„Wir sind ja gar nicht so böse“

ChickLit

(c) Andreas Pessenlehner

Erschinen in der „Wiener Zeitung“ am 08.02.2012

Wien hat mit „ChickLit“ in der Kleeblattgasse im 1. Bezirk wieder eine feministische Buchhandlung. Drei Frauen über langsame Erfolge, Literatur und pro-feministische Männer

Wien. Eine Generation liegt zwischen ihnen, es eint sie die Leidenschaft zu Büchern, vorzugsweise von Frauen geschrieben. Und sie bezeichnen sich als Feministinnen – was sich früher viele nicht trauten, berichtet Eva Geber. Die Buchautorin war 31 Jahre lang Redakteurin der Frauenzeitschrift „AUF“, die im vergangenen Jahr eingestellt wurde. Doch den dahinterstehenden „Verein zur Förderung feministischer Projekte“ gibt es noch – und dieser fördert unter anderem die Buchhandlung „ChickLit“, die vergangene Woche in den Räumen der ehemaligen „AUF“-Redaktion in der Wiener Kleeblattgasse 7 seine Pforten geöffnet hat.

Bettina Figl: Warum braucht Wien eine Buchhandlung für feministische Literatur?

Jenny Unger: Damit ich selbst wieder in eine Buchhandlung gehen kann. Seitdem das Frauenzimmer zugesperrt hat (2007, Anm.), habe ich mir Bücher von Freundinnen ausgeliehen, aber gekauft habe ich vielleicht drei.

Wieso kaufen Sie keine Bücher im Internet?

Unger: Ich brauche jemanden, der eine Vorauswahl getroffen hat. Jetzt sucht Paula die Bücher aus, und ich lese sie dann. (lacht) In den Buchhandlungen kommt 80 Prozent von Männern. Man kann auf keine Texte zugreifen, die von Frauen sind oder feministisch, weil das Angebot fehlt. Also dafür dieser Raum.

Paula Bolyos: Ich finde es gut, dass es fachspezifische, kleine Buchhandlungen gibt, wo sich Leute überlegen, was sie anbieten. Und die feministischen Abteilungen in vielen auch größeren Buchhandlungen sind sehr klein, da gibt es kaum etwas.

Eva Geber: Und sie wissen auch nichts. Die Frauenbuchhandlung hat einfach gefehlt.

Welche Bücher hat „ChickLit“?

Bolyos: Wir haben einen großen Romanteil; feministische Romane, Lesbenromane, Krimis. Wir haben verschiedene Schwerpunkte: Frauenbewegung, Frauengeschichte, Kinder- und Jugendbücher und feministische Ökonomie. Und wir werden auch eine Abteilung über Wissenschafterinnen haben, die in und um Wien forschen.

2011 wurde die 31 Jahre alte feministische Zeitschrift „AUF“ eingestellt. Warum?

Geber: Weil es keinen Nachwuchs gab. Es gab genug Frauen, die geschrieben haben, aber die Herausgeberin, die Redaktionssitzungen – wenn das nur eine macht, ist das langweilig. Und das war eben ich. Die „AUF“ war sehr international; sie ist in sämtlichen Bibliotheken in Europa, in Australien, in Indien aufgelegen.

War die feministische Szene in Wien früher größer?

Geber: Der Aktivismus an sich ist ziemlich eingeschlafen, weil die schmerzenden Gesetze abgeschafft sind und wir angeblich alle Rechte haben. Geblieben sind alle Pflichten. Es gibt sehr viele feministisch denkende und arbeitende Frauen, aber die rennen nicht mehr wie die Wilden auf die Straße, sondern schreiben über die ökonomische Schere und über die fehlenden Frauen in den Aufsichtsratsposten. Es gibt irrsinnig viel zu tun! Man muss jetzt genauer hinschauen. Da sind die endlosen Mühlen der Ebene. Das ist nicht begeisternd, aber es wird gemacht. Früher haben sich viele nicht getraut zu sagen: „Ich bin Feministin.“

Aber es gibt auch einen Backlash, gerade viele junge Frauen wollen keine Feministinnen sein. Warum?

Bolyos: Den Backlash gibt es, der Feminismus wird verteufelt .

Geber: Mit dem Neoliberalismus ist der Backlash einhergegangen. Der Rückschritt passt zur Wirtschaftskrise, aber es hat schon vorher gepasst; wenn die Budgets knapper werden, wird bei den Frauen zuerst gespart.

Was ist im Feminismus falsch gelaufen, wenn Frauen 50 Jahre später immer noch weniger verdienen als Männer?

