in der Gegenwart bleiben würde, würde es sich schnell erschöpfen, doch Selbstporträts gehen auf eine Tradition zurück, die sich bis in die Antike zurückverfolgen lässt, wenn wir an die Mumienporträts aus römischer Zeit denken. In der Blütezeit der italienischen Renaissance wurde dem Porträt die Bedeutung eines Charakterbildes gegeben. Diese Bildkultur war eng geknüpft an den Aufstieg des Individuums. Auch städtische Adelsfamilien und Herrschaftshäuser waren Auftraggeber, nicht mehr nur die Kirche.
„Die Selbststilisierung der IS ist nach Westen ausgerichtet und unterläuft die Propaganda, die in den westlichen Medien den Feind erkennt“, sagt Rámon Reichert.

Ist das Hauptmotiv für das Selbstporträt – damals wie heute – also nicht vorrangig der Narzissmus?

Nein, das Selbstporträt diente zur Standesrepräsentation und überlieferte bilddokumentarische Formen der charakterlichen Evidenz der dargestellten Personen. Die mediale Berichterstattung der Gegenwart hingegen assoziiert mit dem Selfie vorrangig „Narzissmus“ und versucht damit das jugendkulturelle Bildhandeln abschätzig zu verurteilen. Es heißt dann, das Selfie stehe stellvertretend für eine selbstverliebte Generation, die vor allem über Selbstbilder kommuniziert.

Trotz Bilderverbots schießen IS-Kämpfer Selfies und haben sich westliche Technologien angeeignet. Wie passt das zusammen?

Im IS ist der Gebrauch von Kamera, Radio und Fernsehen verboten, auch in privaten Räumen ist das Hören traditioneller Musik nicht erlaubt. Die soziale Vernetzung ist stark zensuriert, dennoch haben IS-Terroristen mit genau diesem Gestus die größte PR-Offensive gestartet. Die Repräsentanten des IS sind die am professionellsten auftretende PR-Agentur des Schreckens und verstehen es, ihre Selbstbilder und das Bild von Enthaupteten auf den sozialen Online-Plattformen zu posten. Damit beerben sie die selbstdarstellerische Bildkultur Europas.

Aber das ist doch ein Widerspruch, werden die IS-Terroristen dadurch nicht unglaubwürdig?

Das ist in der Tat ein unaufgelöster Widerspruch! Aber diesen hält der IS intern aus, weil seine Macht niemand infrage stellt. Der Mediengebrauch wird den Unterworfenen nicht erlaubt, aber sie selbst sind sehr interessiert an Außenwirkung und -darstellung in der Diaspora: Sie wollen mit ihren heroischen Selbstdarstellungen IS-Kämpfer aus der westlichen Welt gewinnen, und das funktioniert blendend. Tausende IS-Kämpfer werden mit dieser neuen Medienpolitik, die über soziale Medien funktioniert, rekrutiert und migrieren nach Syrien. Diese Selbststilisierung ist nach Westen ausgerichtet und unterläuft die Propaganda, die in den westlichen Medien den Feind erkennt. Der IS orientiert sich stark an den Verbreitungs- und Brandingstrategien der westlichen Bilderkultur, und in ihren heroisierenden Selbstporträts suchen sie eine Anschlusskommunikation an die europäische Bildkultur.

Was hat sich seit 9/11 am Mediengebrauch der Terroristen geändert?

Der IS nutzt alle modernen Medientechnologien extrem professionell und verbreitet Propaganda auf sehr zynische Weise. Es gibt „Layouter des Todes“, die sich darum kümmern, dass das Enthauptungsvideo grafisch ansprechend dargestellt wird. Das ist ein klassisches mediales Setting mit eigener Dramaturgie, man könnte von Dreharbeiten sprechen: Die Kamera wird aufgebaut, der Delinquent vorgeführt, er muss in die Kamera schauen. Wenn er zusammenbricht, wird noch einmal gedreht, und dann wird die beste Aufnahme genommen und an die Welt geschickt. Es ist kein spontanes, wackeliges Video wie bei Saddam Husseins Hinrichtung, sondern das sind HD-Bilder mit geplantem Ablauf: Die Botschaft wird vorgelesen, der Kopf abgetrennt, dann wird der Kopf des Verstorbenen mit der Hand gepackt und in die Kamera gehalten. Das ist ein klassischer, mythologischer Bildgestus wie bei der Enthauptung der Medusa.

