Schön im Schritt


Die einen lassen sich ihre Schamlippen kürzen, die anderen feiern die Vulva als Kunstobjekt. Das weibliche Geschlecht als Kampfzone und Goldgrube.
Unten ohne und breitbeinig sitzt Anna Daxbacher in einem Ohrensessel, während ihr die Künstlerin Gloria Dimmel graue Abdruckmasse auf das Genital schmiert. In einer Privatwohnung im 17. Bezirk lässt sie einen Gipsabdruck ihrer Vulva – dem äußeren weiblichen Geschlecht – anfertigen. Wozu? „Man sieht sich nie so“, sagt die junge Frau mit den tätowierten Armen. „Also nicht in dieser Perspektive, nicht in 3D.“ Dimmel startete das Projekt im Selbstexperiment nach Vorbild des britischen Künstlers Jamie McCartney, der in Brighton mit einer Wand aus 400 Vagina-Abdrücken im Vorjahr Furore machte. Ziel dieser Aktionen ist es, die Vielfalt der Vulven zu zeigen. Dieser Artikel ist am 23.7.2018 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.
Wenig Kontakt im Alltag

„Hier sieht man, wie verschieden alle sind. Und alle sind schön“, sagt Daxbacher und blickt auf die Abdrücke, die sich zu Dutzenden in Dimmels Schlafzimmer stapeln.

Ob in der Dusche oder am WC: Männer kommen mit ihrem Geschlecht im Alltag ständig in Berührung. Wollen Frauen in ihr „zweites Gesicht“ blicken, müssen sie ein wenig kreativer werden, und manche finden sich untenrum so hässlich, dass sie lieber gar nicht hinschauen: Laut einer australischen Studie wissen 50 Prozent der Frauen nicht, wie eine „normale“ Vulva aussieht. Eine von sieben kann sich vorstellen, sich operieren zu lassen.

In Selbsterfahrungsgruppen zum „dunklen Kontinent“

Den 68er-Frauen dürfte es alle Haare aufstellen, wenn sie das hören. Schließlich kämpften sie vor 50 Jahren für die Emanzipation des sozialen, aber auch des biologischen Geschlechts. Mit Spiegeln bewaffnet traf man sich in Selbsterfahrungsgruppen, um den „dunklen Kontinent“ – wie Sigmund Freud die weibliche Sexualität nannte – zu erforschen.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute wird Sexualität nicht mehr in Hippie-Kommunen ausverhandelt, sondern auf Porno-Seiten im Internet. Hier lernen Jugendliche, wie Sex zu funktionieren und ihr Geschlecht auszusehen hat. Das hat weitreichende Folgen. Studien zeigen zwar, dass junge Menschen zwischen Porno und Realität unterscheiden können.

Doch von Schönheitsidealen bis hin zu Sexpraktiken prägt sich so manches eben doch ein: Viele Teenager glauben, Ins-Gesicht-Spritzen und Analsex gehörten dazu, und das durchaus beim ersten Mal, beschreibt die Psychologin und Autorin Sandra Konrad in ihrem Buch „Das beherrschte Geschlecht“. Sie sprach mit Dutzenden Frauen zwischen 18 und 45 Jahren über Sex. Unter anderem fragte sie, ob die Frauen ihr Geschlecht mögen. „Hab‘ ich mir noch nicht sooo genau angeguckt“, „Ganz ehrlich: Nicht wirklich, ich finde es überhaupt nicht schön“ oder „Penisse sehen irgendwie hübscher aus“ waren typische Antworten.

Sprachliche Pedanterie?

Konrad kommt zu dem Schluss, dass Frauen, anders als Männer, nicht dahingehend sozialisiert werden, stolz auf ihr Genital zu sein. Bezeichnungen wie „bestes Stück“ und „Schamlippen“ sprechen Bände. Erstaunlich ist auch, dass viele Frauen kein Wort haben, mit dem sie ihr Geschlecht gerne bezeichnen.

„Muschi“ oder „Mumu“ klingt vielen zu sehr nach Kindersprache. „Vagina“ und „Scheide“ sagt man vielleicht beim Arzt, aber nicht im Bett. Feministinnen fordern, endlich den biologisch korrekten Begriff „Vulva“ zu verwenden. Manchen geht diese „sprachliche Pedanterie“ zu weit. Um beim Frauenarzt Beschwerden zu beschreiben, ist es jedoch notwenig, die Dinge beim Namen nennen zu können, und das richtige Vokabular erleichtert es, sexuellen Missbrauch anzusprechen.

Mit „Sex and the City“ zur Glatze im Schritt

Aber sind wir heute nicht aufgeklärter als je zuvor? Hat Charlotte Roche mit ihren „Feuchtgebieten“ nicht schon vor Jahren mit allen Tabus in der Intimzone gebrochen? Frauen sprechen doch spätestens seit „Sex and the City“ unverblümt über alles, was Sexualität betrifft, oder? Leider nein. Die 90er-Hit-Serie, in der es sich vier Freundinnen zum Lebensziel gemacht haben, den Mann fürs Leben zu finden, hat etwas ganz anderes erreicht: Den weltweiten Trend zur aalglatten Intimzone.

