Die Selektion am Zebrastreifen

Mehrsprachigkeit als Nachteil, vernachlässigte Frühförderung und Chancenungleichheit: Im österreichischen Bildungssystem liegt einiges im Argen.
Wann immer ich an die Ungerechtigkeiten im Bereich Bildung denke, denke ich an einen Zebrastreifen. Nicht an irgendeinen Zebrastreifen, sondern an jenen, der Teil meines täglichen Schulwegs war. Auf der einen Seite besagter Straßenmarkierung waren Anfang der 1980er Jahre Reihenhäuser und Genossenschaftsbauten entstanden, hier waren in die Mittelschicht aufstrebende Jungfamilien eingezogen. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein um etwa zehn Jahre älterer Gemeindebau, der nicht nur aus kindlicher Perspektive riesig anmutete: In 15 Stiegenhäusern lebten, und leben bis heute, etwa 3000 Menschen.

Dieser Artikel ist am 29.9.2014 im Wiener Journal erschinen und hier nachzulesen.

Das Grätzl heißt Kaiserebersdorf und liegt im Gemeindebezirk Simmering im Süden Wiens. Es ist Anfang der 1990er, also jene Zeit, als die erste Flüchtlingswelle aus Ex-Jugoslawien Österreich erreichte, und in meiner Erinnerung hat es sich so zugetragen: Fast alle Kinder, die auf meiner Seite des Zebrastreifens aufwuchsen, gingen so wie ich nach der Volksschule ins Gymnasium und später an die Universität. Die Klassenkameraden von der anderen Seite des Zebrastreifens – viele von ihnen lebten im beschriebenen Plattenbau, manche im naheliegenden Flüchtlingsheim – gingen in die Hauptschule, die allermeisten habe ich nach der Volksschule nie wieder gesehen. Politik hat nicht auf neue Schülerschaft reagiert Und jener Selektionsmechanismus, der vor zwanzig Jahren funktioniert hat, kommt auch heute noch zutrage.

Dass in Österreich die Bildungschancen stark vom sozioökonomischen Status der Eltern abhängen, ist bekannt. Bedenklich ist, dass es die Politik es trotz dieses Wissens in den vergangenen Jahren vernachlässigt hat, etwas daran zu ändern – wiewohl dies heute dringender notwendig wäre denn je. Denn die Schulen stehen dieser Tage vor anderen Herausforderungen als noch vor 15 Jahren: Durch Migrationsbewegungen ist die Schülerschaft in Bezug auf Herkunft und Erstsprache viel heterogener als früher, wie die AHS-Lehrerin Heidi Schrodt in ihrem aktuellen Buch aufzeigt. Während Asylwerber bis zur Jahrtausendwende vor allem aus europäischen Ländern kamen, suchten ab dem Jahr 2000 immer mehr Menschen aus nichteuropäischen Ländern Zuflucht in Österreich. Heute spricht in Wien mehr als die Hälfte der Volksschulkinder eine andere Erstsprache als Deutsch, auf alle Schultypen gerechnet sind es 45,4 Prozent (Schuljahr 2012/2013).

Doch bis heute berücksichtigt die Migrationspolitik nicht, dass jeden Tag neue Menschen hinzukommen.Schrodt beschreibt, dass Österreich immer schon ein Migrationsland war. Doch der Diskurs gehe nach wie vor von einer homogenen Gesellschaft aus, die sich innerhalb der Kategorien „Heimat“, „Volk“ oder „Nation“ bewege und auf der Vorstellung einer einheitlichen Kultur gründet. „Bis heute scheint sich der Migrationsdiskurs von der rechtspopulistischen Vereinnahmung nicht emanzipiert zu haben“, kritisiert die Autorin. Migration sei „keine gemütliche Angelegenheit, sondern erfordert viel Anstrengungen von allen Seiten.“ Doch gehört man mit Migrationshintergrund automatisch zu den Verlierern, selbst wenn man sich anstrengt? Nein. Migration hat nur dann negative Auswirkungen, wenn das Kind darüber hinaus aus einer armutsgefährdeten oder armen und ungebildeten Familie kommt. Und da in Österreich deren Anteil international gesehen hoch ist, sind besonders viele Kinder betroffen: „Der Bildungsbereich gleicht die Benachteiligung breiter Bevölkerungsschichten nicht nur nicht aus, sondern zementiert ihn ein.“

