Schlagwort-Archiv: Reportage

„Wir haben gehofft, dass es besser wird. Aber es gibt kein Syrien mehr“

0xUmFuZG9tSVbivsTeTcIdMQ6eEl1sESGKgZBaOKqfhy7AbQTtHCRZZuWNEyMR3KJ3eSL1IDtZSHKZ2CokZufgCA==Über müde Gesichter am Wiener Westbahnhof legt sich ein breites Lächeln, die Arabisch-Dolmetscherinnen haben Tränen in den Augen. Zum ersten Mal hält Amir (Name geändert) seinen Sohn am Arm, zum ersten Mal seit einem Jahr sieht er seine Frau wieder. Als der Syrer 2014 nach Österreich floh, war seine Frau schwanger. Inzwischen ist sein Sohn sieben Monate alt; Amir kann kaum glauben, dass sie nun endlich vereint sind. Die Frau, die mit ihrem Bruder und einem Freund vor einem Monat aus Syrien geflüchtet ist, kam am Freitagvormittag mit dem Bus von der ungarischen Grenze am Wiener Westbahnhof an. Bis zum Nachmittag waren es rund 50 Busse, die von Nickelsdorf hier ankamen. Im Vergleich zum vergangenen Wochenende, an dem noch 730 Menschen Asyl beantragten, waren es von Montag bis Donnerstag 1141 Menschen.

Diese Reportage ist am 11.9.2015 in der „Wiener Zeitung“ erschienen und hier nachzulesen. Die Fakten hat Siobhán Geets recherchiert, ich habe mich am Wiener Westbahnhof umgesehen.

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Amazonen auf vier Rollen

(c) Luiza Puiu

(c) Luiza Puiu

Punkrock-Attitüde, Rangeleien, keine Spur von braven Mädchen von nebenan: Roller Derby ist ein Vollkontaktsport, der auf Rollschuhen und vorwiegend von Frauen ausgeübt wird. Seit einigen Jahren gibt es mit Vienna Roller Derby auch eine Wiener Mannschaft. Ein Wiener Unikum sind die männlichen Cheerleader: Die „Fearleader“ treten mit Stirnbändern, Stulpen und türkisen Hotpants an und feuern die Spielerinnen mit Pompons an. Multimedia-Reportage Vienna Roller Derby vs. Dresden Pioneers: http://wienerzeitung.at/rollerderby

Schmerz? Oder süßer Schmerz?

(c) Martina Velicky

Die heilige Stadt Rishikesh im Norden Indiens gilt als Welthauptstadt des Yoga. Bericht von einem Selbstversuch, sich in 28 Tagen zur Yogalehrerin ausbilden zu lassen. Ein junger Inder packt mich an der Schulter, presst sein Knie in meinen Rücken und dreht dessen oberen und den unteren Teil in zwei verschiedene Richtungen. Ich komme mir vor wie ein Stück nasse Wäsche, das ausgewunden wird. 15 angehende Yogalehrer harren in der Rumpfdrehung aus. Lehrer Prashanth – strahlend weiße Zähne, Ansatz eines Schnauzers und goldener Ring im Ohr – zählt in melodischem Singsang: „Eiiight, niiine, teeen“; das sind keine Sekunden, sondern Yogi-Atemzüge, also halbe Ewigkeiten. Wir sitzen am Boden, die Beine überkreuz, und während sich meine Gesichtszüge immer mehr verkrampfen, fixiert mich Prashanth mit seinem breiten Eddie-Murphie-Lächeln und fragt: „Schmerz? Oder süßer Schmerz?“

Diese Reportage ist am 25.4.2015 im „Extra“ in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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Jogging-Hose, Hitlergruß und Reichsfahne

Links etwa 300 Pegida-Anhänger, rechts etwa 200 Pegida-Gegner. Bei der Gegendemo zählte die Polizei insgesamt 5000 Menschen. (c) Luiza Puiu

Links etwa 300 Pegida-Anhänger, rechts etwa 200 Pegida-Gegner. Bei der Gegendemo zählte die Polizei insgesamt 5000 Menschen. (c) Luiza Puiu

Pegida kam nicht vom Fleck: Premiere in Wien mit bescheidenem Zulauf und 5000 Gegendemonstranten.  „Nichts sag’ ich Ihnen, Sie verbreiten nur Lügen!“, sagt ein Mann und zieht seine Frau und seinen Sohn weg. Die Presse mag hier niemand: Einige Hooligans attackieren einen Fotografen, eine Journalistin wird bedroht, als sie twittern möchte. „Ich bin kein Rassist, meine Frau ist Rumänin, aber was da mit uns passiert, ist arg“, sagt der Mann schließlich und kehrt der Journalistin endgültig den Rücken.

Der Artikel von Marina Delcheva und Bettina Figl ist am 2.2.2015 in der Wiener Zeitung erschienen. Pegida-LIVE-BLOG zur Nachlese, mehr Fotos von Luiza Puiu in der Fotoslideshow  auf WZ Online.

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Sackerl oder Packerl?

(c) Stanislav Jenis

(c) Stanislav Jenis

Demo-Training vor WKR-Ball: Linke Aktivisten üben Sitzblockaden und wie man an Polizei vorbeikommt. Mit angezogenen Beinen am Boden sitzend, die Arme darunter verschränkt, kompakt wie ein geschnürtes Paket. Eigentlich ganz kommod. Die Polizei, gespielt von zwei jungen Linken, marschiert an. Mit den Worten „Wie war das bei Pilates? Aus den Knien heben?“ packen sie die Demonstrantin im schwarzen Antifa-Look und tragen sie davon. Das ist die „Packerlmethode“. „Wenn die Polizei mit Schlagstöcken oder den Füßen mithilft, ist es weniger gemütlich“, wird erklärt.