Mit einer Spachtel verteilt Caro heißes Wachs zwischen den gespreizten Beinen ihrer Klientin, ruckartig zieht sie die Streifen ab. Wir befinden uns in einem Waxing-Studio in Wien-Alsergrund, die Kosmetikerin wiederholt das Prozedere rund 30 Mal, einzelne widerständige Haare reißt sie mit der Pinzette aus. Beim Brazilian Waxing, bekannt aus „Sex and the City“, wird das Schamhaar komplett entfernt.

Es ist so schmerzhaft, dass man meinen könnte, die Haut wird mit abgezogen. Am Ende der Prozedur ist die Vulva wund und gerötet, und sieht ein wenig aus wie ein gerupfter Truthahn, der zu lange in der Sonne gelegen ist. Wer tut sich das freiwillig an? „Unten Haare zu haben, das geht für die Jungen gar nicht. Vor allem die ganz Jungen wollen die Haare komplett weghaben“, sagt Caro.

Vom Waxing zur Intim-OP

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet sie im Dienste der Schönheit. Die Quadratmeter des Studios wurden immer wieder erweitert, es gibt inzwischen mehrere Standorte. Das Geschäft läuft gut, und die beliebte Glatze im Schritt beflügelt einen weiteren Trend: die millionenschwere Schönheitschirurgie. Denn fehlt das Schamhaar, werden die Schamlippen, mit denen viele Frauen unzufrieden sind, besser sichtbar. Keine andere Nische der Schönheitschirurgie wächst so rasant wie die Verkleinerung der Schamlippen: Von 45 Prozent mehr Eingriffen pro Jahr berichtet eine Studie der „International Society of Aesthetic Plastic Surgery“.

Die Labioplastik, wie die Korrektur der Schamlippen (Labien) genannt wird, zählt inzwischen zu den häufigsten plastischen Eingriffen weltweit – an Platz eins und zwei rangieren jedoch nach wie vor Brust-OPs und Fettabsaugungen.

In Großbritannien verzeichneten plastische Chirurgen im Bereich der Labioplastik einen 300-prozentigen Zuwachs innerhalb von zwei Jahren. Zwischen 2015 und 2016 ließen mehr als 200 minderjährige britische Mädchen ihre Schamlippen operieren, 150 von ihnen waren noch keine 15 Jahre alt, berichtet die BBC und zitiert die nationale Gesundheitsbehörde NHS. Bereits neunjährige Mädchen würden nach dem Eingriff fragen, weil sie das Aussehen ihrer Vulva massiv belaste, sagte die britische Ärztin Naomi Crouch der BBC. In Großbritannien wurde deshalb eine Informationskampagne gestartet, die aufklären und die Vielfalt der Vulven zeigen soll.

Auch in Österreich legen sich immer mehr junge Frauen unters Messer, und manche von ihnen sind noch minderjährig. In seltenen Fällen werden die Kosten sogar von der Krankenkasse übernommen, berichtet die Schönheitschirurgin Andrea Rejzek im Interview mit der „Wiener Zeitung“.

Der Eingriff ist risikoarm und dauert etwa zwei Stunden, Patientinnen können noch am selben Tag nach Hause gehen, sagt Rejzek. Ganz anders klingt das in dem Buch „Viva la Vagina“: „Wenn man Labien kürzt, entfernt man einen wichtigen und hochsensiblen Teil. Es können Narben zurückbleiben, die permanente Schmerzen verursachen“, schreiben die Medizinerinnen Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl. Beim Thema Schönheitschirurgie sind die Fronten verhärtet: Die einen lehnen diese strikt ab, die anderen betonen, ein Eingriff sei die alleinige Entscheidung der Frau.

„Untenrum anders“

„Leute, die das Problem nicht haben, brauchen gar nicht mitreden“, sagt Lisa May (Name geändert, Anm.). Nachdem die 28-jährige Werbefachfrau seit zehn Jahren unter ihnen Schamlippen gelitten hat, ließ sie diese vor einem Monat kürzen. Mit 17 Jahren machte sie ihr erster Freund darauf aufmerksam, dass sie untenrum anders aussehe als andere Frauen. „Da war mein Selbstbewusstsein natürlich im Keller“, erzählt May. Seither zeigte sie sich nur noch ungern nackt oder im Bikini. Lange Zeit traute sie sich nicht, Hilfe zu suchen – bis sie im Netz fündig wurde.

Gibt man im Internet „Schamlippenkorrekturen“ ein, stößt man auf unzählige Chirurgen, die die OP als „Verjüngung des zweiten Gesichts der Frau“ anpreisen, die zu einer Steigerung der Lebensqualität führen soll. Man liest, hervorstehende innere Schamlippen wären unangenehm beim Radfahren oder Reiten, und würden zu gesundheitlichen Beschwerden führen. Medizinisch ist das umstritten, auch die plastische Chirurgin Rejzek sagt: „Die meisten Probleme sind ästhetisch und haben einen psychischen Beigeschmack.“ Doch dieser Beigeschmack kann so stark sein, dass er alles andere übertönt.