Geber: (seufzt) Es ist die Trägheit der Masse. Vor Jahrzehnten habe ich in Antiquariaten Bücher aus der ersten Frauenbewegung gefunden. Und dann steht da drin: „Wir müssen uns noch immer mit diesem blöden Thema beschäftigen!“ Das steht in der Zeitschrift aus 1790 genauso wie in „Stadt der Frauen“ von Christine de Pizan aus dem 15. Jahrhundert. Und da habe ich mir gedacht: „Du brauchst einen langen Atem“. Und den habe ich ja eh. (lacht) Es dauert, es ist unfassbar. Die Macht wird nicht abgegeben – oder geteilt. Wir sind ja gar nicht so böse!

Wie macht sich die feministische Szene in Wien im Vergleich zu anderen Städten?

Bolyos: Die ist natürlich klein. Aber ich glaube, dass auch in anderen Städten die feministische Szene kleiner geworden ist.

Geber: Aber wir hatten immer außergewöhnlich viele feministische Zeitschriften; sieben oder acht. Jetzt sind es fünf, sechs. Ich würde das mit Österreichs Presselandschaft vergleichen, die ja hundeschlecht ist. Klar, das Mieseste, der Boulevard, wird in allen Ländern am meisten gelesen. In den anderen Ländern gibt es trotzdem mehr Qualitätszeitschriften. Aber gleichzeitig gibt es in Relation zur Kleinheit des Landes eine große Menge an hervorragenden Autorinnen und Autoren. Und das ist wie bei der feministischen Szene: klein, aber sehr fein.

Mit wem sind Sie eher auf einer Linie – Charlotte Roche oder Alice Schwarzer?

Geber: Ich protestiere! Abgrenzen ist nicht der Sinn von feministischer Anschauung. Was nicht heißt, dass man nicht streiten kann.

Bolyos: Ich tue mir ein bisschen schwer mit dem neuen Buch von Charlotte Roche. Ich finde sie super, aber das Neue ist ja eher „zurück zur Familie“. Aber ich kann mich nicht einer von beiden zuordnen.

Welche Bücher empfehlen Sie?

Bolyos: „Engel des Vergessens“ von Maja Haderlap (Bachmann-Preisträgerin 2011, Anm.) über die Kärntner Slowenen, eine Familiengeschichte. Michelle Tea, eine queer-feministische Schreiberin aus den USA, die auch Spoken-Word-Auftritte macht, vergleichbar mit Slam-Poetry von Mieze Medusa (oberösterreichische Musikerin und Autorin, Anm.). Oder der autobiografische Roman „Der Boden unter meinen Füßen“ von Eva Kollisch, die 1939 als 14-Jährige nach Großbritannien flüchten musste. Und Katharina Tiwald, eine junge burgenländische Autorin. Von Sara Dreher stammt die sympathische lesbische Privatdetektivin Stoner Mactavish – die ist Kult, würde ich sagen! Sehr wichtig finde ich auch Audre Lorde, feine feministische, schwarze, lesbische Aktivistin und Autorin aus den USA, die bereits gestorben ist. Und Graphic Novels und Comics wie von Ulli Lust, da gibt es viele gute Frauen.

Aber in Tageszeitungen zeichnen Karikaturen fast immer Männer.

Unger: Das spielt sich alles in neuen Medien ab, in Blogs, und in queer-feministischen Medien.

Bolyos: Das kommt wenig in den Mainstream, wie so oft.

Geber: Ich habe gar nichts gegen Tex Rubinowitz, aber da könnten auch Frauen ran.

Gibt es eine typische Feministin?

Alle: Nein!

Unger, Bolyos: Latzhose, kurze Haare . . . (alle lachen). Das sind doch alles nur Klischees.

Geber: Frauenunterstützend, die Partei der Frauen prinzipiell einnehmend. Jede Form von Ungleichheit bekämpfend.

Können Männer Feministen sein?

Bolyos und Unger: Ich würde pro-feministisch sagen, aber ja.

Geber: Es gibt feministische Männer, und außerdem der Nachwuchs; feministisch handerzogene Söhne.

Also sind Männer bei „ChickLit“ willkommen?

Unger und Bolyos: Natürlich!

Geber: Außer sie reden blöd, dann fliegen sie gleich wieder raus.

Zu den Personen

chicklit.at

Buchbestellungen unter: buchhandlung@chicklit.at

„Wir müssen uns noch immer mit dem blöden Thema befassen – das schrieb Christine de

Pizan schon im 15. Jahrhundert!“

„Der feministische Backlash passt zur Wirtschaftskrise. Bei Frauen wird zuerst

gespart.“

Eva Geber (70) ist Autorin und ehemalige „AUF“-Redakteurin. 2009 erhielt sie den Frauenpreis der Stadt Wien.

Jenny Unger (32) hat an der Universität für Bodenkultur in Wien studiert.

Paula Bolyos (34) hat Politikwissenschaft auf der Universität Wien studiert und in verschiedenen Buchhandlungen gearbeitet.