Zurück zum Selbstporträt. Das ist ja nichts Neues.

Nein, es gab immer schon Künstler, die sich mithilfe des Spiegels selbst gezeichnet haben. Auch in der Fotografie hat es Selbstporträts seit Anbeginn, also seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, gegeben. Damals fand eine Demokratisierung des Porträts statt, der Fotoapparat und die Kodak-Bewegung war sicher eine Trendwende, da von da an die Kamera leicht bedienbar und kostengünstig war. Ab dieser Amateurkultur war auch das Selbstbild leichter zu produzieren.

Was ist dann das Neue am Selfie?

Schon Andy Warhol wollte, dass das Bild veröffentlicht und geteilt wird. Er hat mit seinen Star-Polaroids die Demokratisierung stark vorangetrieben, denn das Format war billig und stand nicht für Kunstfotografie. Das war eine wichtige Anschlussstelle für Selfies im Kommunikationsraum der sozialen Medien. Das Neue ist, dass die Übertragung von Selfies sofort möglich sein kann, sie sind quasi in Echtzeit im öffentlichen Raum verbreitbar, und sie schaffen es, Skandale in der Öffentlichkeit herzustellen. Ein Beispiel sind die in der Medienöffentlichkeit skandalisierten Selfies vor Holocaust-Mahnmalen. Das sind Erinnerungsorte kollektiver Trauer, wo die Inszenierung von Selbstbildern dem Selbstverständnis einer gemeinsamen Trauerkultur widerspricht.

Wie unterscheidet sich das Selfie vorm Holocaust-Mahnmal vom „normalen“ Gruppenfoto?

Es ist ein ästhetisch-technologisches Problem: Wenn ich ein Selfie mache, stehe ich immer im Bildzentrum. Das Subjekt ist im Vordergrund, und die Selbstdarstellung überragt jedes Ereignis. Wenn das Subjekt und seine Selbstinszenierung wichtiger wird als das Kollektiv, wird der Gedenkort individuell überformt. Das steht in einem Widerspruch zum Selbstverständnis der Selfies, denn sie werden in der Jugend- und Spaßkultur verortet.

Trügt das Bild, oder sind Selfies bei jungen Frauen besonders beliebt?

Wenn es darum geht, Coverseiten zu füllen wird oft ein Bild gewählt, das die Vielfalt des Mediengebrauchs verkürzt, und auf die Inszenierung des Naiven reduziert: Das Mädchen, das über kein historisches Bewusstsein ist und nur an Konsum und sich selbst interessiert ist, postet ein Holocaust-Selfie. Männliche Nutzer werden hier nicht ins Spiel gebracht. Wenn über Selfies in der Medienöffentlichkeit verhandelt wird, werden junge Frauen als Allegorien eingesetzt, um über eine ganze Generation zu verhandeln. Sie werden von den Medien stellvertretend für eine Generation gesetzt, für eine bestimmte Art des Mediengebrauchs, der in der Öffentlichkeit als sehr negativ gesehen und abgewertet wird: Narzisstisch, egoistisch, selbstverliebt.  Damit reproduzieren Medienberichterstattung klassische Vorurteile gegenüber weiblichen Jugendlichen und stärken Ressentiments ohne analytische Differenzierung.

Info
Das Selfie ist ein Selbstporträt, bei der eine oder mehrere Personen auf Armlänge aus der eigenen Hand fotografiert werden. Taggen ist eine Markierung und erhöht die Sichtbarkeit in den sozialen Medien.

Rámon Reichert (geb. 1966) ist Kultur- und Medientheoretiker und ist am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Uni Wien als Gastprofessor tätig, wo er in diesem Semester die Lehrveranstaltung „Selfies. Eine Kultur- und Mediengeschichte der Selbstdarstellung“ leitet. Seit 2014 leitet er die Masterstudiengänge „Data Studies“ und „Cross Media“ an der Donau-Uni Krems.