Im Kindergarten ist es zu spät Schon die Kleinsten werden im Bildungssystem vernachlässigt: Die Sprachförderung gehört nicht zur Basisausbildung von Kindergartenpädagoginnen (der Großteil dieser schlecht bezahlten Jobs wird von Frauen verrichtet). Dabei wäre es wichtig, Kinder von Beginn an in ihrer Sprachentwicklung zu unterstützen. Doch wenn Kinder mit einer anderen Muttersprache als Deutsch im letzten verpflichtenden Kindergartenjahr in den Kindergarten kommen, ist es bereits zu spät, schließlich dauert der Spracherwerb fünf bis acht Jahre – in nur einem Jahr vor dem Schuleintritt ausreichend Deutsch zu lernen, ist also illusorisch. Dem Leitsatz „Muttersprache ist die Kür, Deutsch ist Pflicht“ des zuständigen Ministers Sebastian Kurz kann Schrodt nichts abgewinnen: Die Forschung sei sich darüber einig, dass die Erstsprache parallel zur neuen Sprache erlernt beziehungsweise gesichert werden muss. 2013 wurde eine einheitliche Ausbildung für alle Pädagogen beschlossen – das soll die Kluft in der Bezahlung zwischen universitär ausgebildeten AHS-Lehrern Hauptschul- und NMS-Lehrer schließen.

Doch in dem neuen Dienstrecht wurde auf eine wichtige Berufsgruppe vergessen: Die Kindergartenpädagogen werden nach wie vor nicht akademisch ausgebildet – anders als in den allermeisten anderen EU- oder OECD-Ländern. Hattie empfiehlt Österreich die gemeinsame Schule Zurück zum Zebrastreifen: Mit der Trennung im Alter von zehn Jahren nimmt auch die Segregation von Kindern mit Erstsprache Deutsch und Kindern mit anderen Muttersprachen zu. Nach wie vor gehen nach der Volksschule vorwiegend Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern in die NMS, die Haupt- oder Sonderschule. Kinder aus Akademikerfamilien hingegen besuchen danach zum Großteil die AHS-Unterstufe. Der Bildungshintergrund der Eltern hat hierzulande also größtes Gewicht für die Schulwahlentscheidung der Kinder – und auf die spätere Bildungslaufbahn: aktuell haben nur sieben Prozent der Studienanfänger einen Vater mit maximal Pflichtschulabschluss.

Die Weichen werden an den Übergängen der jeweiligen Schultypen gestellt – wobei Schrodt nicht von Übergängen, sondern von „harten Brüchen“ spricht, sie befürwortet die Gesamtschule und verlangt die Abschaffung der frühen Trennung. Und sie betont, dass eine bessere Durchmischung der Bevölkerung nur durch zusätzliche städtebauliche und kommunalpolitische Maßnahmen möglich sei. Doch bei all den Strukturproblemen: Hat nicht die Studie des bekannten Bildungsforschers John Hattie ergeben, dass das Wichtigste die Lehrperson ist, während die Klassengröße oder die Struktur der Schule erst ganz hinten in der Reihe der Erfolgsfaktoren stehen? Die Schulstruktur dürfe nicht mit dem Schultyp verwechselt werden, sagt Schrodt im Gespräch mit dem „Wiener Journal“: Hattie habe sich in seiner Forschung ausschließlich auf Gesamtschulen bezogen – und als sie ihm in Mai 2014 im schwedischen Örebro persönlich traf, empfahl der neuseeländische Forscher den Österreichern sowie den Deutschen, eine möglichst lange gemeinsame Schule einzuführen.

Die Schule als Auffangbecken

Die Zeiten, in denen mancherorts 90 Prozent der Schüler die Sonderschule besuchten, sind zum Glück vorbei. Doch nach wie vor werden Kinder und Jugendliche mit mangelnden Deutschkenntnissen in die Sonderschule gesteckt: Der Anteil von Schülern mit anderen Erstsprachen als Deutsch ist hier mit 55,6 Prozent unverhältnismäßig hoch. Die Polytechnischen Schulen werden gar zu 60 Prozent von mehrsprachigen Schülern besucht, und die Handelsschulen sind zu einem Auffangbecken für Jugendliche geworden, die keine Lehrstelle gefunden haben. Wer an dieser letzten Schnittstelle scheitert, fällt oft ganz aus dem System. Acht Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren haben die Schule abgebrochen, wie eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer zeigt. Der EU-Schnitt liegt bei 12,9 Prozent, im Vergleich stehen wir also relativ gut da – dennoch sind die Zahlen alarmierend. Denn auch hier sind Jugendliche mit Migrationshintergrund besonders betroffen: 26 Prozent von ihnen brechen die Schule ab, zudem sind sie häufiger arbeitslos oder verrichten Aushilfsjobs.