Dieser Artikel ist am 22.1.2015 in der Wiener Zeitung erschienen.

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Verdrängte Nachteulen

© Janine Schranz

© Janine Schranz

Durch das Wiener Prostitutionsgesetz hat sich der Straßenstrich an die Peripherie verlagert und ist für die Frauen unsicherer geworden. Erlaubniszonen und Sexboxen sind umstritten
Ihre Kollegin hatte gerade einen Kunden, also beugt sich Nati über das Bett, streift das Bettlaken zurecht und stellt das Gleitgel wieder auf seinen Platz. Sie ist Sexarbeiterin, einer ihrer Arbeitsplätze ist ein kleines Bordell in Penzing. In einem der drei Zimmer stellt sie einen Hocker zwischen gynäkologischen Stuhl und Himmelbett, vom Himmel baumeln Handschellen, und nimmt Platz. Früher wollte sie etwas mit Sport oder Kunst machen, doch nach der Lehre heuerte sie als Escort an. Sie sei „immer schon eine Nachteule gewesen“, erzählt die 31-Jährige. Inzwischen ist sie seit 11 Jahren im Geschäft, nach wie vor macht sie als Escort Hausbesuche, womit sie sich in einen legalen Graubereich begibt. Ans Aufhören denkt sie nicht, die Arbeit sei ein angenehmer Ausstieg aus dem Alltag, meint sie.

 

Dieser Artikel ist am 26.9.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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Bildungs-Vorbilder

 Lehrerin Claudia Müllauer mit ihrer 3. Klasse der NMS in Wien-Favoriten.© Jenis


Lehrerin Claudia Müllauer mit ihrer 3. Klasse der NMS in Wien-Favoriten.© Jenis

Akademiker und Jugendliche lernen mit Kindern aus benachteiligten Familien

„Wovon träumt ihr?“, fragt die Klassenlehrerin Claudia Müllauer in lupenreinem Englisch. Ein Schüler zeigt auf und antwortet – nicht ganz so akzentfrei, aber immerhin auch auf Englisch -, er wäre gerne sein eigener Chef. 10 Uhr Vormittag in der 3b in der Neuen Mittelschule Leibnizgasse in Wien-Favoriten. In der Englischsstunde sollen die 12- bis 13-Jährigen ihre Zukunftswünsche auf weißes Papier schreiben. Trotz des großen A3-Formats sagt eine Schülerin nach einer Viertelstunde: „Mein Blatt ist voll.“

Dieser Artikel ist am 19.9.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschinen und hier nachzulesen.

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Eine Schule, nicht wie damals

(c) Stanislav Jenis

(c) Stanislav Jenis

Mehr als Landwirt: Ausbildung und späteres Betätigungsfeld der Bauern sind breiter geworden – doch Betriebs- und Haushaltsmanagement bedienen nach wie vor konservative Rollenmuster
In der Ferne drehen sich Windräder im Kreis, grüne Felder, so weit das Auge reicht. Aus den Stallungen ertönt Stiergebrüll. Während Schüler anderswo ihre Pausen in grauen Schulhöfen verbringen, erstreckt sich das Gelände der landwirtschaftlichen Fachschule (LFS) in Obersiebenbrunn auf knapp 50 Hektar: Apfelbäume säumen die Wege, auf den Feldern wächst so ziemlich alles, von Erdäpfel über Sonnenblumen bis hin zu Mais. Der Ort im Bezirk Gänserndorf ist eine halbe Stunde von Wien entfernt, für 160 Jugendliche hat hier vergangene Woche das neue Schuljahr begonnen.

Dieser Artikel ist am 8.9.2014 in der „Wiener Zeitung“ erschinen und hier nachzulesen.

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Tanz den Suizid

(c) Janine Schranz

(c) Janine Schranz

Tanzunterricht bei Ko Murobushi, einem der großen Meister der japanischen Tanzform Butoh. Ein Selbstversuch. Ko Murobushi klatscht in die Hände und ich kippe, einen Todesschrei ausstoßend, steif wie ein Brett nach vorne. Meine Handflächen schnalzen auf den harten Boden und ich lande in der Liegestützposition. Wer hätte gedacht, dass ich mich bei meinem Freitod so lebendig fühle. Ob der Suizid „schön und grotesk“ anzusehen war, wie es der Butoh-Meister angeordnet hatte, weiß ich nicht, und es bleibt auch keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen: „Look from your grave“, sagt Murobushi in japanisch gefärbtem Englisch. Mein Blick trifft den einer Kursteilnehmerin ein Grab weiter. Mehr Fotos von den ImPulsTanz-Workshops 2014 (c) Janine Schranz.

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Liebesgrüße nach Moskau und Brüssel

(c) Lukas Hiller

Moldau könnte zum Spielball russischer Interessen werden – eine Reportage aus dem südosteuropäischen Entwicklungsland.

Chisinau. Der Fahrer steigt auf das Gaspedal, Evelina Cretu krallt ihre Fingernägel in den Vordersitz. Sie weiß, was jetzt kommt: Der Mini-Bus hat die Grenze zur Republik Moldau („Moldawien“, s. Wissen) passiert und brettert über Schlaglöcher. Lockert sie den Griff, hebt es sie aus dem Sitz. Die rumänische Grenze, die seit Rumäniens EU-Beitritt 2007 auch EU-Grenze ist, verkleinert sich im Rückspiegel. In vier Stunden wird der Bus sein Ziel erreichen, die moldauische Hauptstadt Chisinau. Die vorbeirauschenden Häuser sind unverputzt und mit grauem Wellblech bedacht, Bauern beackern die Felder mit Sensen. Ein Pferd, das einem Fuhrwerk voran gespannt ist, bäumt sich wiehernd auf.

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