„Net zur Numma mecht’ i werd’n“

Bürgermeister Häupl will über Nummerntafeln für Fahrräder nachdenken – Idee stößt auf große Ablehnung: Zu hoher Verwaltungsaufwand, kontraproduktiv, Sommerlochdebatte

„A Mensch mecht’ i bleib’n und net zur Numma mecht’ i werd’n“, sang Wolfgang Ambros vor 30 Jahren. Diese Melodien könnten nun dem einen oder anderen Radler durch den Kopf gehen. Denn Wiens Bürgermeister Michael Häupl regte am Donnerstag an, über Nummerntafeln für Fahrräder nachzudenken, und greift damit eine langjährige Forderung der FPÖ auf.

Dieser Artikel ist am 27.07.2012 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

Ältere Menschen würden sich bei ihm immer wieder über Radler beschweren, erklärte Häupl. Ob Fahrradkennzeichen bei einer Volksbefragung Anfang des kommenden Jahres Thema sein werden, wollte er aber nicht sagen.

Ablehnung kommt von Verkehrsklubs, Grünen, ÖVP und der Fahrradlobby. Und selbst die Radagentur der Stadt Wien zeigt sich skeptisch: Mit einer Million Fahrrädern in Wien wären Nummerntafeln mit erheblichen Verwaltungskosten verbunden, und eine solche Maßnahme wäre „weltweit einzigartig“, heißt es aus dem Büro des Fahrradbeauftragten Martin Blum zur „Wiener Zeitung“.

Das einzige europäische Land, das eine Haftpflichtplakette hatte, war die Schweiz, und die hat sie Ende 2011 eingestellt. Auch Martin Hoffer vom ÖAMTC sagt: „Die Wirkung von Nummerntafeln wird überschätzt.“ Der Rechtsexperte spricht sich für freiwillige Kennzeichen aus: Damit würden Verkehrsregeln einhaltende Radfahrer nicht mehr mit den Rowdys in einen Topf geworfen.

Kein wirksames Mittel gegen Fahrerflucht

„Pure Geldbeschaffung“ und zudem kontraproduktiv wären Nummerntafeln, ist man beim ARBÖ überzeugt. Schließlich wolle man die Menschen auf das Rad bringen, nicht umgekehrt. Und auch zur Verhinderung von Fahrerflucht würden sie nicht taugen: Bei Autos würden Kennzeichen in „maximal 50 Prozent der Fälle“ dazu beitragen, flüchtige Fahrer aufzuspüren. Dass sich Unfallopfer oft nicht an das Kennzeichen erinnern können, bestätigt auch eine Sprecherin der Polizei. Darüber, ob Radtafeln Sinn machen, könne man keine Auskunft geben, „solange es keine gesetzliche Basis gibt“. Im Sommer 2011 gab es in der Innenstadt eine Aktion scharf gegen Radfahrer, derzeit sind 26 speziell ausgebildete Fahrradpolizisten auf ihren Fahrrädern in den Bezirken unterwegs.

„Verwundert“ ist Alec Hager, Obmann der IG Fahrrad, über Häupls Vorstoß, denn dieser sei „weder bürokratisch umsetzbar noch Sinn bringend.“ Für ihn ist das Ganze schlichtweg ein „Sommerlochthema“, da die Einführung eines Meldesystems nicht realisierbar sei.

Sinnvoll im „Kampf gegen Radrambos“ sind Tafeln indes nach Meinung der FPÖ, die diese schon lange will. Dagegen ist der grüne Verkehrssprecher Christoph Chorherr: Hoher Verwaltungsaufwand, Änderungen der Straßenverkehrsordnung und kein Schutz vor Rowdys sind seine Gegenargumente: „90 Prozent aller Unfälle mit Verletzten und Toten werden nicht durch Radfahrer ohne Kennzeichen, sondern durch Autos mit Kennzeichen verursacht.“

Rückendeckung bekommt er vom schwarzen Verkehrssprecher Roman Stiftner: „Warum soll ich alle mit Gebühren bestrafen, weil sich einige nicht richtig verhalten?“ Verkehrsklubmitglieder haben übrigens automatisch eine Haftpflichtversicherung, und Hoffer ist dafür, dass eine solche zur Pflicht wird. Damit wäre dann nicht das Fahrrad, sondern der Mensch versichert. In diesem Sinne: A Mensch mecht’ i bleib’n.