Bratnudel und Blasentee

Bubble Tea

Bubble Tea

Bunte Tees, glückliche Nudeln und traurige Würstchen: Fastfood hat sich in Wien verändert

Wir sind jung, reich und voller Zucker – was sollen wir tun?“, fragt Bart Simpson seinen Freund Milhouse, nachdem er einen giftgrünen Squishy aus purem Sirup geschlürft hat. Der Zucker fährt ihm in die Venen, die Folge der „Simpsons“ zeigt den gelben Comic-Helden, wie er auf Saccharose trippt. In Wien hat man nun allerhand Gelegenheiten, sich wie Bart den Zuckerschock zu holen. Seit etwa einem Jahr erobern knallbunte Bubble Teas – eine Mischung aus Grün- oder Schwarztee, Zucker und Sirup – die Stadt. Manchmal ist Milch oder Joghurt dabei, darin schwimmt die Stärke der Maniokwurzel in Form kleiner, geleeartiger Tapioka-Bällchen.

Dieser Artikel ist am 5.9.2012 im Falter 36/2012 erschienen

Die „Bubbles“ werden durch dicke Strohhalme eingesaugt, in China und Südostasien ist das seit Jahren der Renner. Nun wird der Zuckercocktail auch am Schwedenplatz, am Westbahnhof und in der Lugner City verkauft; neuerdings auch bei McDonald’s. Der Preis für einen halben Liter bewegt sich um die vier Euro, und die Kids stehen drauf. Vollgepumpt mit Bubble Tea läuft man tatsächlich berauscht durch die Stadt: Der „Tee“ liefert mit 500 Kalorien pro Becher mehr Energie als eine Leberkäsesemmel und dieselbe Zuckermenge wie Cola – nur wird diese für gewöhnlich nicht im 0,5-Liter-Kübel verkauft.

 Happy Noodles

Oft sind Bubble Teas eine Erweiterung im Sortiment der Nudelbrater, die schon seit einigen Jahren das Stadtbild zusehends vereinnahmen. Beim Platzhirsch „Happy Noodles“ stapeln sich hinter Glasvitrinen Berge von asiatischen Nudeln auf Kochplatten, der Geruch von Speisefett weht einem entgegen. Kurz wollte der russische Betreiber Michael Moisejew den Zuckercocktail in sein Angebot aufnehmen, aber: „Es ist besser, man spezialisiert sich.“ Anders sieht das die Konkurrenz, inzwischen vertreiben kleine Kebabstände von Pizza über Calzoni bis hin zu Würstel alles, was der Fastfoodmarkt hergibt.

Moisejew hat 2009 mit seinem Stand am Schwedenplatz den Trend zur Nudel ausgelöst, etwa 500 Gerichte wandern bei ihm jeden Tag zu Spottpreisen über den Tresen. Es gibt Sushi, Würstel und Nudeln mit allerlei Beigabe. Die Käsekrainer-Nudel-Kombi ist tagsüber vielen suspekt, nachts macht sich alkoholisiertes Partyvolk darüber her.

Hinter den glücklichen Nudeln steht ein Familienunternehmen, vorher haben die Moisejews Kebab und Pizza verkauft. Inzwischen gibt’s eine weitere Filiale im Donauzentrum, eine dritte soll noch im August am Praterstern eröffnen. Dass ausgerechnet Russen Nudeln machen, ist für die Moisejew-Brüder kein Widerspruch: „Die Russen haben auch gute Nudeln“, sagt Josef Moisejew. Gemeinsam mit einem Chinesen haben sie die Geschäftsidee ausgetüftelt, auch das Personal kommt meist aus Fernost.

Crazy Noodels

Doch die Konkurrenz schläft nicht, nur wenige Schritte entfernt werden „Lucky Noodles“ und „Crazy Noodles“ verkauft. „So wie wir schafft das keiner“, sagt Michael Moisejew – obwohl er zugibt, das Geschäft laufe nicht mehr so gut wie noch vor drei Jahren. Deshalb haben sie bereits eine neue Idee, die sie noch geheim halten wollen. Sie verraten aber so viel: Es geht wieder um Nudeln, diesmal nicht chinesisch.

Das Angebot des schnellen Essens ist heute so breit wie noch nie, die rund 1000 aktiven Imbiss- und Würstelstände in Wien müssen um die Kundschaft kämpfen. Waren Anfang des 20. Jahrhunderts die „Bratelbrater“, wie die Würstelstände genannt wurden, die einzige Imbissoption der Stadt, gerieten sie ab den 1970er-Jahren unter Druck.

Zuerst machten ihnen amerikanische Fastfoodketten Konkurrenz – der erste McDonald’s eröffnete am 27. Juli 1977 am Schwarzenbergplatz -, später kamen türkische und schließlich auch asiatische Imbisse dazu. Einst wurden Bratelbrater vor allem von Taglöhnern und Mittellosen aufgesucht, inzwischen sind sie längst Wiener Aushängeschilder, sagt der Stadtforscher Peter Payer. Ihre Entwicklung ist bereits abgeschlossen – ob Sushi, Kebab und Nudeln in 20 Jahren ebenso Teil der Wiener Küche sein werden wie Würstel, bleibt für ihn spannend zu beobachten.

Der Würstelstand etablierte sich im Zuge der Industrialisierung und ermöglichte den Menschen, Zeit zu sparen, indem sie auf dem Weg in die Arbeit im Stehen essen. Die Nudeln gehen einen Schritt weiter, da sie in der Box verkauft und im Gehen gegessen werden können. Das sei charakteristisch für unsere Zeit und eine „klassische Globalisierungsgeschichte“, sagt Payer.

Die ölgetränkte Glutamatkost mit hohem Salzgehalt bezeichnet der Historiker als „schnellen Flash für zwischendurch“. Er würde sich nicht zwischen ihnen und Kebab oder Würstel entscheiden wollen, sondern die gesamte Fastfoodpalette wählen. Für ihn punkten die Nudeln auch mit dem Preis – eine große Portion Ente süßsauer um ein paar Euro sei „einfach unschlagbar“.

Bubble Tea

Aber tut man sich mit dem Low-Cost-Essen wirklich Gutes? „Ungesundes Essen gibt es nicht“, sagt Katharina Philipp, Leiterin des Berufsverbandes der Ernährungswissenschaftler. Sie sagt, ein- bis zweimal pro Monat würde Fastfood nicht schaden. Wichtiger sei es, eine Leberkäsesemmel mit 450 Kalorien als vollwertige Mahlzeit wahrzunehmen und nicht nur als kleinen Snack zwischendurch. In Hinblick auf das neue Geschäft mit der Billig-Nudel meint sie: „Qualität kostet in der Regel“ und rät, vor allem bei Sushi auf die Herkunft zu achten.

Die Stadt Wien registriert bei den Nudelbratern jedenfalls nicht mehr Beanstandungen als üblich, sagt Andreas Müller, Leiter der Abteilung für Lebensmittelaufsicht – wenngleich es aufgrund von hoher Fluktuation und mangelnden Deutschkenntnissen vermehrt Mängel bei der Hygiene des Personals gebe. Er betont aber auch, dass sein Magistrat einzig über die Sicherheit des Essens urteile, nicht über dessen Qualität. Das bleibt wohl jedem selbst überlassen.