„Die Schamlippen haben sich oft eingezwickt oder beim Sex verstülpt. Es war einfach unpraktisch. Bei mir war es eher dieser Grund als ein optischer“, meint May. Obwohl ihre Vulva noch nicht ganz verheilt ist, ist sie froh, dass sie den Eingriff hat machen lassen. Zum ersten Mal fühle sich ihr Intimbereich jetzt „richtig an, vorher war er wie ein Fremdkörper“. Sie empfiehlt aber, sich vorab gründlich zu informieren, von wem man sich operieren lässt.

Mays innere Schamlippen waren 2,5 Zentimeter länger als ihre äußeren. Bei den meisten Patientinnen seien es drei oder vier Zentimeter, erzählt Rajzek.

Schamlippen verändern sich

Oft fehlt das Wissen, dass innere Schamlippen die äußeren durchaus überragen dürfen. Die Autorinnen Brochmann und Støkken Dahl führen dieses Missverständnis auf mangelhafte Sexualpädagogik zurück. Denn dort erfährt man zwar, dass während der Pubertät Penis, Brüste und Schamhaare wachsen. Dass sich auch die Schamlippen verändern, stehe in kaum einem Lehrbuch.

Ihr Fazit: „Würden Mädchen schon in der Volksschule lernen, dass sich ihre Genitalien verändern werden, würde es den Trend zur Intimchirurgie vielleicht nicht geben.“

Der Gegentrend zur normierten „Designer Vagina“ wird derzeit in Büchern und Dokus mit Titeln wie „Viva la Vulva“ zelebriert, die das Image des weiblichen Geschlechts aufpolieren wollen. In Berlin boomen spirituell angehauchte Kurse, bei denen sich Frauen, umgeben von Blütenblättern und Räucherstäbchen-Duft, gegenseitig zwischen die Beine schauen und beschreiben, was sie sehen. In Wien sucht man lange, um einen solchen Kurs zu finden. Im Verein „Schwelle“ im 15. Bezirk kommen Besucherinnen des „Frauenkreises“ mithilfe von Yoni-Massagen mit ihrem Geschlecht in Berührung. Wem das zu New Age ist, sollte sich in der Szene zwischen Kunst und Aktivismus umsehen, die sich mit Häkel-Muschis, Vulva-Galerien auf Instagram und Gipsabdrücken des Themas annimmt.

Auch Feministinnen kennen Selbstzweifel

Die Frauen bei der Abdruck-Session im 17. Bezirk, die meist aus dem queer-feministischen Umfeld kommen, können mit dem Trend zum haarlosen Barbie-Ideal jedenfalls wenig anfangen. Sie klagen ihr Leid, dass sie sich für den Abdruck rasieren mussten.

Doch auch Feministinnen kennen Selbstzweifel: Sie erzählen, sie hätten Jahre gebraucht, bis sie ihre Vulven so akzeptiert haben, wie sie sind. Vielleicht braucht es einfach seine Zeit, bis man soweit ist?

Tabu-Zone Vulva

Wichtig wäre, die Vulva aus der Tabuzone zu holen und endlich über sie zu sprechen. Außer ihrem Partner, der eher gegen die OP war, hat May niemandem von ihren Selbstzweifeln und dem chirurgischen Eingriff erzählt – auch nicht ihrem Gynäkologen oder ihren engsten Freundinnen. Sie sagt: „Es gab Phasen, in denen ich sehr unsicher war. Ich habe mich gefragt: Ist das extrem bei mir, oder ist es normal? Habe ich Freundinnen, die auch so aussehen?“ und kommt zu dem Schluss: „Wären Frauen aufgeklärter, würden sie sich in ihrem Körper wahrscheinlich wohler fühlen.“ Und das vielleicht sogar ohne OP.

Information
Wer „Vagina“ oder „Scheide“ sagt, meint meist die Gesamtheit der äußeren primären Geschlechtsorgane – also die Vulva. Sie besteht aus Venushügel, inneren und äußeren Schamlippen, Klitoris, Harnröhren- und Scheidenöffnung. Die Vagina ist lediglich jene Körperöffnung, die die Vulva mit der Gebärmutter verbindet – also jenem Schlauch, mit dem man Penetrationssex hat und Kinder gebärt.
Weltweit boomt das Geschäft mit der Labioplastik: Meistens werden bei diesem chirurgischen Engriff die inneren Schamlippen, die Labien, gekürzt.

Literaturtipps:

Viva la Vagina!: Alles über das weibliche Geschlecht
von Nina Brochmann, Ellen Støkken Dahl, S. Fischer Verlag, 2018

Das beherrschte Geschlecht: Warum sie will, was er will, von Sandra Konrad, Piper Verlag, 2017

Vulva: Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts
von Mithu M. Sanyal, Wagenbach Verlag, 2017