In ihrem Buch lässt Schrodt Bildungsexperten wie Günter Haider zu Wort kommen – und dieser stellt dem hiesigen Bildungssystem ebenfalls kein gutes Zeugnis aus: Der Unterschied zwischen den Kompetenzwerten der autochthonen Bevölkerung und Migranten sei nirgendwo so groß wie hierzulande, es fehle eine nationale Strategie für 25.000 Kinder und Jugendliche, die jedes Jahr nach Österreich kommen. Der Nachteil, mehrsprachig zu sein Da unser Schulsystem auf Einsprachigkeit ausgerichtet ist, ist es grundsätzlich ein Nachteil, wenn man mehrsprachig ist. Dabei wird zwischen guten und schlechten Fremdsprachen unterschieden: Englisch ist demnach eine „gute“ Fremdsprache, 98 Prozent der Volkssschüler lernen sie. Serbisch und Türkisch – die größten Minderheitensprachen – werden hingegen als Defizit wahrgenommen. In der Volksschule können sie nicht erlernt werden, Türkisch wird in der Hauptschule und der NMS mitunter angeboten, nicht aber in der Volksschule und der AHS. Türkisch ist kein Maturafach, dass es kein entsprechendes Lehramtsstudium gibt, bezeichnet Schrodt als „beschämend und volkswirtschaftlich dumm“.

Und wie geht es weiter? Während in der Regierungserklärung 2008 noch vom Ausbau des fremd- und muttersprachlichen Unterrichts die Rede war, wird der Erstsprachenunterricht in der aktuellen Regierungserklärung gar nicht erst erwähnt. In ihrem Buch „Sehr gut oder Nicht genügend“ stellt Schrodt Schulen vor, die trotz widriger Bedingungen viel leisten. Außerdem blickt sie nach Schweden – was auf den ersten Blick überrascht, schließlich ist das einstige Vorzeigeland bei Pisa abgestürzt. Im schwedischen Örebro hat sie sich angesehen, wie neu ankommende Kinder in das Schulsystem integriert werden. Das Fazit: Das dezentrale, hoch autonome Schulsystem erlaubt es, schneller und flexibler zu reagieren. Also ganz andere Voraussetzungen als in Österreich, wo die zwischen Bund, Ländern und Gemeinden zersplitterte Zuständigkeit der Umsetzung eines Gesamtkonzepts im Weg stehen. In Hinblick auf seine Zukunftskompetenz liegt Österreich laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung von 41 EU- und OECD-Ländern auf Platz 19. Als Hauptgrund dafür wird die Reformunfähigkeit des Landes angeführt.

Schrodt schlägt eine Reihe von kurz- und langfristig umsetzbarer Maßnahmen zur Verbesserung vor, denn heute gäbe es genügend wissenschaftliches Material für eine groß angelegte Bildungsreform: Es bedürfe keiner neuen Expertenkommissionen und Arbeitsgruppen und dergleichen, sondern vielmehr politischen Willens. Den Zebrastreifen in Kaiserebersdorf gibt es übrigens immer noch und an der eingangs beschriebenen Situation der Benachteiligung von Kindern aus bildungsfernen Familien hat sich wenig geändert. Das bestätigt eine Lehrerin, die heute – 20 Jahre später – an jener Volksschule unterrichtet. Sie sagt, der Bildungsgrad und die finanzielle Situation der Eltern müssten eigentlich nicht ausschlaggebend sein, denn auf allen Seiten des Zebrastreifens gibt es intelligente Kinder. Dafür, dass manche von ihnen nicht die Unterstützung bekommen, die sich brauchen und die ihnen zusteht, macht sie das defizitäre Schulsystem verantwortlich. Sie wünscht sich ausreichend Sprachförderlehrer und sinnvolle Zusatzförderungen. Denn trotz allem Engagement – sie arbeitet bis zu 12 Stunden täglich – stößt sie oft an die Grenzen ihrer Möglichkeiten.

Heidi Schrodt: „Sehr gut oder Nicht genügend – Schule und Migration in Österreich“. Molden Verlag 2014