Strandurlaub in Bayern

Kneipen, Wandern, Bierbrauen: Besuch am Fränkischen Meer

Im bayrischen Salzsse schwebt man auf der Wasseroberfläche wie im Toten Meer.

Im bayrischen Salzsse schwebt man auf der Wasseroberfläche wie im Toten Meer.

Da braut sich etwas zusammen, in Bad Windsheim. Und die Rede ist nicht von dem selbstgebrauten Bier, auf dessen Reinheit man hier so stolz ist. Gemeint sind vielmehr die Franken, die Einwohner Nordbayerns.

Dieser Artikel ist am 24.08. im „Wiener Journal“ erschienen.

Denn geht ihnen etwas gegen den Strich-sei es Unpünktlichkeit oder falsch geparkte Fahrräder-wird nicht lange gefackelt, sondern das lautstark kundgetan. Und wenn sie explodieren, erinnert dies an ein heftiges, sich entladendes Gewitter. Der Vorteil: Genauso schnell, wie es aufkommt, ist es auch wieder vorbei. „Die Franken haben die Freundlichkeit nicht für sich gepachtet“,ist alles was Carola Kabelitz, selbst rüstige Fränkin, zu diesem fränkischen Wesenszug zu sagen hat.

Doch im nächsten Moment ist ihr Grant wieder verflogen, und sie scherzt: „Die Bayern haben die Berge, die Franken den Horizont.“Bis 1803 war Bad Windsheim eine freie Reichsstadt, und noch heute sehen sich viele von ihnen nicht als Bayern, sondern als Franken. So auch in dem 12.000-Seelen-Stadt Bad Windsheim. Sie liegt 60 Kilometer westlich von Nürnberg und versprüht idyllischen Kleinstadt-Charme: Unbekannte grüßen einander auf der Straße, und spaziert eine größere Gruppe durch die Kopfsteinpflaster-Gässchen, zieht diese mitunter neugierige Blicke auf sich.

Ein Storch gleitet in sein Nest auf einem für die Region typischen Fachwerkshäusern, Schwalben zirpen, der Wind streicht durch die umliegenden Felder: Hier ist die Welt noch in Ordnung, denkt der Besucher insbesondere, wenn er weiter Richtung südliches Ende der Altstadt spaziert. Hier befindet sich auf 50 Hektar das größte Freilandmuseum Süddeutschlands. Rund 100 Häuser-Mühlen, Schäfereien und Handwerkshäuser-zeigen, wie die ländliche Bevölkerung in Franken vom Mittelalter bis in die 1950er Jahre gelebt hat. Man wandert von Dorf zu Dorf die Felder entlang, und begibt sich dabei von einer Epoche in die nächste. Dazwischen stolzierenden Pfaue suhlen sich Säue in Erdlöchern. Besonders Eifrige brauen in der alten Brauerei ihren eigenen Gerstensaft, andere kosten das leichte Pils im Gasthaus nebenan.

Sommer für Sommer verwandelt sich der kleine Weinberg am Rande des Museums in ein Freilandtheater. Es erweckt den Eindruck, als schlüpfe ganz Bad Windsheim in die verschiedensten Rollen: Die ältere Dame, die vorhin noch durch das Museum geführt hat, ist als Bäuerin zu entdecken, und auch eine Mitarbeiterin der Therme Bad Windsheim hat eine kleine Nebenrolle. Doch nur teilweise sind es Laiendarsteller, zu einem beachtlichen Teil stehen professionelle Schauspieler auf der Bühne. Während hinter den Weinreben die Sonne untergeht, wird kurzweiliges, unterhaltsames Sommertheater mit Live-Musik geboten und der Zuseher immer wieder überrascht, etwa treibt beim aktuellen Stück „Heldenzeit“ ein Schäfer seine Herde über die Naturbühne.

Viele Gäste werden jedoch durch das Fränkische Meers auf Bad Windsheim aufmerksam: So wird der beheizte Salzsee in der Therme genannt, der mit 26,9 Prozent fast denselben Salzgehalt wie das Tote Meer aufweist. Das regelmäßige Baden in diesem See bietet-verbunden mit Lichttherapie-Psoriasis („Schuppenflechte“)-Patienten Abhilfe. Es wird geschätzt, dass österreichweit 200.000 Menschen von dieser Autoimmunkrankheit betroffen sind. Anderswo baden die Patienten in Badewannen hinter verschlossen Türen-nicht so in Bad Windsheim, und dafür bekam die Therme 2007 sogar den Deutschen Tourismuspreis: Hier schweben die Patienten an der Wasseroberfläche eines von Strandkörben umringten Sees.

Die Therme wurde 1982 errichtet und besteht aus sechs Innen-und Außenbecken, neben Sauna und Dampfbad bieten verschiedene Anwendungen wie Hot Stones Massage oder Rasul-Peeling Erholung. Mehrmals täglich wird Wassergymnastik angeboten, zudem lädt der weitläufige Kurpark zum Spazieren, Joggen oder Walken ein.

Oder man schwingt sich auf ’s Rad: Bad Windsheim liegt an der Aisch, der gut beschilderte Aischtalradweg ist 115 Kilometer lang. Er schlängelt sich von der Rothenburg, dass aufgrund seiner gut erhaltenen mittelalterlichen Altstadt bekannt wurde, bis in die Braustadt Bamberg. Hier bestehen noch elf Brauereien, die Bier verkaufen. Am besten probiert man das Rauchbier, das aus geräuchertem Malz hergestellt wird. Bleibt es beim Probieren, radelt man beschwingt-mit Blick auf weitläufige Felder und Wiesen-weiter. Von hier aus können mittelalterliche Schlösser erkundet oder Wanderungen in den Weinbergen unternommen werden. Oder man schaut bei einem lokalen Winzer vorbei und stärkt sich bei einer fränkischen Brotzeit: Auf das Brot kommt hier traditionell Gerupfter. Während beim bayrischen Äquivalent (der „Obatzte“) Bier beigemischt wird, verwenden die Franken Wein. Und davon haben sie jede Menge: Auf insgesamt 6000 Hektar werden Rebsorten angebaut; zu 80 Prozent ist es weißer, aber auch zwanzig Prozent roter. Typisch für die Region ist der Silvaner, ein trockener Weißwein, der meist zum Karpfen getrunken wird.

Denn an diesem Tier führt in Mittelfranken kein Weg vorbei-vorausgesetzt, man besucht es in einem Monat mit einem „R“ im Namen. Die Karpfensaison ist August bis April, davor wachsen die Fische in den Weihern noch heran. Und kommt man in den „Karpfenschmeckerwochen“ (Februar bis März),findet man Karpfen, wohin man schaut: Zu dieser Zeit überbieten die Wirte einander mit ihren ungewöhnlichen Zubereitungsarten: Filets, Ragout, geräuchert; böhmisch oder nach Schnapsbrennerart; in Bier-oder Weinsud. Und weil man über die „Sau des Teiches“ anscheinend nie genug erfahren kann, gibt es in Neustadt an der Aisch ein eigenes Karpfenmuseum. Hier wird auch mit der Mär gebrochen, dass der Karpfen ein fetter Fisch sei: Es kommt nur auf die Zubereitungsart an. Schließlich haben mittelalterliche Mönche die Tradition des Karpfenessens gestartet, die an mehr als 100 Tagen pro Jahr fasteten. Während also Fleisch tabu war, war Fisch erlaubt. Also legten sie in dem niederschlagsarmen Gebiet um zahlreiche Weiher zur Fischzucht an; heute werden die Aischgründer Karpfen in über 2000 Teichen herangezüchtet.

Kneipen, Essen und Wandern: Das klingt nicht unbedingt, als wäre in der Region um Bad Windsheim High Life angesagt. Doch zweimal im Jahr lebt die Stadt so richtig auf: Im Juni hält das Stadtfest Einzug, bei dem ganz Bad Windsheim auf den Beinen ist. Auf den Plätzen in der Altstadt sind Konzertbühnen errichtet, der Geruch von gegrilltem Fleisch und Maiskolben strömt durch die Gassen. Bis in die Morgenstunden wird getanzt, schließlich ist nicht alle Tage so viel los in der ansonsten so beschaulichen Stadt. Konzerte, Theater und Kleinkunst gibt es auch alljährlich beim Weinturm-Festival Anfang August, das heuer sein 35-jähriges Jubiläum feiert. Hier traten schon Bands wie Sportfreunde Stiller auf, bevor sie über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt wurden.

Bleibt nur zu hoffen, dass diese Freiluft-Events von Bad Windsheims berüchtigten Gewittern verschont bleiben. Die Bewohner geben jedenfalls Entwarnung: Anders als die fränkischen Wutausbrüche würden Wettergewitter meist vorbeiziehen und sich nur sehr selten über der Stadt entladen

Info:

Bad windsheim liegt im bayrischen Mittelfranken. neustadt an der aisch ist von wien über nürnberg in etwa 5 Stunden gut erreichbar, hin-und Zurück kosten mit der ÖBB etwa 130 euro.